Der sechsmalige Weltmeister im Porträt

Lewis Hamilton: Formel-1-Kaiser, Marke, Legende

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8. November 2019 - 19:17 Uhr

Von Martin Armbruster

"Die anderen gewinnen nur, wenn ich einen Fehler mache."

Es ist ein Satz, den nur Formel-1-Piloten aussprechen können, die die Herrschaft in der Königsklasse an sich gerissen haben. Ein Satz, aus dem pures Selbstvertrauen schreit und der eine Arroganz der eigenen Stärke widerspiegelt. Es ist ein Satz, der von Ayrton Senna stammen könnte, dem legendären Brasilianer, der 1994 bei einem Unfall starb und von vielen bis heute als bester Rennfahrer aller Zeiten verehrt wird.

Hamilton droht für 2020 mit "Meisterstück"

Senna hat ihn aber nicht gesagt, sondern Lewis Hamilton. Und zwar schon Anfang November 2015, eine Woche nach seinem dritten WM-Triumph beim USA-GP, der ihn in Sachen Titeln auf eine Stufe mit Senna hievte, seinem großen Kindheitsidol. Vier Jahre und drei weitere Titel später ist Hamiltons Satz noch immer in Stein gemeißelt.

Die "Anderen", die Vettels, die Verstappens, die Bottas' – sie machten 2019 im WM-Rennen wieder keinen Stich und werden wohl auch 2020 nur dann eine Chance haben, wenn Hamilton eine unterdurchschnittliche Saison hinlegt.

Allein: Damit ist nicht zu rechnen, zu konstant fährt der Mercedes-Star seit er 2013 das Silberpfeil-Cockpit Michael Schumachers erbte. Eine weitere Saison in 'Normalform' und Schumachers Rekord von sieben WM-Titeln ist eingestellt, des Deutschen Bestmarke von 91 Grand-Prix-Siegen Geschichte. "Ich arbeite noch an einem Meisterstück, ich bin noch nicht fertig", sagte Hamilton nach dem US-GP – es klang wie eine Drohung.

Unfassbare Bilanz seit 2014

Hamilton schwebt in der Formel 1 seit Jahren über den Dingen. Wie schon 2017 und 2018 ließ der 34-Jährige seinem Mercedes-Stallkollegen Valtteri Bottas – 2019 immerhin sein härtester Widersacher - auch in dieser Saison keine Chance.

Die 'Konkurrenz' in Rot und Blau sah noch weniger Land. Anders als Ferrari-Pilot Sebastian Vettel und Red-Bull-Pilot Max Verstappen schoss Hamilton an Lenkrad und Pedal keine Böcke. Dank einer beängstigenden Konstanz gewinnt er seit Jahren gefühlt jeden GP.

61 Siege in 119 Rennen stehen seit 2014 in Hamiltons Bilanz – eine Siegquote von mehr als 50 Prozent. Mit solch einer Statistik kann man sich den Alleinvertretungsanspruch als Kaiser der Piloten – siehe Satz 1 – leicht erlauben.

Woher aber kommt das raue Selbstbewusstsein des Champions?

Vielleicht hat eine keinesfalls einfache Kindheit Hamilton die nötige Härte mitgegeben, um im "Haifischbecken" Formel 1 nicht nur zu bestehen, sondern auch den Unterschied zu machen. Als er zwei Jahre alt war, trennten sich die Eltern. 'Little-Lewis' wuchs bei Vater Anthony auf, der bei der Bahn schuftete, um die Familie über Wasser zu halten.

Mehr als eine Sozialwohnung in Stevenage, 40 Kilometer vor den Toren Londons, war zwischenzeitlich nicht drin. "Ich lebte auf der Couch im Appartement meines Vaters." Mit diesem Einblick in sein früheres Leben erklärt Hamilton noch heute seinen Hunger nach Erfolg.

Hinzu kommt eine Art 'natürliche' Chuzpe. Als zehnjähriger Dreikäsehoch traf Hamilton den damaligen McLaren-Teamchef Ron Dennis und prophezeite diesem keck: "Ich werde einmal für Ihren Rennstall fahren."

Dennis war baff und nahm den Jungen ins Nachwuchsprogramm des Teams auf. 13 Jahre später, 2008, raste Hamilton im McLaren zu seinem ersten WM-Titel. Er war nicht nur der bis dato jüngste Champion, er war auch der erste schwarze Weltmeister und wegen seiner Liaison zu 'Pussy-Cat'-Star Nicole Scherzinger ein glamouröser obendrein.

Die F1-Welt lag ihm zu Füßen. Nicht wenige sahen einen neuen Senna am Firmament heraufziehen.

Hamilton Karriere geriet ins Schlingern

Aber, und das wird heute in der Lewis-Hamilton-Story ob der unzähligen Erfolge und Rekorde gerne vergessen: Nach seiner ersten F1-Gipfelbesteigung geriet Hamiltons Karriere ins Schlingern. Zwar fuhr der Engländer in den Jahren darauf nicht schlecht. Auch blieb er wegen seiner Standby-Beziehung mit Scherzinger in der Rolle des Popstars. Die sportlichen Schlagzeilen aber bestimmten andere. So war es plötzlich der damals im Red Bull von Sieg zu Sieg rasende Sebastian Vettel, der als Formel-1-Dominator gefeiert wurde.

Dass Hamiltons heute das Nonplusultra der Königsklasse ist, liegt auch an einer Begegnung im September 2012. Niki Lauda, damals Aufsichtsratschef des Mercedes-Teams in spe, schaute am Rande des Großen Preises von Singapur mitten in der Nacht bei Hamilton im Hotel vorbei und überredete diesen, McLaren in Richtung Mercedes zu verlassen.

Erst wenn es ihm gelänge, mit dem Mythos Silberpfeil zu Weltmeister-Ehren zu rasen, würde er Geschichte schreiben, philosophierte Lauda. Ein Argument, das verfing. Kurz darauf wechselte Hamilton zu Mercedes. Es war – sportlich gesehen – die beste Entscheidung seines Lebens.

Ratgeber Laudas Ansage fruchtete

Die Nacht von Singapur und Laudas Ratgeber-Rolle erwiesen sich für Hamilton als Glücksfall. Die im Mai verstorbene F1-Legende knurrte den Hundenarr an, seine geliebten Bulldoggen bei den Rennen gefälligst zuhause zu lassen, seine Geschäfte selbst zu regeln und außerhalb des Rennsports einfach zu machen, wonach ihm der Sinn stehe.

Hamilton gehorchte, sägte seinen eigenen Vater als Manager ab und dreht seither abseits der Piste noch stärker am Rad als früher. Zwischen seinen Siegen jettet der extrovertierte Hobby-Rapper und angehende Modeschöpfer um die Welt. Boxkämpfe in Las Vegas, Karneval in der Karibik, Küsschen mit Pop-Sternchen Rihanna. Neuerdings sorgt sich der bekennende Veganer sogar ums Klima.

Mercedes kann sich die Spleens seines Superstars locker leisten. "Je mehr wir ihn von der Leine lassen, desto besser wird er", fasste Lauda die Ernte seiner 'leben-und-leben-lassen-Saat' einmal in Worte.

Globale Marke

Doch nicht nur für Mercedes, auch für die Formel 1 insgesamt ist Hamilton längst unersetzlich.

Wohl temperiert lässt der Brite die Welt an seinem Leben teilhaben. 13,4 Millionen Menschen haben seinen Instagram-Kanal abonniert, 5,6 Millionen folgen dem Formel-1-Champion bei Twitter.

Hamilton ist der einzige Fahrer, den die Leute in den USA, dem Land mit dem größten Automarkt, kennen. Für die Formel 1 ist er "das perfekte Testimonial in der Ära Liberty Media", wie die italienische Zeitung La Stampa schreibt.

Weil Lewis Hamilton eben nicht nur ein hochbegabter Lenkradvirtuose, sondern ein idealer Repräsentant der Social-Media-Generation ist: Ein globaler Star, eine Marke - eine 'moderne' Legende unserer Zeit.