Schwere Tierschutzverstöße bei Reitstar

RTL Extra deckt verbotene Trainingsmethode „Barren“ bei Ludger Beerbaum auf

Im Mittelpunkt der RTL-Enthüllungen: Springreiter Ludger Beerbaum
Im Mittelpunkt der RTL-Enthüllungen: Springreiter Ludger Beerbaum
© RTL Extra/Collage

16. Januar 2022 - 15:21 Uhr

Die Methoden des Ludger Beerbaum

Neuer Skandal im Reitsport. Durch eine knapp zweijährige Recherche ist es dem Team von RTL Extra und Investigativ-Journalist Günter Wallraff gelungen, den Einsatz unerlaubter Trainingsmethoden im Reitsport sowie Verstöße gegen das Tierschutzgesetz offenzulegen (jetzt auf RTL+ streamen). Im Mittelpunkt der Enthüllungen steht der deutsche Reitstar Ludger Beerbaum – im Video.

Exklusive Videoaufnahmen zeigen Schläge gegen Pferd

Viermal Olympia-Gold, zwei WM-Titel und zahlreiche weitere Auszeichnungen – Ludger Beerbaum ist einer der erfolgreichsten Springreiter der Welt. Mit seinem Unternehmen "Ludger Beerbaum Stables" in Riesenbeck hat er sich ein Imperium des Reitsports aufgebaut. Auf der Anlage kommt es jedoch augenscheinlich zu Verstößen gegen den Tierschutz.

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RTL Extra liegen exklusive Videoaufnahmen einer Insiderin und engen Vertrauten Beerbaums vor, die dies nahelegen. Darauf zu sehen: Ludger Beerbaum, der mit seinem Pferd über ein Hindernis springt, während ein Mitarbeiter mit einer Stange an die Vorderbeine des Tieres schlägt. Diese als "Barren" bekannte Methode stellt einen Verstoß gegen das Tierschutzgesetz dar und ist auch laut der Statuten der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN) in dieser Form verboten.

Durch den Schlag soll das Pferd auf schmerzhafte Weise lernen, die Vorderbeine höher anzuziehen und das Berühren der Hindernisstangen zu vermeiden. In einer späteren Stellungnahme sagt Beerbaum, bei der gezeigten Trainingsmethode handele es sich um das auch von der FN zugelassene "Touchieren". Dies ist eine abgeschwächte Form des Barrens, bei der das Pferd nur durch Halten oder auch Berühren einer weiteren Stange zum höheren Sprung aufgefordert werden soll. In jedem Fall darf nicht so zugeschlagen werden.

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Undercover-Reporterin: "Schmerzen für das Tier sind unerträglich"

Maximilian Pick, Gutachter für Tierschutz und Fachtierarzt, kommt bei der Begutachtung des vorliegenden Materials zu dem Ergebnis, dass die Pferde in diesem Fall eindeutig gebarrt und nicht touchiert werden. Auffällig ist zudem das Regelwerk der FN, das nur zwischen dem verbotenen "Barren" im Sinne eines aktiven Zuschlagens und dem "Touchieren" als Berührung unterscheidet.

Welchen Wert hat das Wohl der Pferde auf dem Hof Ludger Beerbaums? Wird das Leid der Tiere um des Erfolges und des Geldes willen, billigend in Kauf genommen? Die Extra-Reporterin Sina Meyer geht auf Spurensuche und schlüpft für ihre Recherchen Undercover in die Rolle einer Praktikantin im Marketing des Pferdemoguls. Als Angestellte will die Reporterin selbst Zeugin dieser verbotenen Trainingsmethoden werden. Sie entdeckt neben mehrkantigen Holzstangen, die so laut der Insiderin für die verbotene Trainingsmethode zum Einsatz kommen, weitere verbotene Stangen mit verdächtigen Spitzen, die sie so nicht zuordnen kann. Laut Beerbaum werden diese gefundenen Stangen im Training aber nicht verwendet.

"Die Schmerzen, die dem Tier durch das Barren zugefügt werden, sind unerträglich. Die Akteure des Springsports verdienen teilweise Millionen mit diesen Pferden. Auch knapp 30 Jahre nach dem Barr-Skandal der 90er wurde es augenscheinlich nicht geschafft, das Schlagen der Tiere aus diesem Sport zu verbannen", sagt die RTL-Extra-Reporterin: "Ich hoffe, dass unsere Recherchen den Druck auf die Verantwortlichen erhöhen und die Tiere zukünftig besser geschützt werden."

Zu allen Vorwürfen, die Springreiter Ludger Beerbaum betreffen, hatte das Team von RTL Extra um Stellungnahme gebeten, erhielt zunächst jedoch keine Antworten.

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Ludger Beerbaum äußerte sich am Mittwoch wie folgt zum Sachverhalt

Inzwischen hat sich Ludger Beerbaum ausführlich zu unserer Recherche geäußert. In einem Statement auf seiner Internetseite weist er die Vorwürfe von sich. Dort heißt es: "Der Beitrag von RTL extra ist in vielen Punkten nachweislich falsch, verleumderisch und ehrverletzend. Natürlich werden wir juristische Schritte dagegen einleiten. Es ist nicht hinzunehmen, dass heimlich auf meinem privaten Grund und Boden gefilmt wurde."

Die übrige Stellungnahme gibt es hier im Wortlaut:

Zu den Vorwürfen gegen mich und mein Team: Das Wohl der Pferde steht bei mir und bei meinem Team an oberster Stelle. Nur ein Pferd, das artgerecht behandelt wird, professionell versorgt und gefüttert ist, trainiert und gemanagt wird, kann sportliche Leistungen erbringen. Die Pferde sind unser Kapital, um das wir uns tagein, tagaus kümmern.

Die im Beitrag gezeigten Szenen auf dem Reitplatz haben mit Barren nichts zu tun. Es handelt sich dabei um erlaubtes Touchieren, das von einem erfahrenen, routinierten Pferdefachmann durchgeführt wurde. Der im Video zu sehende Gegenstand erfüllte die Vorgaben der Deutschen Reiterlichen Vereinigung für ein zulässiges Touchieren: nicht länger als drei Meter, maximal zwei Kilogramm schwer.

Ich führe meinen Stall als einen offenen Stall, bei dem täglich Besuchergruppen zu Gast sind, Kunden ihr Futter für deren Pferde abholen, auch "Praktikantinnen" willkommen sind. Hier wird auf offen einsehbaren Plätzen geritten und das tägliche Training absolviert. Es wird nichts Verstecktes, Unerlaubtes gemacht.

Die Tatsache, dass die angeblich zwei Jahre andauernde "Recherche" lediglich vier Szenen aufzeigen konnte, die das Touchieren eines Pferdes zeigen, verdeutlicht, dass diese erlaubte Trainingsmethode bei uns nur sehr selten angewendet wird und nicht Bestandteil der täglichen Arbeit ist.

Die in der Scheune von der angeblichen Praktikantin vorgefundenen "Mehrkantstangen" sind Holzstangen, die ausschließlich für den Bau und die Reparatur unserer Weidezäune benutzt werden. Gut im Film sichtbar sind die an den Stangen befestigten Isolatoren für die Zaunbänder. Sobald behauptet wird, dass diese zum Barren von Pferden eingesetzt werden, ist dies unzutreffend.

Gleiches gilt auch für die sich auf dem Dachboden befindlichen Stangen mit den "Noppen". Dazu kann ich nur sagen, dass diese Elemente dort seit Jahren liegen. Diese stammen aus einem gekauften Bestand von Hindernissen und wurden aussortiert, damit sie nicht benutzt werden. Sie werden auch nicht beim Training mit Pferden eingesetzt. Wie jetzt eines dieser Teile, blank geputzt und sauber, zwischen die gebräuchlichen Hindernisstangen kommt, kann ich nur mutmaßen. Für mich ist es naheliegend, dass explizit für den Beitrag eine dieser Stangen dorthin gelegt wurde. Hierzu werden wir weitere Nachforschungen anstellen.

Des weiteren halte ich fest:

Die Aberkennung meiner Olympia-Goldmedaille 2004 basierte nicht auf Doping, sondern auf zum damaligen Zeitpunkt verbotener Medikation.

Das als "Styroporplatte" bezeichnete Teil auf dem Trainingsplatz ist ein ganz normaler Fangständer, der im täglichen Einsatz ist. Auch dies ist ein Indiz dafür, dass der Beitrag die hinreichende Sachkunde vermissen lässt.

Eine RTL-Sprecherin:

"Wir halten unsere Veröffentlichungen in der vorgenommenen Form für angemessen.

Durch unsere Informantin wurden wir auf Missstände im Umgang mit Pferden auf dem Hof von Ludger Beerbaum hingewiesen. Diese Missstände rechtfertigen den Einsatz einer Kamera auf dem Hof."