Rekruten sollten „Intelligent, hart, brutal und schnell" sein

Prozess um Terrorzelle "Gruppe S.": Restaurator Werner S. soll Massenmord geplant haben

Viele der Angeklagten wollen sich nicht offen zeigen
Viele der Angeklagten wollen sich nicht offen zeigen
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13. April 2021 - 19:48 Uhr

Die Gruppe wollte offenbar die Gesellschaftsordnung "erschüttern"

Werner S. sucht Männer. Und er sucht sie sehr diskret. Mit Vorliebe in geheimen Foren des Messenger-Dienstes Telegram. "Intelligent, hart, brutal, schnell" sollen sie sein. Das ist ihm wichtig. Denn Werner S. will Krieg. Den totalen Bürgerkrieg. Und das in Deutschland. Und es ist ihm ernst damit. Die Bundesanwaltschaft formuliert es so: Die Gruppe S. "wollte die Staats – und Gesellschaftsordnung der Bundesrepublik Deutschland erschüttern und letztlich überwinden". Seit Dienstag steht sie nun vor dem Oberlandesgericht Stuttgart, die Gruppe S. – benannt nach ihrem Anführer, dem 53-jährigen gelernten Restaurator aus dem Landkreis Augsburg. Und was sie angeblich planten, ist ein Massenmord. Politiker, Muslime, Antifaschisten, Juden sollten getötet werden. Blut sollte in den Straßen fließen, so ihre hasserfüllte Phantasie.

Vorwurf: Gründung einer rechtsterroristischen Vereinigung

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Am 14. Februar 2020 beendet die Polizei das Treiben der Gruppe S. In den frühen Morgenstunden rückt die Polizei zeitgleich an 13 Orten in Baden-Württemberg, Bayern, Rheinland-Pfalz, NRW, Niedersachsen und Sachsen-Anhalt an. Türen werden aufgestemmt, bewaffnete Einheiten der Polizei dringen in die Wohnungen und Geschäftsräume ein. Zwölf Personen werden festgenommen und zahlreiche Waffen sichergestellt. Handgranaten, Messer, Schrotflinten, Pistolen, Sprengstoff und eine Armbrust. Später sollen dann auch noch Schnellfeuergewehre und Munition sichergestellt worden sein. Zwischen 31 und 60 Jahre sind die Verschwörer alt. Seit Dienstag stehen sie nun vor Gericht. Sie alle sollen, so der Vorwurf, eine rechtsterroristische Vereinigung gegründet und sich an ihr beteiligt haben.

Eines der Mitglieder ist Polizeibeamter in Hamm

Werner S. wird bei seiner Suche auch tatsächlich fündig. Thomas N. meldet sich. Ein Handwerker aus Minden in Westfalen. Er hält die BRD ohnehin für illegal, ist fest davon überzeugt, dass Flugzeuge giftige Chemikalien ausstoßen, um die Bevölkerung zu reduzieren. Und er möchte gerne alle Antifaschisten beseitigen. Ohne Wenn und Aber. Darin ist er sich mit Tony E., der im Pflegebereich in Niedersachsen arbeitet und einigen anderen, die sich der Gruppe S. anschließen, einig. Sie kennen sich nicht, sind ein bunt zusammengewürfelter Haufen an rechtsextremem Gedankengut. Einige hatten eine Nähe zu Bruderschaften, andere zur rechtsextremen Bürgerwehr Wodans Erben oder zu Freikorps.

Auch Thorsten W. findet die Idee grundsätzlich gut. Er rennt in seiner Freizeit gerne mit Schild und Schwert als verkleideter Germane herum und findet, Deutschland werde unterdrückt und ausgebeutet. Und auch er sieht sein Heil im bewaffneten Widerstand. Dabei erwartet man von ihm doch etwas ganz anderes. Denn Thorsten W. ist Polizei-Verwaltungsmitarbeiter aus Hamm und er bestimmt eine Zeitlang unter anderem, wer Waffen tragen darf und wer nicht. Eine hoch brisante Kombination.

Verurteilter Geiselnehmer schwärzt Kameraden bei LKA an

Im Herbst 2019 sucht ein Mann Kontakt zum Bundesamt für Verfassungsschutz. Der Mann ist angeblich selbst Teil der Gruppe S., aber laut eigenen Aussagen nicht mehr gewillt, ihre Gewaltfantasien mitzutragen. In Polizeikreisen ist er jedoch kein Unbekannter. Er ist unter anderem ein verurteilter Geiselnehmer. Da die Antwort auf sich warten lässt, meldet er sich auch beim Landeskriminalamt Baden-Württemberg. Angeblich hat er Informationen zu geplanten Anschlägen.

Dort bittet man ihn zum Gespräch und staunt nicht schlecht. Er berichtet von Gewaltfantasien einer rechtsradikalen Gruppe, er weiß von Waffentrainings und Geldsammlungen zu erzählen. Die Beamten werden hellhörig. Eine BAO, eine Besondere Aufbauorganisation namens "Valenz", wird gegründet. Und ab jetzt läuft das volle Überwachungsprogramm. Telefone werden abgehört, Chatverläufe mitgelesen, Personen überwacht. Ende 2019 ist sich die Bundesanwaltschaft sicher, hier entsteht eine Terrorzelle und Generalbundesanwalt Peter Frank leitet das Ermittlungsverfahren ein.

In ihrer Fantasie nahte der totale Krieg

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Die zwölfköpfige Gruppe S. plant angeblich ein Fanal. Töten wollen sie zum Beispiel die Grünenpolitiker Robert Habeck und Anton Hofreiter. Dann ist der Sturm von mehreren Trupps auf kleine Moscheen in kleinen Orten geplant. Denn, so das Kalkül, dort gibt es weniger Polizei und bis die am Einsatzort ist, ist man schon wieder weg. Oder, zur Not, stirbt man dann eben als Soldat im Kampf für ein neues Deutschland. Danach rechnen sie mit Racheakten von Angehörigen der Getöteten. Muslime die sich bewaffnen, Juden, die hochgerüstet auf die Straße gehen und Politiker und Asylsuchende, die lauthals Vergeltung fordern. In ihrer kruden Fantasie schaukelt sich dieser Konflikt dann immer weiter hoch bis hin zum Krieg. Zum totalen Krieg.

Blutrünstige Fantasien oder echte Pläne?

Am 14. Februar 2020 beendet dann der Generalbundesanwalt das brandgefährliche Treiben. Nun sitzen vier Männer des harten Kerns und acht Unterstützer im Hochsicherheitstrakt der JVA Stuttgart Stammheim. Angeblich soll der Anführer Werner S. aus der Untersuchungshaft sogar geplant haben, den "Verräter" und Belastungszeugen umbringen zu lassen. 50.000 Euro Belohnung soll er einem Mithäftling und Mafia-Mitglied für den Mord angeboten haben. Die große Frage wird nun sein, wie glaubwürdig sind all diese Fantasien. Hat sich hier tatsächlich ein Netzwerk von Terroristen online zusammengefunden, um einen Massenmord zu begehen oder haben hier Rechtsradikale ihren blutrünstigen Gedanken freien Lauf gelassen, ohne sie tatsächlich in die Tat umsetzen zu wollen.

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