2019 M02 27 - 18:17 Uhr

von Lauren Ramoser

Wenn junge Mädchen Sorgen oder Ängste haben, ist ihre Familie als Rückhalt da. Doch wer kümmert sich, wenn sexuelle Übergriffe aus der eigenen Familie kommen? Oder wenn die eigene Familie mit einer Zwangsheirat ins Ausland droht? In diesen extremen Fällen weiß Bitten J. Stuhlmann-Laeisz Rat. Sie leitet ein anonymes Mädchenhaus im Bonner Süden und weiß, wie heikel ihre Aufgabe ist.

Zuflucht vor Zwangsehe und Gewalt

Anonymität ist das oberste Gebot für die Einrichtung der Bonnerin Bitten J. Stuhlmann-Laeisz. Denn die Mädchen, die sich in ihr Mädchenhaus retten, sehen keinen anderen Ausweg. Häufig wissen ihre Familien nicht, wo sie sich aufhalten - und das aus gutem Grund.

"Es handelt sich oft um sexuelle Übergriffe im familiären Umfeld. Manchmal spielen auch Auseinandersetzungen wegen kultureller Unterschiede eine Rolle", erklärt Stuhlmann-Laeisz die Gründe der jungen Mädchen im Interview mit RTL.de. "Es gibt auch Mädchen, die wegen Androhung einer Zwangsheirat im Heimatland zu uns flüchten. Und es gibt unbegleitete minderjährige Flüchtlinge."

Genauer Aufenthaltsort wird nicht verraten

Die Familien erfahren erst durch das Jugendamt, dass ihre Tochter in Sicherheit ist. Wo genau sie sich befindet, verrät das Jugendamt allerdings nicht – zum Schutz der Mädchen. "Die Reaktion in den Familien ist sehr unterschiedlich. Wenn die Übergriffe auf das Mädchen in der Familie stattgefunden haben, ist die Mutter oft erleichtert", sagt Stuhlmann-Laeisz.

Andere Familien würden entrüstet reagieren, weil der Missstand mit der Flucht des Mädchens an die Öffentlichkeit gekommen ist. In diesen Fällen ist der Schutz besonders wichtig.

Aufenthalt kann Monate dauern

Damit sich die Mädchen langsam gegenüber den Sozialpädagogen öffnen können, sind Ruhe und Sicherheit besonders wichtig. In dem großen Haus in Bonn Bad Godesberg gibt es insgesamt acht Plätze, vier davon sind sogenannte Inobhutnahme-Plätze. Schutzbedürftige Mädchen werden hier unbürokratisch aufgenommen und erst danach wird das Jugendamt verständigt. Die Mädchen sind zwischen acht und 17 Jahren alt, und selbst, wenn sie keinen Platz in dieser Einrichtung finden, helfen die Sozialarbeiterinnen weiter.

Die anderen vier Plätze sind für Mädchen, für die auch nach den ersten drei kritischen Monaten noch keine dauerhafte Lösung gefunden werden konnte. Stuhlmann-Laeisz betont, wie wichtig es sei, eine Perspektive für die Mädchen zu schaffen. Wenn es die Situation zulässt, können die Mädchen auch wieder zur Schule gehen oder an Freizeitaktivitäten teilnehmen.

Sieh dir diesen Beitrag auf Instagram an

„Ja, ich habe Angst. Ja, ich bin ganz alleine. Und ja, vielleicht werde ich mich von meiner Familie distanzieren müssen, wenn ich meinen eigenen Weg gehe. Aber mich wird nichts aufhalten. Ich werde meine Ziele erreichen und den Menschen heiraten, den ich liebe. Deswegen wird mir niemand meine Selbstbestimmung nehmen. Ich bin stark.“ ___ Bild und Text sind im Rahmen einer Projektwoche zum Thema Zwangsheirat und Mindeejährigenehe am Oberstufenkolleg Bielefeld entstanden. ___ Zwangsheirat und Minderjährigenehe sind aktuelle Themen für viele in Deutschland lebende junge Mädchen und Frauen. Im Rahmen einer Projektwoche haben sich 16 Kollegiatinnen des Oberstufenkollegs mit Unterstützung zweier Mitarbeiterinnen der Fachberatungsstelle gegen Zwangsheirat mit den Themen Zwangsheirat und Minderjährigenehe auseinandergesetzt. Solltest du oder eine dir nahestehende Person betroffen sein, unterstützen wir dich. Bei uns bekommst du kostenlos Informationen und Unterstützung zum Schutz vor Zwangsheirat. Mehr Informationen unter: www.zwangsheirat-nrw.de und https://www.maedchenhaus-bielefeld.de/fachberatungsstelle-gegen-zwangsheirat.html ____ #mhkbg_nrw #gegenzwangsheirat #forcedmarriage #zwangsheirat #childbride #childmarriage #againstchildmarriage #rapeculture #nomeansno #genderequality #gleichberechtigung #humanrights #menschenrechte #womensrights #frauenrechte #equality #feminism #feminist #girlpower #empowerment #independentwoman

Ein Beitrag geteilt von Mädchenhaus Bielefeld e.V. (@maedchenhaus.bielefeld) am

Das Bonner Mädchenhaus hat Bitten Stuhlmann-Laeisz nach dem Vorbild der Bielefelder Einrichtung gegründet. Damit Mädchen auch über die sozialen Medien Hilfe finden, pflegt das Bielefelder Team einen Instagram-Account.

Alltägliches Leben ist die größte Herausforderung

Für die in Not geratenen Mädchen ist ihr normaler Alltag ganz weit weg. Dennoch ist es wichtig eine Tagesstruktur zu schaffen, betont Stuhlmann-Laeisz. Mithilfe von Spenden hat der Trägerverein des Mädchenhauses eine Lehrerin eingestellt, die zu den Mädchen ins Haus kommt. Männer haben in der Regel in Mädchenhäusern keinen Zutritt.

"Die Lehrerin erteilt Nachhilfe, hilft bei Hausaufgaben, falls die Schule solche schickt oder unterrichtet Deutsch als Zweitsprache für die geflüchteten Mädchen", erklärt Stuhlmann-Laeisz. "Das ist eine schwierige Aufgabe, da die Mädchen unterschiedliche Fremd- und Muttersprachen beherrschen. Manche sind sogar Analphabeten."

Unterstützung bei Arzt, Jugendamt oder Gericht

Einigen der traumatisierten Mädchen geht es allerdings so schlecht, dass jedes Lernen zu viel ist. Dann hilft die Lehrerin mit einer kreativen Aktivität oder einem persönlichen Gespräch.

Abseits der Schulstunden versuchen die Sozialpädagoginnen die Mädchen bestmöglich zu unterstützen. Sie begleiten sie zu Terminen zum Arzt, zum Jugendamt oder auch zum Gericht, wenn es nötig ist. Schon seit 1997 finden Mädchen hier Zuflucht, und über die Jahre hat Bitten J. Stuhlmann-Laeisz mit ihrem Team hunderten Mädchen aus scheinbar ausweglosen Situationen geholfen.

Mädchen in Not können sich unter der Notfallnummer 0228 914 0000 melden oder finden weitere Hilfe und Informationen hier.