Prozessbeginn gegen Mutter und Freund aus Bergheim am Kölner Landgericht

Sie ließen ein kleines Mädchen (5) fast verhungern - Paar wegen versuchten Mordes vor Gericht

Eine Justizbeamtin bringt die Angeklagte (rechts) zum Prozessauftakt in das Kölner Landgericht
Eine Justizbeamtin bringt die Angeklagte (rechts) zum Prozessauftakt in das Kölner Landgericht

13. April 2021 - 10:15 Uhr

Kind aus Bergheim wog nur acht Kilo und konnte kaum laufen

Ein junges Paar aus Bergheim soll ein kleines Mädchen (heute 6) fast verhungern lassen haben. Jetzt stehen die 24-jährige Mutter Michelle F. und ihr Lebensgefährte Dominik S. vor dem Landgericht Köln. Die Anklage wirft ihnen "versuchten Mord durch Unterlassen in Tateinheit mit Misshandlung von Schutzbefohlenen" vor.

Mädchen war körperlich und geistig auf Stand einer Zweijährigen

Die Mutter sitzt seit September vergangenen Jahres in Untersuchungshaft. Als sie festgenommen wurde, wog das Mädchen bei einer Körpergröße von 98 Zentimetern nur acht Kilo. Das Kind habe sich nicht auf den eigenen Beinen halten können, so die Staatsanwältin. In ihrer körperlichen und geistigen Entwicklung sei sie auf dem Stand einer Zweijährigen gewesen.

Mittlerweile gehe es dem Kind deutlich besser, es lebe in einer Pflegefamilie und habe in nur einem Monat bereits drei Kilo zugenommen. Laut Anklage lag die damals Fünfjährige in einem völlig verdreckten Bett und litt starke Schmerzen. "Das Kind war in einem erbärmlichen Zustand. Es wurde in seinem Bett angetroffen, das mit Kot und Erbrochenem verschmutzt gewesen ist."

Mutter ohne erkennbare Reaktion bei Verlesung der Anklage in Köln

Der Angeklagte verbarg sein Gesicht hinter einer Schutzmaske und unter einer Kapuze.
Der Angeklagte verbarg sein Gesicht hinter einer Schutzmaske und unter einer Kapuze.

Obwohl den Eltern das bewusst gewesen sei, hätten sie keine medizinische Hilfe geholt und in Kauf genommen, dass ihr Kind qualvoll verhungert. "Wäre das Kind nicht am 27. August in die Kinderklinik Amsterdamer Straße gekommen, wäre mit dem Hungertod des Kindes zu rechnen gewesen", hieß es in der Anklage.

Michelle F. nahm die Verlesung der Anklage äußerlich ohne erkennbare Reaktion hin, Dominik S. hatte den Kopf gesenkt.

Vorwürfe gegen Jugendamt Bergheim

Die Tat sei letztlich nur aufgefallen, weil die Kita Alarm schlug. Die Erzieherinnen hätten das Mädchen vermisst. "Die Sache ist letztlich aufgefallen, weil sich die Kindertagesstätte bei der Mutter erkundigt hat, warum das dort angemeldete Mädchen denn nicht erscheinen würde", so ein Gerichtssprecher.

"Die Kindertagesstätte ist zunächst vertröstet worden, hat aber dann die Mutter durch eine Mitarbeiterin zufällig auf der Straße angetroffen und wieder angesprochen. Weil sich das alles nicht sonderlich plausibel anhörte, was die Mutter da sagte, hat die Kindertagesstätte letztlich das Jugendamt eingeschaltet."

Als ein Kinderarzt das Mädchen untersuchte, habe er es in einem lebensbedrohlichen Zustand vorgefunden.

Bestialischer Gestank: Frettchen liefen frei in der Wohung herum

Bei dem Prozess wird es auch um die Rolle des Bergheimer Jugendamtes gehen. Dem "Kölner Stadt-Anzeiger" zufolge sei die Familie dem Amt seit 2016 als problematisch bekannt gewesen. 2018 habe das Jugendamt eine Familienhilfe bewilligt, die zwei Jahre lang die Familie unterstütze. Dass sich das kleine Mädchen nicht altersgerecht entwickelte, in die Windeln machte und immer mehr verwahrloste, hätten die Betreuer bemerken müssen, so die Anklage.

Laut dem Bericht sei die Wohnung der Familie völlig heruntergekommen gewesen, von Bergen schmutziger Wäsche, gebrauchtem Geschirr, von Maden, Spinnen und von Schmeißfliegen übersäten Essensresten ist die Rede. "Meterhoch" hätten sich Plastiksäcke mit Müll gestapelt. In der Wohnung seien zwei Frettchen frei herumgelaufen, es habe "durchdringend" nach dem Urin der Tiere gestunken.

Öffentlichkeit vom Prozess ausgeschlossen

Weiter heißt es in dem Bericht, die Frau habe hohe Schulden gehabt. Ihr Partner habe ein Drogenproblem gehabt und ständig im Internet teure Waren wie Smartphones, Tablets, Spielkonsolen, aber auch Fitnessgeräte oder Medikamente bestellt.

Die Angeklagten wollten sich am ersten Verhandlungstag nicht äußern. Nach Verlesung der Anklage wurde die Öffentlichkeit vom Prozess ausgeschlossen. Erwartet werden nun die Aussagen zahlreicher Gutachter. Im Falle einer Verurteilung droht den Angeklagten eine lebenslange Freiheitsstrafe.

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