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Napalm-Mädchen: Wie Phan Thi Kim Phuc zum Gesicht des Vietnamkriegs wurde

Schreckliche Ikone der Fotografie - 50 Jahre "Napalm-Mädchen"

Phan Thi Kim Phuc: Als das "Napalm-Mädchen" zum Gesicht eines grauenvollen Krieges wurde

ARCHIV - 08.06.1972, Vietnam, Trang Bang: Die neunjährige Kim Phuc Phan Thi (M) flieht nackt mit ihren Brüdern und Cousins vor einem Napalm-Angriff. Es ist eine der denkwürdigsten Aufnahmen des 20. Jahrhunderts: Nick Ut drückt auf den Auslöser, als e
Ikone der Fotografie und des Friedens: 50 Jahre "Napalm-Mädchen"
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Von Sebastian Fischer (dpa)

Wir schreiben den 8. Juni 1972. Nackt und schreiend läuft ein junges Mädchen frontal auf den Fotografen zu. Der drückt den Auslöser - und hält in einem winzigen Moment den großen Schrecken des Vietnamkrieges auf Film fest. "The Terror of War" - so der Titel der Aufnahme - ist noch fünf Jahrzehnte später eine der bedeutendsten und authentischsten Darstellungen von Gewalt und Gräueltaten, denen die Zivilbevölkerung in einem Krieg ausgesetzt ist. Die neunjährige Phan Thi Kim Phuc hat sich als Symbol ins weltweite Gedächtnis eingebrannt.

"Kleines, nacktes Mädchen mitten in einem völlig absurden Kontext"

ARCHIV - 11.05.2022, Vatikan, Vatikanstadt: Der vietnamesisch-amerikanische Fotograf Nick Ut (M), hält sein mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnetes Foto «Napalm Girl», flankiert von Phan Thi Kim Phuc (l), die auf diesem Foto abgebildet ist, während si
11. Mai 2022 im Vatikan: Fotograf Nick Ut (M), hält sein mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnetes Foto "Napalm Girl", links neben ihm Phan Thi Kim Phuc
GB lvb nwi sab, dpa, Gregorio Borgia

"Was ist fragiler als ein kleines, nacktes, neunjähriges Mädchen mitten in einem völlig absurden Kontext - nämlich auf offener Straße umgeben von Militärpersonal", erklärt der Experte für Fotografie-Geschichte, Michael Ebert, die Sogwirkung der Aufnahme. "Wenn Kinder zu Opfern werden, berührt uns das immer ganz, ganz stark."

Die Qualen des Mädchens in der Mitte der Szenerie sind das zentrale Element in der Bildkomposition. Ihr Cousin im Vordergrund, auch die anderen Kinder gehören zur Familie. Im Hintergrund: Soldaten und dicke Rauchschwaden.

„Ich fragte mich, warum sie keine Kleidung trug“

Verletzte vietnamesische Kinder weinen nach einem Napalm-Angriff auf ihr Dorf. Rechts hat sich das am ganzen Körper verbrannte Mädchen Kim Phuc seine Kleidung vom Leib gerissen. Aufnahme von 1972. Eine andere Fotosequenz der damals neunjährigen Kim P
30. November 1971: Verletzte vietnamesische Kinder weinen nach einem Napalm-Angriff auf ihr Dorf. Rechts hat sich die am ganzen Körper verbrannte Kim Phuc ihre Kleidung vom Leib gerissen.
sv, picture-alliance / dpa, UPI

Die ausgebreiteten Arme lassen christliche Betrachter wohl an Jesu Tod am Kreuz denken. Ein weiterer Faktor, der dieses Bild in seiner ikonischen Wirkung so berührend mache, sei das Happy End, so Ebert, der an der Hochschule Magdeburg-Stendal unterrichtet. Denn Kim Phuc überlebt.

Aber der Reihe nach. Als am 8. Juni 1972 die südvietnamesische Armee fälschlicherweise das Dorf Trang Bang etwa 40 Kilometer nordwestlich des damaligen Saigon (heute Ho-Chi-Minh-Stadt) beschießt, ist der Abzug der mit ihr verbündeten US-Truppen aus dem Land bereits in vollem Gange. Vor Ort ist Fotograf Nick Ut.

Der 21-jährige Vietnamese arbeitet damals bereits seit sechs Jahren für die US-Nachrichtenagentur Associated Press (AP). Kurz vor der geplanten Rückkehr nach Saigon "sah ich, wie ein Flugzeug vier Napalmbomben abwarf", schreibt er Jahrzehnte später im US-Magazin "Newsweek".

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Fotograf bringt sie selbst ins Krankenhaus

Kim Phuc, center, and a friend, Nguyen Thi Thu, chat with a Vietnamese nurse at the Barsky Center for Plastic and Reconstructive Surgery in Saigon, where both youngsters are being treated, Aug. 8, 1972. Kim Phuc was burned by an accidental napalm str
8. August 1972: Phan Thi Kim Phuc (Mitte) und ein Freund unterhalten sich mit einer vietnamesischen Krankenschwester im "Barsky Center for Plastic and Reconstructive Surgery" in Saigon
Michel Laurent, AP, AP Photo

Menschen, die teils tote Kinder in ihren Armen halten, rennen auf ihn zu. Darunter auch Kim Phuc. „Ich fragte mich, warum sie keine Kleidung trug“, erinnert sich Ut. "Aber als ich näher an sie heranlief und Fotos machte, konnte ich sehen, wie schwer verbrannt sie war." Es dauert maximal 15 Sekunden, bis der Fotograf und seine Kollegen anderer Medien den Kindern helfen. Ut selbst bringt das Mädchen und weitere Verwundete in ein Krankenhaus.

"Er hat ihr das Leben gerettet mit dieser Aktion", sagt Ebert, der sich seit Jahren intensiv mit dem Foto und dessen Protagonisten auseinandersetzt. Anlässlich des 50. Jahrestages kuratiert er eine Ausstellung in Hilden bei Düsseldorf. "Ich habe alle Aufnahmen ausgewertet, die an dem Tag gemacht worden sind", sagt der Wissenschaftler.

"Nur Nick hat das Bild der Bilder gemacht"

10.08.2012, ---: Das Negativ der Originalaufnahme  «Napalm-Mädchen», die Nick Ut, Fotograf der US-Nachrichtenagentur Associated Press (AP) am 8. Juni 1972 im Dorf Trang Bang von der damals Neunjährigen Kim Phuc beim Napalm-Angriff machte, aufgenommen
Das Negativ der Originalaufnahme "Napalm-Mädchen"
sab, dpa, Nick Ut

Mehrere Fotografen seien in Trang Bang gewesen. "Nur Nick hat das Bild der Bilder gemacht." Es sei die perfekte Millisekunde gewesen, in der der junge, aber erfahrene Reporter mit seiner Leica M2 abgedrückt habe. Eigentlich zeigt Uts Aufnahme einen größeren Ausschnitt der Szene: Am rechten Bildrand sind noch weitere Soldaten und ein Fotograf zu sehen.

Das ursprüngliche Kleinbildformat des Fotos mit der Nummer 7A wird aber bereits im AP-Büro in Saigon passend für das Zeitungsformat beschnitten: Kim Phuc rückt dabei in die Mitte - und gibt der Aufnahme die bis heute gelobte Energie. Nach Uts Ankunft aus dem Krankenhaus in der Redaktion wird das Foto an die Zentrale nach New York gefunkt.

"Dieses Bild erinnert mich immer wieder daran, dass ich meine Kindheit verloren habe"

ARCHIV - 11.02.2019, Sachsen, Dresden: Die Vietnamesin Kim Phuc Phan Thi reagiert nach der Verleihung des 10. Internationalen Friedenspreis in der Semperoper. Sie wurde 1972 durch ein Kriegsfoto als das "Napalm-Mädchen" bekannt. Es ist eine der denkw
Heute sagt Kim Phuc : "Ich bin nicht länger ein Opfer des Krieges. Ich bin eine Mutter, eine Großmutter und eine Überlebende, die zum Frieden aufruft."
skh wst sab, dpa, Sebastian Kahnert

Trotz Verstoßes gegen die Regel, eigentlich keine vollständig nackten Personen zu zeigen, geht die Aufnahme in den weltweiten AP-Dienst. Abendzeitungen drucken das Bild, am folgenden Tag ist es auf der Titelseite der "New York Times". Es wird später als "Pressefoto des Jahres" ausgezeichnet, zudem erhält Ut den renommierten Pulitzer-Preis. Anfang 2021 verleiht ihm US-Präsident Donald Trump die National Medal of Arts. Kim Phuc erleidet damals auf der Hälfte ihres Körpers Verbrennungen dritten Grades. 14 Monate muss sie im Krankenhaus bleiben.

Heute arbeitet die 59-Jährige als Friedensbotschafterin unter anderem für die Vereinten Nationen. Seit Anfang der 1990er Jahre lebt sie in Kanada. "Dieses Bild erinnert mich immer wieder daran, dass ich meine Kindheit verloren habe", sagte sie kürzlich während einer Audienz bei Papst Franziskus, zu der sie und ihr guter Freund Ut in den Vatikan gereist waren. "Ich bin nicht länger ein Opfer des Krieges. Ich bin eine Mutter, eine Großmutter und eine Überlebende, die zum Frieden aufruft."