Prozess gegen deutsche IS-Anhängerin

Ließ Jennifer W. eine Fünfjährige verdursten? Mutter des Opfers sagt vor Gericht aus

05. Juli 2019 - 11:19 Uhr

Anklage wegen Mordes durch Unterlassen

Im Prozess gegen die deutsche IS-Anhängerin Jennifer W. hat am Donnerstag Nora T. ausgesagt. Die Mutter des Mädchens, das die Angeklagte verdursten lassen haben soll, gilt als die wichtigste Zeugin im Prozess. Jennifer W. wurde 2018 bei dem Versuch, wieder nach Syrien zu reisen, gefasst. Jetzt steht sie wegen Mordes durch Unterlassen und Kriegsverbrechen vor dem Oberlandesgericht in München.

Verkauft, versklavt und schließlich verdurstet

Jennifer W. sitzt im Gerichtssaal und kaut langsam auf ihrem Kaugummi, während die Mutter des Mädchens, für dessen Tod sie verantwortlich sein soll, über ihre tote Tochter spricht. Jennifer W. soll gemeinsam mit ihrem Ehemann das Mädchen im Jahr 2015 als Sklavin gehalten haben.

Sie sah mutmaßlich dabei zu, wie das erst fünf Jahre alte Kind verdurstete, bei sengender Hitze draußen angebunden von Jennifer W.s Ehemann. Als Strafe dafür, dass es ins Bett machte, so die Anklage. Jennifer W. unternahm nichts, brachte dem Kind weder Wasser, noch löste sie die Fesseln.

Nora T. wirkt müde und abgekämpft

Die Mutter des Mädchens wirkt müde, schleppt sich durch den Verhandlungstag. Sie sieht deutlich älter aus als 47 Jahre. Der eigentliche Name ihrer Tochter sei Reda gewesen, erzählt sie vor Gericht. Der IS habe ihr dann den Namen "Rania" gegeben.

"Sie war ein hübsches Mädchen", so Nora T. Lebhaft sei sie gewesen, lebhafter als ihre beiden älteren Brüder. Der eine lebe ebenfalls in Deutschland, der andere sei immer noch in Syrien in Gefangenschaft des IS. Wo, das wisse sie nicht.

"Wie ein Tier" soll Jennifer W. über die Fünfjährige gesagt haben

Nora T. ist Jesidin aus dem Irak, wurde auf der Flucht vor dem Islamischen Staat geschnappt und von diesem mit ihrer Familie gefangen gehalten. Sie und ihre Kinder mussten sich zum Islam bekennen. "Sie sagten, wenn wir nicht zum Islam konvertieren, werden sie uns umbringen", erzählt Nora T. Die Jesiden sind eine ethnisch-religiöse Minderheit, werden von vielen Muslimen als Teufelsanbeter angesehen. Der IS verschleppte und tötete tausende jesidische Männer. Frauen und Kinder wurden vergewaltigt und versklavt. Auch Nora T. mit ihrer Tochter.

Die beiden wurden vom Irak nach Syrien gebracht, wo Nora T. als Sklavin an einen IS-Anhänger verkauft wurde und ihn heiraten musste. Sie musste alles für ihn tun, über mehrere Monate vergewaltigte er sie immer wieder. Ihre 5-jährige Tochter musste im Haushalt helfen. Dann wurden die beiden weiterverkauft, an einen Mann und seine junge Ehefrau. Dabei soll es sich um die Angeklagte, Jennifer W., handeln. Diese habe ihre Tochter zwar nicht geschlagen, aber immer wieder auf ihr rumgehackt. "Wie ein Tier" soll sie über das fünfjährige Mädchen gesagt haben, erzählt die Mutter.

Am Freitag geht der Prozess weiter

Ihre Befragung vor Gericht ist schwierig, denn sie spricht den kurdisch-irakischen Dialekt Kurmandschi und ist für die Dolmetscherin wegen eines Sprachfehlers nur schwer zu verstehen. Jennifer W. sieht die Frau, der sie so viel Leid angetan haben soll, immer wieder an – senkt dann aber wieder den Blick. Um die grausame Tat, die ihr vorgeworfen wird, soll es erst am nächsten Verhandlungstag am Freitag gehen.