Forscher fordern bessere Betreuung

Nach Fehlgeburt: Jede 6. Frau entwickelt eine posttraumatische Belastungsstörung

15. Januar 2020 - 16:09 Uhr

Psychologische Auswirkung von Fehlgeburten

Für fast alle Frauen ist es ein höchst traumatisches Erlebnis: eine Fehlgeburt! Und tatsächlich leidet eine von sechs Frauen, die während der Schwangerschaft ihr Kind verliert, an einer posttraumatischen Belastungsstörung. Das haben Forscher der KU Leuven in Belgien und des Imperial College London in England herausgefunden. Sie untersuchten die psychologischen Auswirkungen von Fehlgeburten bei 650 Frauen. Alle Teilnehmerinnen hatten eine frühe Fehlgeburt oder eine sogenannte Eileiterschwangerschaft. Bei einer Eileiterschwangerschaft beginnt der Embryo außerhalb der Gebärmutter zu wachsen und ist nicht lebensfähig. Die Studie wurde im "American Journal of Obstetrics and Gynaecology" veröffentlicht.

Teilweise schwere Angstzustände und Depressionen

Einen Monat nach einer Fehlgeburt litten demnach 29 Prozent der Teilnehmerinnen an Symptomen einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS). Fast 24 Prozent der Frauen erlebte mäßige bis schwere Angstzustände und elf Prozent der Frauen hatten mäßige bis schwere Depressionen. Nach neun Monaten schließlich hatten noch 18 Prozent der Frauen eine PTBS, 17 Prozent hatten mittlere bis schwere Angstzustände und sechs Prozent zeigten Anzeichen einer mittleren bis schweren Depression. Die betroffenen Frauen gaben in Fragebögen Auskunft über ihre Gefühle und ihr Verhalten. Die Forscher legten dabei offen, dass die Diagnose PTBS eigentlich eine klinische Untersuchung erfordere und die Ergebnisse daher eventuell verzerrt seien.

„Toxischer Effekt auf alle Elemente des Lebens“

Trotzdem sagte Professor Tom Bourne, Hauptautor der Studie: "Unsere Forschung legt nah, dass der Verlust eines ersehnten Kindes ein bitteres Erbe hinterlässt und dazu führt, dass eine Frau nach fast einem Jahr immer noch unter posttraumatischem Stress leidet." Aufgrund dieser Ergebnisse fordert das Forschungsteam eine sofortige Verbesserungen bei der Betreuung von Frauen, die einen Fehlgeburt erlitten haben. Geburtshelferin und Gynäkologin Dr. Jessica Farren, Mitautorin der Studie, sagte: "Posttraumatischer Stress kann einen toxischen Effekt auf alle Elemente des Lebens einer Person haben - auf Arbeit, Zuhause und Beziehungen."

Video: Fehlgeburt - wie hoch ist das Risiko?

Was ist eine posttraumatische Belastungsstörung (PTBS)?

Eine posttraumatische Belastungsstörung ist in der Regel auf konkrete, sehr ausgeprägte Stresssituationen zurückzuführen. "Auslöser sind Ereignisse katastrophalen Ausmaßes, wo das eigene Leben oder die eigene körperliche Unversehrtheit aufs Schärfste bedroht wurde oder man jemanden beobachtet, der zu Tode kommt und man es nicht verhindern kann", erklärt uns Traumatherapeut Michael Kopper, der in seiner Kölner Praxis unter anderem mit PTBS-Patienten arbeitet.

Erst vier bis acht Wochen nach einem solchen Erlebnis kann die Diagnose "Posttraumatische Belastungsstörung" gestellt werden. Bis dahin spreche man von einer akuten Stressreaktion. "Die Symptome sind das sogenannte Wiedererleben, das auf einer körperlichen und gedanklichen Ebene stattfindet", erklärt Kopper. Für Betroffene hilft nur der Weg zum Psychologen. Während Psychiater nur medikamentös helfen könnten, können Psychologen mit einer speziellen Traumatherapieausbildung einen Weg finden, den Betroffenen zu helfen.

Sternenkinderfriedhöfe geben Eltern Ort zur Trauer

Um Familien, die ein Baby verloren haben, einen Ort zur Trauer zu geben, gibt es sogenannte Sternenkinderfriedhöfe, auf denen auch kleinste Kinder beerdigt werden können. Wir haben einen Sternenkinderfriedhof in Köln besucht und festgestellt: Diese eigentlich traurigen Orte schaffen es, Eltern neue Hoffnung zu geben.