Wohlstandsverbände haben Bedenken gegenüber des neuen Programms

"Freiwilligendienst für Heimatschutz" der Bundeswehr steht in der Kritik

Mit dem "Freiwilligendienst für Heimatschutz" wollte die Bundeswehr eigentlich das soziale Engagement vorantreiben.
Mit dem "Freiwilligendienst für Heimatschutz" wollte die Bundeswehr eigentlich das soziale Engagement vorantreiben.
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12. April 2021 - 12:34 Uhr

Ist soziales Engagement Staatsaufgabe?

Der neue "Freiwilligendienst für Heimatschutz" der Bundeswehr steht in der Kritik. Die einen sehen in ihm ein Konkurrenzprogramm zum FSJ und FÖJ, andere finden: Soziales Engagement gehört nicht in die Hände des Staates. Und manch einer fragt sich: Braucht es dieses Programm überhaupt?

Darum kommt der "Freiwilligendienst für Heimatschutz" nicht gut an

Frage nicht, was Dein Land für Dich tun kann - frage, was Du für Dein Land tun kannst. Keiner bringt den Kern des neuen Freiwilligendienstes bei der Bundeswehr besser auf den Punkt, als der ehemalige US-Präsident John F. Kennedy. Anfang April starteten die ersten 325 Rekruten im neuen Pilotprojekt der Bundeswehr. Neben einer militärischen Grundausbildung sollen sich die Frauen und Männer auch im Heimatschutz, also sozial, engagieren. "Wir stellen fest, dass wir in Deutschland gerade in der jüngeren Generation durchaus das Bedürfnis haben, dem Land und den Menschen in diesem Land etwas zurückzugeben und sich zu beteiligen", sagte Bundesverteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) auf einer Pressekonferenz am Dienstag.

Anderen passt das neue Programm gar nicht. Von den Wohlfahrtsverbänden, die jährlich auf das freiwillige soziale Engagement von jungen Leuten setzen, hagelt es Kritik. Caritas-Präsident Peter Neher bezeichnete das Programm in einem ARD-Interview als "blinden Aktionismus" und als "eine Art Schnupperkurs für die Bundeswehr". Auf stern-Anfrage verwiesen die Caritas und die Diakonie auf bereits bestehende Programme, wie das Freiwillige Soziale Jahr (FSJ), das Freiwillige Ökologische Jahr (FÖJ), den Bundesfreiwilligendienst und das Programm "weltwärts" für Auslandseinsätze, die stattdessen unterstützt werden könnten.

FSJ oder FÖJ - die Auswahl beim Ehrenamt ist groß

Tatsächlich gibt es in Deutschland bereits mehrere zivile Freiwilligendienste, die es jungen Menschen ermöglichen, sich jenseits des Militärs sozial zu engagieren. Zu den bekanntesten und ältesten Angeboten gehören das FSJ und FÖJ. Im FSJ können sich Männer und Frauen unter 27 Jahren bereits seit 1964 in sozialen Einrichtungen engagieren. Anfang der 1990er Jahre wurde das FÖJ eingeführt, das in Einrichtungen für den Natur- und Umweltschutz geleistet werden kann. Wen es ins Ausland zieht, kann sich über den internationalen Jugendfreiwilligendienst in Einrichtungen von etwa 130 deutschen Trägern engagieren. Der Fokus des Programms liegt unter anderem auf Versöhnungsarbeit und Demokratieförderung.

Von der Bundeswehr existieren neben dem neu eingeführten Freiwilligendienst für Heimatschutz bereits zwei Angebote. Der Bundesfreiwilligendienst (BFD) ist ein ziviles Programm, bei dem sogar Senioren mitwirken können. Der Einsatz findet vor allem in sozialen Einrichtungen statt, wird aber auch im Bereich Umweltschutz, Sport und Kultur angeboten.

Der normale Freiwillige Wehrdienst (FWD) wurde nach der Aussetzung der allgemeinen Wehrpflicht vor knapp zehn Jahren bekannt und setzt nach einer Dauer von zwölf Monaten die Bereitschaft zu Auslandseinsätzen voraus – laut Kramp-Karrenbauer ein Grund, nicht zur Bundeswehr zu gehen. Allerdings können sich die Rekruten zu Beginn selbst wählen, wo sie eingesetzt werden wollen. Zur Auswahl stehen nach Angaben des Verteidigungsministeriums der Cyber- und Informationsraum, das Heer, die Luftwaffe, die Marine, der Sanitätsdienst oder die Streitkräftebasis.

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Kritik an finanzieller Aufwertung von sozialem Engagement

Angesichts der umfassenden Programmangebote erscheint der "Freiwilligendienst für Heimatschutz" wie ein Konkurrenzprogramm, das den Wohlfahrtsverbänden den Nachwuchs streitig machen möchte. Blickt man auf die Bezahlung, erhärtet sich dieser Verdacht. In einem Freiwilligendienst werden die Teilnehmer*innen mit einer Aufwandsentschädigung in Form eines Taschengeldes von 300 bis 400 Euro pro Monat entschädigt. Bei der Bundeswehr erhalten die Rekruten – wie beim FWD – 1400 Euro. "Das ist ein schiefes Signal", findet Rainer Hub von der Diakonie Deutschland. "Die finanzielle Entschädigung vermittelt das Gefühl, ein Engagement bei der Bundeswehr sei mehr wert.

Zustimmung findet er bei der Caritas und dem Paritätischen Gesamtverband. Die politische Botschaft sei unsäglich und respektlos gegenüber den Freiwilligen im sozialen Bereich. "Während der neue Freiwilligendienst in der Bundeswehr mit einer Riesenwerbekampagne als 'Jahr für Deutschland' beworben und durch weitere Vergünstigungen wie kostenlose Bahntickets honoriert wird, fragt man sich schon, wo ist die Wertschätzung für die Arbeit, die unsere Freiwilligen im sozialen und ökologischen Bereich zum Wohle der Allgemeinheit leisten. Das ist wirklich eine große Ungerechtigkeit", sagt der Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Gesamtverbandes, Ulrich Schneider.

"Warum werden diese Möglichkeiten, die es bereits gibt, nicht mit ausreichend und mehr Ressourcen ausgestattet, um sie attraktiv zu machen?", fragt fragt man sich bei der Caritas.

Gehen jetzt alle Freiwilligen nur noch zur Bundeswehr?

Angaben der Verteidigungsministerin sei die Nachfrage nach dem Programm hoch gewesen. 9000 Interessenten habe es bislang gegeben, wie Staatssekretär Tauber erklärte. 325 von Ihnen durften den Dienst nun antreten. Angst, dass die Bundeswehr den Wohlfahrtsverbänden ab jetzt die Freiwilligen streitig macht, besteht also noch nicht. Pro Jahr würden ungefähr 100.000 junge Frauen und Männer sich im Rahmen eines FSJ oder bei einem vergleichbarem Angebot engagieren. Für den Jahrgang 2019/20 zählte das Bundesfamilienministerium über 50.000 Freiwillige im FSJ und etwas mehr als 3000 Freiwillige im FÖJ sowie ca. 3-5.000 in Internationalen Freiwilligendienstformaten. "Das übersteigt die Zahl der zu vergebenden 1000 Plätz beim Freiwilligendienst für Heimatschutz deutlich", sagt Rainer Hub von der Diakonie Deutschland.

Problematisch bleibt der Dienst dennoch. "Die Bundeswehr hat einen Verteidigungsauftrag und ist kein THW in Grünzeug", sagt Hub. Dass ein solches Programm aufgesetzt werde, zeige, dass die Bundeswehr ihr Hausaufgaben nicht gemacht habe. Soziales Engagement, darin sind sich die Wohlfahrtsverbände einig, sollte in den Händen der Zivilgesellschaft bleiben.

Die Bundesverteidigung stört die Kritik offenbar nicht. Sie erhofft sich so das Vertrauen in die Streitkräfte wiederzubeleben. Zum anderen könnten so die Kräfte der Bundeswehr im Heimatschutz und der territorialen Reserve unterstützt werden. "Der Dienst trägt damit zur gesellschaftlichen Resilienz und gesamtstaatlichen Krisenvorsorge bei", heißt es auf der Seite des Bundesverteidigungsministeriums.

Quellen: Bundesverteidigungsministerium, Süddeutsche Zeitung

Hinweis: Dieser Artikel von Christine Leitner erschien zuerst an dieser Stelle bei stern.de.

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