2019 M02 3 - 13:53 Uhr

Grundschülerin wurde anscheinend heftig gemobbt

Dieser Fall erschüttert: In Berlin hat eine Elfjährige Selbstmord begangen. Sie wurde an ihrer Grundschule anscheinend so sehr gemobbt, dass sie keinen anderen Ausweg sah. An der Schule gab es schon mehrere massive Mobbingfälle, erzählte ein Elternvertreter. Unternommen wurde aber nichts dagegen, kritisiert er. Im RTL-Interview erklärt die Psychologin Haik Schönherr, warum es schon an Grundschulen zu Gewalt und Mobbing kommen kann und was Eltern und Lehrer dagegen tun können.

"Die Lehrer sind überfordert"

Den Fall in Berlin hält die Psychologin für ein "absolutes Drama". "Ein ganz junger Mensch hat sich aus dem Leben genommen." Das Mädchen habe aufgehört am Leben teilzunehmen, und an irgendetwas Freude zu haben. "Das muss man sich mal vorstellen in dem Alter". Schüler und Lehrer an der betroffenen Schule bräuchten jetzt dringend Hilfe, um mit der Trauer und den Schuldgefühlen umzugehen.

"Wir waren alle total geschockt", bestätigt Elternvertreter Daniel Richter. "Gewalt und Mobbing ist schon länger ein Thema", erklärt er. Bisher hätte die Schule aber keine Maßnahmen dagegen ergriffen. Alle Vorschläge seien abgelehnt worden mit der Aussage: Wir haben Lehrermangel. "Die Lehrer sind überfordert", meint Richter.

Auch die Kerzen, Kuscheltiere und Plakate, die nach dem Tod des Mädchens vor der Schule abgelegt wurden, seien einfach weggeräumt worden, kritisiert der Elternvertreter. So als wolle man die Sache einfach unter den Teppich kehren. "Wir dürfen nicht vergessen", meint er. Darum veranstalten Schüler und Eltern am Abend auch eine Mahnwache, um dem toten Mädchen zu gedenken und um ihrer Familie Rückendeckung zu geben. An der Schule müsse aber dringend etwas passieren, sagt der Vater. Er fordert mehr Aufklärung und Prävention, was das Thema Mobbing angeht.

Inzwischen hat sich auch die Polizei und der Bürgermeister eingeschaltet. "Ich bin sehr betroffen vom Tod der Schülerin", sagte der Regierende Bürgermeister Michael Müller. Er versprach eine umfassende Aufklärung des Falls. Die Schulverwaltung werde das genau untersuchen. Und die Berliner Polizei leitete ein sogenanntes Todesermittlungsverfahren ein.

Aus Frust wird schnell Aggression

Mobbing an der Grundschule
Schon an der Grundschule gibt es Kinder, die heftig gemobbt werden, wenn niemand eingreift, um den Opfern zu helfen. (Foto: Motivbild)
© picture alliance / dpa, Nicolas Armer

In der Grundschule geht es für Kinder vor allem darum, sich ohne Eltern in einer Gruppe zu bewegen und ihren Platz zu finden, meint die Psychologin. Es komme vor allem darauf an, wie Kinder mit ihrer Frustration umgehen, wenn sie in Situationen geraten, wo etwas mal nicht so läuft, wie sie sich das vorgestellt haben.

Es gebe Kinder, "die nicht gut gelernt haben, mit Frustration umzugehen, die sich dann ärgern und diesen Ärger einfach weitergeben", erklärt Schönherr. Je nach Gruppenzusammensetzung können sich da gefährliche Dynamiken entwickeln, wenn diese Kinder sich auf ein bestimmtes Opfer eingeschossen haben.

"Es geht also darum, die Frustrierten dahin zu bringen, dass sie gewertschätzt werden, dass Gewalt keine Lösung ist, und dass es wichtig ist über Konflikte zu sprechen", meint die Psychologin. Lehrer müssten sich dafür einsetzen, dass die Kinder begreifen, "dass Kooperation viel besser ist als Feindschaft".

Eltern und Lehrer sind gefragt

Aus Sicht der Psychologin eigenen sich dafür vor allem Freizeit-Aktivitäten, wie Ausflüge oder Klassenfahrten. Dort außerhalb des eingefahrenen Schulalltags, wo es vor allem um Leistung geht, hätten Kinder die Chance, sich noch mal von einer anderen Seite zu zeigen. Generell sollten Lehrer darauf achten, dass es nicht immer nur um Leistung geht, sondern dass gerade Kinder in der Grundschule die Möglichkeit bekommen, ihre Persönlichkeit voll zu entfalten, rät Schönherr. Es könne auch helfen, sich Unterstützung von außen zu holen.

Auch als Eltern kann man viel unternehmen, um dem betroffenen Kind zu helfen. Wichtig sei aber, dass die Schule auch mitzieht, so die Expertin. Denn wenn es um Mobbing geht, muss die ganze Gruppe verstehen, dass da gerade etwas schief läuft und etwas daran ändern. Die Psychologin rät Eltern, außerschulische Aktivitäten zu organisieren und dem Kind zu helfen, Unterstützer in der Klasse zu finden, um ihm so den Rücken zu stärken. Wenn gar nichts unternommen wird, muss das Kind im schlimmsten Fall aus der Gruppe herausgeholt werden und die Schule wechseln.

Wie erkennt man, ob ein Kind gemobbt wird?

Es ist nicht immer leicht zu erkennen, dass ein Kind gemobbt wird, denn oft schämen sich die Opfer und suchen die Schuld bei sich. "Da müssen Eltern, Lehrer und Kinder wachsam sein, um sowas zu verhindern", meint die Psychologin. Warnsignale können aber sein, wenn das Kind plötzlich keine Lust mehr hat, in die Schule zu gehen.

Auch wenn Kinder im Unterricht nicht mehr mitmachen, sondern stören, sollte man den Gründen dafür auf den Grund gehen. Auch eine Essstörung oder exzessives Lernen bis spät in die Nacht können Anzeichen sein, dass das Kind nicht zufrieden mit sich ist und gemobbt wird. "Je mehr schlechte Erfahrungen ich mache, desto zögerlicher bin ich, desto ängstlicher bin ich", erklärt Schönherr.

Hier gibt es Hilfe in schwierigen Situationen

Kreisen Ihre Gedanken darum, sich das Leben zu nehmen? Versuchen Sie, mit anderen Menschen darüber zu sprechen! Das können Freunde oder Verwandte sein. Es gibt aber auch die Möglichkeit, anonym mit anderen Menschen über Ihre Gedanken zu sprechen. Das geht telefonisch, im Chat, per Mail oder persönlich. Hier finden Sie eine Übersicht über Hilfsangebote.

Wenn Sie schnell Hilfe brauchen, dann finden Sie unter der kostenlosen Hotline 0800-1110111 oder 0800-1110222 Menschen, die Ihnen Auswege aus schwierigen Situationen aufzeigen können.