Prozessauftakt am Landgericht Verden

Sie sollen Andrea K. (19) zur Prostitution gezwungen und an ihre späteren Mörder verkauft haben

Andrea K. wurde in der Weser bei Balge im Landkreis Nienburg ertränkt.
Andrea K. wurde in der Weser bei Balge im Landkreis Nienburg ertränkt.
Polizei Nienburg / Schaumburg

Andrea K. wurde in der Weser ertränkt

Vor dem Landgericht Verden müssen sich seit Dienstag (05.01.) Diego D. (21) und Marc R. (26) wegen Zwangsprostitution verantworten. Sie sollen die psychisch kranke Andrea K. zur Prostitution gezwungen und sie später an andere Zuhälter verkauft haben – ausgerechnet an ihre mutmaßlichen Mörder. Der Richter stellt von Anfang an klar: „Das ist eine menschenverachtete Tat und die werden wir dementsprechend auch bestrafen.“

Die 19-Jährige Andrea K. wurde im April 2020 bei Balge im Kreis Nienburg an eine Betonplatte gebunden und in der Weser ertränkt. Gegen die mutmaßlichen Mörder steht ein separates Verfahren am Landgericht Verden an – voraussichtlich noch im Januar.

Diego D.: "Sie hat vorgeschlagen, zusammenzuarbeiten"

Der Angeklagte Diego D. wohnte eine Zeit lang bei seiner Ex-Freundin in Schöningen im Landkreis Helmstedt. Über seine Ex lernte er auch Andrea K. kennen. „Als Andrea zu mir kam, meinte sie, dass sie gelegentlich gegen Geld Sex mit Bekannten oder Freunden hat. Wir haben uns getroffen, sie hat auch bei mir geschlafen. Wir haben gefeiert, es ging so in Richtung Freundschaft. Wir haben auch gelegentlich miteinander geschlafen“, sagt der 21-Jährige am ersten Prozesstag aus. „Ich habe schon gemerkt das sie mich sehr mochte, vielleicht auch Liebe. Ich mochte sie, habe sie aber nicht geliebt.“ Diego D. ist nach eigenen Angaben drogenabhängig gewesen.

Laut seiner Aussage soll Andrea K. letztendlich die Idee gehabt haben, sich zu prostituieren: „Sie hat mir erzählt, dass sie in Magdeburg war und Freunde von ihr sie für Sex bezahlt haben und dass sie Spaß daran hat. Sie hat vorgeschlagen, zusammenzuarbeiten. Ich sollte Termine für sie machen. Ich dachte mir besoffen und stoned, es wäre eine einfache Gelegenheit, Geld zu verdienen.“ Für die Prostitution habe er auch seine Wohnung in Bad Harzburg zur Verfügung gestellt. Laut eigenen Aussagen habe er die Einnahmen mit der 19-Jährigen geteilt.

Diego D. hat Sex mit Andrea K. im Internet angeboten

Diego D. sagt vor Gericht aus, dass er Andrea. K. auf der Plattform „Markt.de“ angeboten habe. „Ich habe geschrieben „20-jähriges Mädchen“, dann habe ich geschrieben, wie sie aussieht, Haare und so, ihre BH-Größe. Und wenn man mehr wissen will, soll man sich melden“, erzählt er dem Richter und sagt: „Wir hatten keine Preisliste, haben da immer spontan geschaut. Zum Beispiel für normalen geschützten Verkehr eine halbe Stunde lang 100€.“ Durch seinen Anwalt lässt der Angeklagte während der Verhandlung eine Einlassung verlesen: „Es ist auch richtig, dass er Ausfallerscheinungen bei Frau K. festgestellt hat. Wirklich Gedanken darüber hat er sich aber nicht gemacht.“

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Die junge Mutter Andrea K. war psychisch krank

Diego D. erzählt während der Verhandlung: „Ich wusste, dass sie zwei Kinder hatte und dass ihr die wegen Drogen weggenommen wurde und im Pflegeheime leben.“ Anfang März 2020 sei Andrea K. dann „komisch“ geworden: „Es fing klein an, sie hat plötzlich grundlos gelacht. Dann war sie öfters verwirrt, war nicht mehr ansprechbar. Zum Beispiel wenn man gefragt hat wie das Wetter wird, meinte sie: Die Wand ist blau. Und plötzlich ist es richtig schlimm geworden. Sie hat beim Putzen Marmelade in den Spüleimer getan und damit den Boden gewischt.“ Vor dem Richter beteuert der 21-Jährige: „Als der Zustand so war, habe ich das abgebrochen mit der Prostitution.“ Allerdings überlegte es sich Diego D. dann wieder anders.

Andrea K. wurde für 2000 Euro verkauft

Nach eigenen Angaben hat Diego D. die 19-Jährige dann Anfang April zum Probearbeiten in ein Bordell nach Nienburg geschickt und dafür Kokain bekommen. „Den Besitzer kannte ich, weil er mir Drogen verkauft hat. Eine Woche vorher hat er für 100 Euro mit Andrea verkehrt.“ Einen Tag später wollte Diego D. nach Andrea sehen und gucken, wie ihr Zustand ist. „Der war nicht gut, sie hat aufs Bett gepinkelt und hat mit Essen um sich geworfen. “ Weil der Besitzer des Bordells nicht da gewesen sei, habe er die 19-Jährige mitgenommen und am Abend bei ihm angerufen: „Wir haben uns dann geeinigt, ihm Andrea zu verkaufen für 2000€ und 600€ Drogenerlass.“

Marc R. soll bei der Übergabe geholfen haben

Die Übergabe von Andrea K. habe laut Diego D. nachts auf einem Parkplatz in Nienburg stattgefunden. Der zweite Angeklagte, der 26-jährige Marc R., soll dabei gewesen sein: „Ich habe ihn gebeten, mitzukommen, um Präsenz zu zeigen“, denn der Bordellbesitzer sei „schon groß“ und Diego D. eher schmal. Diego D. habe die 19-Jährige dann noch angesprochen: „Ich habe Andrea dann gefragt, ob sie bei ihm bleiben will. Dann meinte sie „ja“, war aber so ein bisschen abwesend. Und er meinte, er kümmere sich um sie und kenne sich mit sowas aus.“

Nur wenige Tage später wird die Leiche von Andrea K. in der Weser bei Balge (Landkreis Nienburg/Weser) gefunden. Bei einer späteren Obduktion wird deutlich, dass sie noch geatmet hat, als sie mit einer Betonplatte ins Wasser geschmissen wurde.

Video von Andrea K. als Beweisstück

ARCHIV - 12.07.2020, Niedersachsen, Balge: Die Weser bei Balge im Kreis Nienburg - an dieser Stelle wurde Ende April die Leiche einer 19-Jährigen entdeckt, die mit einer Steinplatte am Körper lebend ertränkt worden war. (Luftaufnahme mit einer Drohne
Die Weser bei Balge im Kreis Nienburg - an dieser Stelle wurde Ende April 2020 die Leiche der 19-jährigen Andrea K. entdeckt.
dpa sto lop hr hho, dpa, -

Am ersten Verhandlungstag wird auch bekannt, dass es ein Video von Andrea K. gibt, das ihren Zustand kurz vor ihrem Tod zeigen soll. Die Staatsanwältin sagt dazu: „Selbst Hartgesottene bekommen Tränen in die Augen, wenn sie das Video des Opfers von dem Tag sehen.“ Ein Urteil in diesem ersten Prozess gegen Diego D. und Marc R. wird Anfang Februar erwartet.