Sexuelle Hinrichtungsfantasien ausgelebt

"Heimu" wieder vor Gericht: Brunhold S. soll junge Frauen zum Suizid getrieben haben

06. Oktober 2020 - 14:18 Uhr

Er sprach von sich als „Richter über Leben und Tod“

Er wollte ihnen beim Sterben zuhören, zusehen oder sie sogar selbst töten – zu seiner sexuellen Befriedigung. Unter dem Usernamen "Heimu" suchte Brunhold S. (61) in Internetforen nach jungen, labilen Frauen, um sie zum Suizid zu überreden. Zuerst stand er seinen Opfern als Helfer und Freund zur Seite, später inszenierte er sich als "Richter über Leben und Tod". 2017 wurde "Heimu" deshalb bereits zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt – jetzt werden drei weitere Fälle vor dem Landgericht Limburg verhandelt. Es geht um Mord und versuchten Mord.

06.10.2020, Hessen, Limburg: Der Angeklagte, der psychisch labile Frauen zum Suizid gedrängt oder dies versucht haben soll, verdeckt zu Prozess-Beginn sein Gesicht mit einem Aktenordner. Die Staatsanwaltschaft wirft dem 61-Jährigen Mord vor.
Brunhold S. soll mehrere junge Frauen in den Suizid getrieben haben. Jetzt steht er wieder vor Gericht.
© dpa, Anke Bohnhorst, rho cul

Angeklagter Brunhold S. wird schon früh zum Täter

Sadismus und Machtausübung bis zur Todesangst – schon früh fühlt sich Brunhold S. nach eigener Aussage durch diese verstörenden Praktiken erregt. Bereits in den Achtzigern zwingt er eine Prostituierte, bei seinen Hinrichtungsfantasien mitzumachen. Er wird wegen Vergewaltigung und Nötigung verurteilt - kommt jedoch nicht ins Gefängnis, sondern in eine psychiatrische Einrichtung.

"Heimu" suchte sich Frauen mit Minderwertigkeitskomplexen, um seinen Sadismus auszuleben

Danach lebt er seine Fantasien vor allem mit Prostituierten von der Straße aus – die meisten wissen offenbar nicht, worauf sie sich einlassen. Anfang der 2000er Jahre entwickelt er dann seine Masche: In Internetforen zur Selbsthilfe bei Suizidgedanken oder Depressionen sucht er nach jungen, labilen Frauen. Auf die Idee sei er gekommen, weil die Frauen dort meist ein geringes Selbstwertgefühl hätten und leicht zu manipulieren seien, sagt Brunhold S. später aus.

2007 wird er wegen gefährlicher Körperverletzung verurteilt, nachdem eine solche Internetbekanntschaft bei einer nachgestellten Hinrichtung nur knapp überlebt. Doch Brunhold S. kommt mit einer Bewährungsstrafe davon. Das Urteil hält ihn nicht davon ab, sich im Internet unter dem Namen "Heimu" seine nächsten Opfer zu suchen.

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RTL half bei Überführung von Brunhold S.

Mindestens vier Frauen soll Brunhold S. so zu einem Suizidversuch oder sogar zum Suizid getrieben haben. Für eine der Taten wurde er bereits verurteilt und sitzt seitdem im Gefängnis. 2016 verabredet er sich mit der damals 23 Jahre alten Birgit R., um sie im Wald "hinzurichten". Wohl nur durch Recherchen von RTL-Reporter Wolfram Kuhnigk und das Eingreifen der Polizei konnte der Tod der jungen Frau im letzten Moment verhindert werden. Kurz vor dem Treffen nahm die Polizei ihn damals fest – seitdem sitzt er hinter Gittern. Im jetzigen Prozess geht es um drei weitere Taten aus den Jahren 2012, 2015 und 2016 – auch Wolfram Kuhnigk, der die grausame Tat damals an die Öffentlichkeit brachte, ist wieder vor Ort.

Birgit r. Kuhnigk
RTL-Reporter Wolfram Kuhnigk griff zusammen mit der Polizei ein, kurz bevor sich Birgit R. mit "Heimu" hatte treffen wollen.

Petra L. entscheidet sich im letzten Moment für das Leben

Petra L. (Name von der Redaktion geändert) ist eines der Opfer, um deren Fall es im neuen Prozess jetzt geht. "Heimu" lernt sie in einem Forum kennen, spricht sie immer wieder auf mögliche Suizidgedanken an. Schließlich bringt er die junge Frau mutmaßlich so weit, dass Petra L. im November 2015 bereits mit einem Gürtel um den Hals auf einem Stuhl steht. Brunhold S. lauscht unterdessen am Telefon und gibt ihr Anweisungen. Erst im letzten Moment hat die junge Frau einen hellen Augenblick – und entscheidet sich selbständig für das Leben.

"Heimu"-Opfer Petra L.
Petra L. entging dem Tod nur knapp. Auch ihr Fall wird derzeit vor Gericht verhandelt.
© privat

2016 soll er eine junge Frau in den Suizid getrieben haben

Sein nächstes Opfer Katharina K. lernt er im selben Forum kennen. Während Brunhold S. am Telefon zuhört, nimmt sie sich Anfang 2016 das Leben – offenbar angestiftet von dem Mann, der durch Hinrichtungsfantasien erregt wird. Ermittlungen der Staatsanwaltschaft gegen ihn werden damals eingestellt – Beihilfe oder Anstiftung zum Selbstmord sei nicht strafbar, so die Begründung.

Heimu-Opfer Katharina K.
Katharina K. starb, während "Heimu" ihr Anweisungen gab - er hörte zu.
© privat

Nebenklage will Sicherungsverwahrung für Brunhold S. erreichen

Mit einem erzwungenen Wiederaufnahmeverfahren haben die Eltern der jungen Frau jetzt allerdings dafür gesorgt, dass sich Brunhold S. für seine Taten doch noch vor Gericht verantworten muss. "Wir erhoffen uns die Sicherungsverwahrung, damit dieser Mensch keinen anderen Personen mehr so ein Leid zufügen kann", erklärt Daniela Post, Rechtsanwältin der Nebenklage, die Beweggründe.

Die Verteidigung von Brunhold S. geht dagegen von der Unschuld ihres Mandanten in den angeklagten Fällen aus: "Man muss das nicht akzeptieren, was er sexuell für Fantasien hat. Aber er hat zu keinem Zeitpunkt den Vorsatz gehabt, jemandem zu schaden oder sogar zu töten", so Ramazan Schmidt, einer der Verteidiger, im Gespräch mit RTL. 

Verhandlung in Limburg derzeit unterbrochen

Die Frage nach den Absichten von Brunhold S. muss nun das Gericht in Limburg klären. Die Verhandlung wurde am Dienstag allerdings bereits nach Verlesung der Anklage unterbrochen, weil das Gericht über einen Antrag der Verteidigung zur Aussetzung des Prozesses entscheiden muss. Die Verteidigung kritisierte, dass ein psychiatrisches Gutachten erst spät in Auftrag gegeben worden sei und noch nicht vorliege.

Hilfe bei Suizidgedanken

Haben Sie suizidale Gedanken oder haben Sie diese bei einem Angehörigen/Bekannten festgestellt? Hilfe bietet die Telefonseelsorge: Anonyme Beratung erhält man rund um die Uhr unter den kostenlosen Nummern 0800 / 111 0 111 und 0800 / 111 0 222. Auch eine Beratung über das Internet ist möglich unter http://www.telefonseelsorge.de.

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