Medizin-Experte ordnet ein

Neues künstliches Herz aus Frankreich: Hoffnung für tausende Herzkranke?

Carmat-CEO Stephane Piat präsentiert der Presse das neue Kunstherz.
© REUTERS, CHRISTIAN HARTMANN, CHM/SAA/

13. Januar 2021 - 13:34 Uhr

Spenderherzen sind rar, die Spendenbreitschaft gering

Für Menschen, die an einer schweren Herzerkrankung leiden, sind sie die letzte Möglichkeit vor einer Transplantation: künstliche Herzen. Denn ein künstliches Herz ersetzt die lebenserhaltende Pumpleistung des lebensgefährlich geschwächten Organs. Die französische Firma Carmat hat jetzt ein neues künstliches Herz präsentiert, dass die Zeit bis zur Transplantation besser überbrücken helfen soll. Denn: Spenderherzen sind nach wie vor rar. Medizinjournalist Dr. Christoph Specht sieht jedoch keine großen Fortschritte in der Entwicklung.

Einsatz bei biventrikulärer Herzinsuffizienz

Der französische Kunstherzhersteller Carmat wird nach einer lang erwarteten Zulassung durch die Europäische Kommission ab dem zweiten Quartal 2021 mit dem Verkauf seiner Geräte beginnen, meldet die Nachrichtenagentur Reuters Anfang der Woche. Angesichts des horrenden Mangels an Spenderherzen zielt Carmats Gerät darauf ab, Patienten mit einer sogenannten biventrikulärer Herzinsuffizienz im Endstadium eine Alternative zu Krankenhausaufenthalten zu bieten. Bei einer biventrikulärer Herzinsuffizienz sind sowohl linke als auch rechte Herzkammer nicht mehr in der Lage, ausreichend Pumpleistung für die Lebenserhaltung zur Verfügung zu stellen.

Gerät, das physiologisch wie ein menschliches Herz arbeitet

"Die Idee hinter diesem Konzept, das vor fast 30 Jahren geboren wurde, ist es, ein Gerät zu schaffen, das Herztransplantationen ersetzt, ein Gerät, das physiologisch wie ein menschliches Herz arbeitet, eines, das pulsiert, sich selbst reguliert und mit Blut kompatibel ist", sagte Carmat-CEO Stephane Piat der Presse. Letzten Monat schon sicherte sich der Kunstherzhersteller die europäische Zulassung für sein Produkt für die sogenannte "Bridge-to-Transplant" (zu deutsch: Überbrückung bis zur Transplantation), obwohl die Europäische Kommission das Kunstherz bisher nicht als dauerhaftes Implantat zugelassen hat.

LESE-TIPP: Mutter traurig über Entscheidung – Daniel (2) aus München wartet auf Spenderherz

Tausende Menschen warten auf ein Spenderherz

Mehrere Schätzungen gehen davon aus, dass in Frankreich, Deutschland, Italien, Spanien und Großbritannien etwa 2.000 Patienten mit dieser speziellen Erkrankung auf den Wartelisten für ein Herz stehen. Piat sagte, dass die Firma eine Erweiterung der EU-Zulassung anstrebt, um auch Menschen versorgen zu können, die aufgrund von Vorerkrankungen nicht auf der Warteliste für eine Herztransplantation berücksichtigt werden können.

100-prozentige Erfolgsquote bei Operationen

Das bioprothetische Gerät, auf den Namen Aeson getauft, ist so konzipiert, dass es das echte Herz für "Jahre" ersetzen kann, so Piat, indem es die Arbeit der Natur mit biologischen Materialien und Sensoren nachahmt. Das batteriebetriebene Material besteht aus zwei Kammern und einer Biomembran und wiegt 900 Gramm, ein menschliches Herz wiegt cirka 300 Gramm. Auf die Frage, ob das Gerät sicher sei, sagte Piat, dass Patienten, denen es in frühen Studien implantiert wurde, mehr Risiken hatten als heute, dass aber weitere Studien diese Risiken gesenkt haben. Was die Operationsrisiken betrifft, so habe das Gerät in Studien eine 100-prozentige Erfolgsquote gehabt, sagte Piat und fügte hinzu, dass die Zuverlässigkeit des Produkts sehr hoch sei.

LESE-TIPP: Fragen und Antworten zur Organspende

Medizinexperte sieht Erfolgsmeldungen kritisch: "So weit waren andere auch schon"

Die Erfolgsmeldungen aus Frankreich sieht Medizinjournalist Dr. Christoph Specht allerdings kritisch: "Ich sehe da keinen wirklichen Fortschritt zu bereits bestehenden Systemen, wie zum Beispiel das künstliche Herz der Firma ReinHeart aus Aachen", sagt er uns. "Und das alles ist noch in einem sehr frühen Stadium, so weit waren andere auch schon, und egal für wen, das ist eine Entwicklung, die allenfalls in der Zukunft mal einem Patienten helfen kann." Die Fallstricke bei diesen Systemen seien grundsätzlich hoch, so der Medizinexperte: Es komme zur Zerstörung von Blutzellen und Verklumpungen und anderen Komplikationen. Auch die Leistungsanpassungen seien immer noch ein großes Problem.

Quellen: Reuters / RTL.de

GUT ZU WISSEN: Herzinsuffizienz - was kann man gegen Herzversagen tun?

Unter Herzversagen (Herzinsuffizienz) werden eine ganze Reihe von schweren Krankheiten mit sehr unterschiedlichen Ursachen und Folgen zusammengefasst. Grob gesagt, lassen sich zwei Komplexe beim Herzversagen unterscheiden: die verminderte Pumpleistung des Herzens (systolische Herzinsuffizienz, Vorwärtsversagen) und die verminderte Füllmenge des gepumpten Blutes durch eine gestörte Füllung des Herzens (diastolische Herzinsuffizienz, Rückstau). Was tun gegen und bei Herzinsuffizienz?