Indonesische Insel soll Tourismusattraktion werden

Lastwagen vs. Komodowaran: Foto versetzt Umweltschützer in Sorge

Beim Bau der Tourismus-Attraktion "Jurassic Park" auf Rinca treffen Arbeiter auf einen Komodowaran.

30. Oktober 2020 - 18:29 Uhr

Fluch oder Segen?

Ein Komodowaran steht vor einem Lastwagen, dessen Fahrer schauen vom Dach der Fahrerkabine mit Respekt auf das fast drei Meter lange Tier hinab. Das Bild steht sinnbildlich für das Eindringen des Menschen in den Lebensraum des Urzeit-Monsters. Es soll vergangene Woche auf Rinca, einer Insel Indonesiens, aufgenommen worden sein. Die Regierung will sie zu einer Touristenattraktion machen. Während die Planer von einem Safari-Park schwärmen, warnen Umweltschützer vor großen Schäden.

Ungewohnte Geräusche und Gerüche

Das Bild soll der "F.A.Z." zufolge in der vergangenen Woche entstanden sein, als auf Rinca die ersten Lastwagen vorfuhren. Sie sollen eine neue Tourismusattraktion auf den Weg bringen. Die Architekten nennen ihr Projekt mit unverhohlenem Stolz "Jurassic Park". Komododrachen sind zwar weder so groß noch so alt wie die Dinosaurier aus dem Hollywood-Blockbuster, aber sie bevölkern immerhin schon seit vier Millionen Jahren den Planeten. Die bis zu drei Meter langen Warane, die heute nur noch auf einer Handvoll Inseln in Indonesien leben, wirken tatsächlich wie Überbleibsel aus der Urzeit - und genau das macht sie so faszinierend.

Das 1,3 Hektar große Geopark-Projekt, das 6,7 Millionen Dollar (5,7 Millionen Euro) kosten soll, ist Teil der Bemühungen der Regierung von Präsident Joko Widodo, den Tourismus im weltgrößten Inselstaat anzukurbeln. Neben der beliebten Urlaubsinsel Bali sollen in Zukunft weitere Touristen-Hotspots Besucher nach Indonesien locken. Kritiker würden das Komodo Archipel aber lieber außen vor lassen. Das Foto dafür sei der beste Beweis. Gepostet hat es der Insonesier Gregorius Afioma, der sich für den Schutz der Mini-Saurier einsetzt. "Es ist das erste Mal, dass ein Lastwagen und anderes schweres Gerät im Nationalpark sind", sagt er der "F.A.Z.". Die damit verbundenen Geräusche und Gerüche seien für die Tiere ungewohnt.

„Der Rest der Insel wird unberührt bleiben“

Komodowaran auf der Komodo Insel, einem Nationalpark in Indonesien
Komodowarane sind die größten noch lebenden Echsen.
© Tourismusministerium Indonesien

Die Struktur des Parks sei viel zu modern und passe nicht zu dem 1980 eingerichteten Nationalpark, der den Waranen Schutz bieten soll, sagte Akbar Alayubi, Vorsitzender der örtlichen Umweltschutzgruppe "Komodo Young Guards", der Deutschen Presse-Agentur. "Die Pläne sind ein Gegensatz zu dem Image eines natürlichen Tourismus, auf den wir so stolz sind."

Der Komodo-Nationalpark, der sich aus den Inseln Rinca, Komodo und Padar zusammensetzt, gehört seit 1991 zum Unesco-Weltnaturerbe. Nach jüngsten Zahlen der Behörden leben dort heute weniger als 3.000 Riesenechsen. Die Weltnaturschutzunion IUCN stuft den "Varanus komodoensis" als gefährdet ein. Ungeachtet dessen hat die Regierung in Jakarta entschieden, dem Schutzgebiet - ebenso wie dem Ort Labuan Bajo auf der Insel Flores, von dem aus traditionell die Bootstouren zu den Waranen starten - Priorität bei der Tourismusentwicklung einzuräumen.

"Wir möchten, dass Touristen eine gute Zeit haben, ohne dass die Aktivität der Wildtiere gestört wird", sagt Shana Fatina, Direktorin der Tourismusbehörde Labuan Bajo Flores. Die neue Konstruktion werde nur 0,5 Prozent der Gesamtfläche des Nationalparks belegen. "Wir ersetzen alte Gebäude durch eine einzige Struktur mit einem erhöhten Deck, um die Überwachung und die Bestandserhaltung zu erleichtern", erklärt sie. "Der Rest der Insel wird unberührt bleiben."

Komodowaran tötete Neunjährigen

Komodowarane sind schnell und gelten als aggressiv. Charakteristisch ist ihre lange, gespaltene Zunge. Die bis zu 70 Kilogramm schweren Raubtiere leben von Aas, greifen aber auch Beute an, die ein Vielfaches ihrer eigenen Größe haben - darunter Hirsche, Wasserbüffel und Wildschweine. Beim Zubeißen produzieren sie Gift, das ihre Beute in einen Schockzustand versetzt und die Blutgerinnung verhindert.

Angriffe auf Menschen sind selten, kommen aber gelegentlich vor. So hatte eine Riesenechse 2007 auf Komodo einen neunjährigen Jungen angegriffen und getötet. 2013 attackierte ein Waran einen Touristenführer und verletzte ihn schwer. Die Urlauber, die der Mann durch den Nationalpark führte, kamen mit dem Schrecken davon.

Der Chefarchitekt des Projekts, Yori Antar, ist überzeugt, dass die neue Konstruktion Besucher künftig vor derartigen Angriffen schützen kann. "Die Komododrachen können sich frei in der Anlage bewegen, während Touristen sie vom erhöhten Deck aus beobachten oder füttern können, ohne attackiert zu werden", erläutert er. Auch seien ein Informations- und Forschungszentrum sowie Unterkünfte für Forscher, Ranger und Tourguides geplant. Der Bau soll bereits 2021 fertig sein.

"Die Regierung hat uns ignoriert"

HANDOUT - 16.10.2020, Indonesien, Komodo: Undatiert: Eine Computeranimation zeigt den geplanten Park für Komodowarane auf der Insel Rinca. In die Touristenattraktion im Komodo-Nationalpark sollen einige der letzten Riesenechsen integriert werden. (zu
Eine Computeranimation zeigt den geplanten Park für Komodowarane auf der Insel Rinca.
© dpa, Yori Antar, dhu kde

Mit dem Spitznamen "Jurassic Park" wolle man die Fantasie von potenziellen Gästen anregen: "Wir wollen, dass das Ganze im Ausland viral geht", so Antar. Im September veröffentlichten die Baumeister auf Instagram ein Video mit ihrem Modell, untermalt vom Soundtrack des Dinosaurier-Epos. Vorwürfe, dass die Pläne die Warane gefährden könnten, weist Antar zurück. Aber vor allem für die Menschen in der Region sei das Projekt ein "Segen", ist er überzeugt.

Da gehen die Meinungen allerdings auseinander. Laut Benedictus Douk, der Touren in den Nationalpark organisiert, ist die örtliche Bevölkerung gegen die Pläne. "Die in der Tourismusbranche in Labuan Bajo Beschäftigten haben gegen den Bau protestiert, aber die Regierung hat uns ignoriert. Meiner Meinung nach wird die Anlage den Lebensraum der Komodos zerstören und das Gebiet in einen Safaripark verwandeln."

Zu viele Touristen

Eine lokale Aktivistengruppe mit dem Namen "Öffentliches Forum zur Rettung des Tourismus" hat sich derweil ebenfalls an die Regierung gewandt, um den Bau zu verhindern. "Eine solche Betonstruktur verstößt gegen das Umweltschutzgesetz, nach dem die Veränderung der natürlichen Landschaft in einem Nationalpark verboten ist", hieß es in der Erklärung. "Zudem werden Brunnenbohrungen zur Unterstützung der Infrastruktur zu einem Mangel an Wasser führen, das für das Überleben der Tiere und Pflanzen in der Region von entscheidender Bedeutung ist."

Trotz seiner abgelegenen Position erfreut sich das Komodo-Archipel bei Touristen aus aller Welt seit Jahren immer größerer Beliebtheit. 2018 haben offiziellen Statistiken zufolge mehr als 175.000 Menschen den Nationalpark besucht, die meisten davon Ausländer. Schon länger gilt die Region als negatives Beispiel für den so genannten "Overtourism" - jenen überbordenden Tourismus, der heute so viele einst idyllische Destinationen plagt.