Experte klärt auf

Nach Champagner-Tod in der Pfalz: Kann man Gift am Geschmack erkennen?

Vergifteter Wein
Lässt sich Gift in Getränken und Essen rausschmecken?
Murat_Sen, iStockphoto

von Patricia Dreesbach

Gift im Champagner – das könnte einen Mann das Leben gekostet haben. Er hatte in Weiden (Oberpfalz) mit seinen Freunden im Restaurant gefeiert. Plötzlich hatten alle Vergiftungserscheinungen, der 52-Jährige starb. Was für ein toxischer Zusatz sich genau in der Flasche befunden hat, ist noch nicht klar. Jedoch scheint niemand das Gift geschmeckt zu haben. Ist es überhaupt möglich, Gift in Getränken und Essen herauszuschmecken?

Die Dosis macht das Gift: Viele Gifte sind nicht schmeckbar

Der Fall aus der Oberpfalz ist schockierend. Hat wirklich niemand der Betroffenen das Gift herausschmecken können? Tatsächlich gibt es viele Gifte, die sich nicht erschmecken lassen, wie Prof. Dr. med. Florian Eyer, Chefarzt der Abteilung für Klinische Toxikologie am „Klinikum rechts der Isar“ im RTL-Interview erklärt: „Es hängt oft auch von der Dosis und der Verdünnung ab. Wenn Gift in einer großen Getränkeflasche ist, dann muss man das nicht notwendigerweise rausschmecken.“ Ein Beispiel dafür ist Methanol: „ Methanol hat einen lösemittelartigen Geruch. Methanolvergiftungen kommen leider immer wieder vor, weil Alkoholika dadurch gestreckt werden. Entweder sind es schwarze Brennereien, denen nicht bewusst ist, dass sie Methanol im Destillat haben oder es sind bewusste Streckungen, um den Alkoholgehalt zu erhöhen. Methanol ist günstiger als Ethanol. Methanol schmeckt man nicht raus.“

Genauso verhalte es sich mit Ethylenglykol. Dieses würde laut dem Experten sogar süßlich schmecken und sei somit nicht als Gift erschmeckbar. Daher hatte 2019 eine Frau versucht, ihren Mann mit diesem Gift umzubringen. Ethylenglykol kommt eigentlich bei Frostschutzmittel zum Einsatz. Ein weiteres Beispiel für ein geschmackloses Gift seien K.o.-Tropfen : „Die kann man weder sehen noch riechen oder schmecken“, so Professor Eyer.

Häufige Vergiftungen durch Gemüse und Pflanzenvertauschungen

Nicht nur zugesetztes chemisches Gift ist tödlich, sondern auch alltägliche Lebensmittel können toxisch sein. So können Zucchinis und Kürbisse den giftigen Bitterstoff Cucurbitacine enthalten. Dieser macht das Gemüse bitter, aber auch hier ist laut Professor Eyer beim Verzehr Vorsicht geboten: „Die Cucurbitacine sind nur in höheren Konzentrationen so bitter rausschmeckend, dass man das nicht isst.“ Er habe durchaus einige Patienten schon behandelt, die sich an Zucchinis vergiftet hätten: „Wir hatten schon mehrere Familien, die solche bitteren Zucchinis gegessen hatten und dann symptomatisch waren. Die gesagt haben, das war nur ein bisschen bitter.“

Ein Klassiker unter den unfreiwilligen Vergiftungen seien Pflanzenverwechslungen. Denn auch hier sei die Gefahr nicht immer schmeckbar: „Viele berichteten schon davon, dass Knollenblätterpilze wohlschmeckend seien.“ Dabei ist die Pilzart, die oft für essbare Champions gehalten werden, giftig. Auch Bärlauch und Herbstzeitlose würden sehr oft verwechselt werden: „Wir hatten eine Patientin, die sich eine vermeintlich Bärlauch-Pizza gemacht hat und statt dem Bärlauch Herbstzeitlose darauf gelegt hat. Sie hatte schwerste Vergiftungen erlitten und hat es nicht rausgeschmeckt.“

Die Ausführungen des Experten zeigen, dass Gifte oft nicht schmeckbar sind. Wie schädlich ein Gift sei, hänge von der Dosis und Verdünnung ab.

Lese-Tipp: Diese Lebensmittel sind ganz schön giftig

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So erkennen Sie eine Vergiftung

Je nach Art der Vergiftung seien die Symptome unterschiedlich. „Wenn das Gift ausreichend dosiert ist, dann ist es abhängig davon, was die Zielstruktur des Giftes ist. Es gibt Gifte, die machen Magen-Darm-Beschwerden, dann gibt es welche, die Kreislaufprobleme machen oder auch Gifte, die Bewusstseinsveränderungen machen, wie die K.o.-Tropfen“, so Professor Eyer. Eine Vergiftung durch Lebensmittel wie Zucchini, Kürbis oder Kartoffel zeige sich in der Regel durch Bauchschmerzen, Übelkeit, Erbrechen, Durchfall und Magenkrämpfen. Je mehr giftige Stoffe aufgenommen würden, umso schlimmer seien die Symptome. Bei Vergiftungserscheinungen solle sofort gehandelt werden.

So verhalten Sie sich richtig: 

Wenn der Verdacht einer Vergiftung im Raum steht, sollte schnell gehandelt werden. Der Giftnotruf der Charité in Berlin rät, sofort mit lebensrettenden Sofortmaßnahmen zu beginnen und die 112 zu alarmieren!

Wenn eine ätzende Substanz verschluckt wurde, solle der Betroffene innerhalb von 5 Minuten 100ml klare, fettfreie Flüssigkeit trinken. Kleinkinder entsprechend weniger. Dies solle nur bei wachen Patienten durchgeführt werden. Wichtig sei: KEIN Erbrechen auslösen! KEIN Salzwasser! KEINE Milch! Anschließend solle umgehend der regionale Giftnotruf verständigt werden.

Wenn ein Arztbesuch oder Klinikaufenthalt nötig sei, die Verpackung oder den Behälter der verdächtigen Substanz mitnehmen.

Lese-Tipp: Vergiftungen bei Kindern: So verhalten Sie sich richtig

Giftnotrufnummern

Wie Sie eine Vergiftung erkennen, muss sofort der Notarzt (112) und/oder eine Giftnotrufzentrale angerufen werden.

Die Giftnotrufnummern finden Sie hier:

Berlin: Giftnotruf Berlin
Giftnotruf der Charité Universitätsmedizin Berlin
Campus Benjamin Franklin, Haus VIII (Wirtschaftsgebäude), UG
Notruf: 030 192 40

Bonn: Informationszentrale gegen Vergiftungen
Informationszentrale gegen Vergiftungen
Zentrum für Kinderheilkunde, Universitätsklinikum Bonn
Notruf: 0228 192 40

Erfurt: Giftinformationszentrum
Giftnotruf Erfurt
Gemeinsames Giftinformationszentrum der Länder Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen
c/o HELIOS Klinikum Erfurt
Notruf: 0361 730 730

Freiburg: Vergiftungs-Informations-Zentrale
Vergiftungs-Informations-Zentrale
Zentrum für Kinder- und Jugendmedizin
Universitätsklinikum Freiburg
Notruf: 0761 192 40

Göttingen: Giftinformationszentrum-Nord
Giftinformationszentrum-Nord der Länder Bremen,
Hamburg, Niedersachsen und Schleswig-Holstein (GIZ-Nord)
Universitätsmedizin Göttingen - Georg-August-Universität
Notruf: 0551 192 40 (Jedermann) und 383 180 (Fachleute)

Mainz: Giftinformationszentrum Rheinland-Pfalz/Hessen
Giftinformationszentrum der Länder Rheinland-Pfalz und Hessen
- Klinische Toxikologie -
Universitätsmedizin der Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Notruf: 06131 192 40

München: Giftnotruf
Giftnotruf München
Abteilung für Klinische Toxikologische und Giftnotruf München,
Klinikum rechts der Isar der Technischen Universität München
Notruf: 089 192 40

Österreich, Wien: Vergiftungsinformationszentrale
Gesundheit Österreich GmbH
AKH Leitstelle 6 Q
Notruf: +43 140 643 43

Schweiz, Zürich: Schweizerisches Toxikologisches Informationszentrum (STIZ)
Tox Info Suisse
Notruf: +41 442 515 151