„Prince Charming“-Kolumne

"Haste einen, haste alle": Ein Märchen über phallusförmige Krawatten und einen heißen Prince

© privat

7. November 2019 - 10:57 Uhr

Von Phillip Syvarth

Endlich Gleichberechtigung im Trash-TV! Sechzehn Jahre nachdem "der Bachelor" zum ersten Mal im deutschen Fernsehen nach seiner Traumfrau gesucht hat, feiert jetzt das schwule Pendant dazu Premiere. Nicolas Puschmann ist "Prince Charming" und darf in der gleichnamigen Show vor der Kamera jetzt das tun, was er vorher wohl in Kölns Schwulenviertel getan hat: Sich durch die Reihen von homosexuellen Männern daten und sich am Ende einen mit nach Hause nehmen.

Mein Name ist Phillip. Ich bin 24 Jahre alt, Student in Köln und Online-Redakteur bei RTL. Meine Vorfreude auf Deutschlands erste Gay-Dating-Show war vorab ziemlich groß, denn endlich bekommen auch schwule Männer die Chance, angemessen repräsentiert zu werden. Kurz bevor ich die Premiere gucke, überkommt mich dann plötzlich eine entscheidende Frage: Was, wenn man sich die 20 Männer im TVNOW-Format nur nach Griechenland eingeladen hat, um sich über exzentrische Exoten lustig zu machen?

Auch mein Kollege Tobias Elsaesser setzt sich mit der Show auseinander – allerdings aus einem ganz anderen Blickwinkel. Denn Tobias ist erstens hetero und steht zweitens überhaupt gar nicht auf Dating-Shows.

Nicolas Puschmann: Sexy wegen Selbstbewusstsein

Ziemlich schnell wird deutlich, dass zumindest der Bachelor – ääh, der Prince – mit Klischees aufräumen will. Denn mit der Sendung erhofft sich Nicolas nicht nur die ganz große Liebe, sondern auch ein wenig "Aufklärung für viele Menschen." Deswegen erzählt er auch ganz offen von seinem Coming-Out. Passend zum Titel der Show ist das übrigens ganz märchenhaft verlaufen: Mit 15 hat Nicolas seiner Familie erklärt: "Leude, ich bin schwul" und alle fanden's cool. Die Positiverfahrung hat dem Prince eine gesunde Portion Selbstbewusstsein verliehen, die ihn ziemlich sexy macht. Und auch abgesehen von seiner charismatischen Art ist Nicolas einfach heiß - oder wie er es selbst gerne formuliert: "Ich glaube mein Arsch ist wirklich knackig und geil!"

Während Nicolas also von seinen Erfahrungen als schwuler Mann erzählt, treffen in der Männervilla derweil die ersten Kandidaten aufeinander - nur um alles andere zu tun, als mit Klischees aufzuräumen. Der mittelbekannte Lars, der in seinem Podcast regelmäßig von schwulem Sex schwärmt, trifft auf Alexander, der bei seinem Hemd am liebsten nur die letzten beiden Knöpfe zuknöpft. Und dann Lars plötzlich so: "Meiner Meinung nach kenne ich ihn" – klar, denn alle Schwule kennen sich untereinander oder um es mit den Worten von Kandidat Sebastian auszudrücken: "Haste einen, haste alle!"

"Prince Charming" ist charismatisch, sprachgewandt und ziemlich trainiert - kurz gesagt: Dieser Prince ist heiß.
"Prince Charming" ist charismatisch, sprachgewandt und ziemlich trainiert - kurz gesagt: Dieser Prince ist heiß.
© TVNOW

"Prince Charming" trifft auf 20 unterschiedliche Männer

Immer mehr Kandidaten treffen aufeinander – an dieser Stelle übrigens ein Kompliment an den Redakteur, der diese Szenen mit Musik unterlegt hat. Denn innerhalb von 15 Minuten werden alle Gay Icons hoch- und runtergespielt: Madonna, Britney, Ariana – "gee thanks", das ist schön! Und während sich die Villa nach und nach füllt, wird immer deutlicher, dass man sich wirklich bemüht hat, ein vielfältiges Homo-Trüppchen zusammenzustellen. Es gibt große und kleine, bärtige und rasierte Männer, trainierte Dudes und dünne Boys und sogar einen, der irgendwie minderjährig ausschaut und mal bei "DSDS" gesungen hat. Ob der sich wohl in das Herz des Prince singen kann?

Übrigens wurden gleich vier der Männer in Deutschlands Schwulen-Hochburg Köln gecastet, was mit dem ersten Alkohol direkt deutlich wird. Denn wie wir zu Beginn erfahren, werden sich die Zungen der Teilnehmer im Verlauf der Staffel weiter lockern und ein paar Schaafenstraßen-typische Sprüche á la "Nennt die Fotze mich einfach Schlampe!" fallen. Da wird sich Nicolas doch bestimmt direkt wie zu Hause fühlen.

„Es ist nicht meine Art, mich wie eine ungebu***e Jungfer an den Rockzipfel zu hängen“

Die "Gentlemen Night" läuft dann recht gewöhnlich ab. Wie man es aus "Die Nacht der Rosen" schon kennt, versuchen alle liebeshungrigen Kandidaten in kürzester Zeit möglichst viel über den potentiellen Traummann zu erfahren. Dabei kommt es irritierenderweise so oft zu "Monogamie"-Schwüren, dass man es den Männern fast schon nicht mehr abnehmen will. Und auch sonst stellt sich natürlich – und wie von "Der Bachelor" bereits bekannt – die Frage danach, wer hier die wahre Liebe sucht und wer nur an Bekanntheit (und Instagram Followern) gewinnen will.

Interessant in dem Zusammenhang ist übrigens das neue YouTube-Video von Lars, in dem er erzählt, wie gerne er mal ins RTL-Dschungelcamp würde. Kölner Aaron hingegen sucht definitiv die große Liebe, wird dem Prince aber nicht hinterherrennen, wie er eloquent erklärt: " Es ist nicht meine Art, mich wie eine ungebu***e Jungfer an den Rockzipfel zu hängen" – Germanistikstudent halt.

Bei "Prince Charming" gibt es Krawatten statt Rosen

Am Ende unterscheidet sich die Show dann doch von seinem Hetero-Vorgänger. Zum Beispiel verteilt Prince Charming keine Rosen, sondern supermännliche, schwarze Krawatten, die irgendwie phallusförmig von einer Stange hängen und darauf warten, an die Teilnehmer verteilt zu werden.

Und dann wäre da noch der wohl größte Unterschied zu "Der Bachelor". Denn in der Homo-Variante können sich die Kandidaten auch schnell mal innerhalb des Kandidaten-Kreises ineinander vergucken. Das passiert auch direkt, zum Beispiel als Martin dem heteroliken Kiril begegnet: "Der Kiril zum Beispiel, der hat eine sehr schöne Ausstrahlung", erklärt er mit glänzenden Augen. Während im Rosen-Format die Frauen gezwungenermaßen auf den Bachelor abfahren "müssen", haben die Jungs hier die freie Wahl.

Mama ist die Beste!

Der Star der Folge ist dann am Ende trotz 21 schwuler Männer eine Frau. Denn Prince-Mama Angelika bringt im Interview das auf dem Punkt, was auch die Show ihren Zuschauern vermitteln möchte: "Für mich sind das Wichtigste meine Kinder und dass die glücklich sind. Ob das dann mit Frau Frau, Mann Mann, Mann Frau, Frau Mann ist - das ist völlig unerheblich." Meine Angst zu Beginn der Show hat sich am Ende also nicht bestätigt. "Prince Charming" erweckt tatsächlich den Anschein, als dürften sich die Teilnehmer hier so darstellen, wie sie wirklich sind. Exentrische Exoten gibt es dabei sicherlich, doch die finden sich ganz wunderbar in einem vielfältigen Kreis aus 21 individuellen Männern ein.

Für die kommende Folge bleiben einige Fragen offen, wegen denen ich gerne wieder einschalte: Wer darf Nicolas auf das erste Date begleiten, wie schnell kommt es tatsächlich zum Techtelmechtel in der Männervilla und natürlich die Frage aller Fragen: Ist der Prince eigentlich Top, Bottom oder Vers?