Demonstrantinnen rufen: "Schämt euch!"

Nach Gruppenvergewaltigung in Israel müssen elf Angeklagte vor Gericht

15. September 2020 - 20:23 Uhr

Frauen in Israel gehen gegen sexuelle Gewalt auf die Straße

Der Aufschrei war groß, nachdem im israelischen Urlaubsort Eilat am Roten Meer eine 16-Jährige von einer Gruppe Männern vergewaltigt worden sein soll. Das Opfer selbst kann sich an die Tat nicht richtig erinnern, weil es unter Alkoholeinfluss stand. Laut Zeugen sollen aber bis zu 30 Männern an der Tat beteiligt gewesen sein und Schlange gestanden haben, um die 16-Jährige zu vergewaltigen. Doch der Vorfall ist offenbar kein Einzelfall.

Opfer fürchten, dass ihnen niemand glaubt

Zum Prozessauftakt gab es Demonstrationen vor dem Gerichtsgebäude. "Schämt euch", riefen die Demonstrantinnen. Auch nach der Vergewaltigung gingen im ganzen Land viele Frauen auf die Straße. Sie forderten, dass sich in der Gesellschaft grundsätzlich etwas ändern müsse. Frauenrechtlerinnen sprechen sogar von einer regelrechten "Vergewaltigungskultur". Im Video spricht ein Opfer, das sich nach der Tat noch nicht einmal zur Polizei getraut hat. Die Frau, die unerkannt bleiben möchte, sagt, dass sie Angst hatte, dass die Ermittler ihr ohnehin nicht glauben und ihr vorwerfen würden, sie habe es so gewollt.

Anklage gegen elf Tatverdächtige nach Vergewaltigung in Eilat

Gegen elf Tatverdächtige wurde nach der Tat in Eilat bisher Anklage erhoben – darunter drei Erwachsene und acht Minderjährige, wie die Staatsanwaltschaft mitteilte. Ein 27-Jähriger und ein 28-Jähriger sowie 17 Jahre alte Zwillinge müssen sich wegen Vergewaltigung verantworten. Die anderen Personen seien wegen Beihilfe zur Vergewaltigung, sexueller Belästigung und unterlassener Hilfeleistung angeklagt. Laut Medienberichten könnten auch noch weitere Anklagen folgen.

Laut Anklageschrift kam die 16-Jährige mit zwei Freundinnen in den Badeort. Am 12. August habe der 28-jährige Tatverdächtige das Mädchen gefragt, ob es mit ihm ausgehen wolle. Die 16-Jährige lehnte das Date mit dem deutlich älteren Mann jedoch ab. Später habe die 16-Jährige im Hotel viel Alkohol getrunken. Sie sei in einem Zustand gewesen, "in dem sie keine Kontrolle mehr über ihre Taten und ihren Willen hatte". Der 28-Jährige soll sich daraufhin als Sanitäter ausgegeben und behauptet haben, er könne der Jugendlichen helfen.

23.08.2020, Israel, Tel Aviv: Hunderte Demonstranten versammeln sich als Zeichen ihrer Unterstützung eines Mädchens nach einer mutmaßlichen Vergewaltigung der 16-Jährigen durch rund 30 Männer. Foto: Oded Balilty/AP/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
Demonstrationen in Israel
© dpa, Oded Balilty, OB nwi

Israelischer Präsident verurteilte sexuelle Gewalt

Doch statt der erhofften Hilfe kam es dann offenbar zur Vergewaltigung im Hotelzimmer. Die Angeklagten sollen sich gemeinsam äußerst brutal an dem Mädchen vergangen haben. Einer von ihnen filmte die Tat laut Anklageschrift sogar mit dem Handy. Die anderen Tatverdächtigen sollen sich ebenfalls im Hotelzimmer aufgehalten haben. Erst als die 16-Jährige nach dem Urlaub wieder nach Hause zurückgekehrt war, erststattete sie Anzeige.

Der israelische Präsident Reuven Rivlin erklärte in einem offenen Brief, dass solche Vorfälle sexueller Gewalt die Gesellschaft zerstören würden und unverzeihlich seien, wie die "Times of Israel" berichtet. Es ist nicht der einzige Vergewaltigungsskandal in dem Land. Laut der Zeitung werden dort neun von zehn Fällen zu den Akten gelegt, ohne dass es überhaupt je zu einer Anklage kommt. 2018 seien den Behörden alleine 6.220 Sexualverbrechen gemeldet worden – darunter 1.166 mutmaßliche Vergewaltigungen. Zum Vergleich: In Deutschland, wo etwa zehnmal so viele Menschen leben wie in Israel, wurden 2018 der Polizei 9.234 sexuelle Übergriffe und Vergewaltigungen gemeldet.