Greueltaten der Nationalsozialisten

Kurz vor Ende des 2. Weltkriegs sterben 200.000 KZ-Häftlinge bei den Todesmärschen

Überlebende, Angehörige und Schüler gedenken der Opfer des Todesmarsches von 1945. Foto: Bernd Wüstneck/Archiv
Überlebende, Angehörige und Schüler gedenken der Opfer des Todesmarsches von 1945. Foto: Bernd Wüstneck/Archiv
© deutsche presse agentur

10. September 2021 - 17:42 Uhr

Gedenken an Opfer der Todesmärsche

Es ist unvorstellbar, wie sehr die Häftlinge in den deutschen Konzentrationslagern im 2. Weltkrieg leiden mussten. 1944 - kurz vor der Kapitulation der Nationalsozialisten, räumen die Nazis ihre Konzentrationslager und schicken mehr als 200.000 KZ-Gefangene auf die sogenannten Todesmärsche – und somit in den sicheren Tod. In Kiel findet am 12. September 2021 eine Gedenkfeier für die Opfer statt.

Menschenverachtend bis zum Ende des Krieges

Das Konzentrationslager Auschwitz.
Das Konzentrationslager Auschwitz.
© pixabay

Im Sommer 1944 verlieren Truppen der deutschen Wehrmacht immer öfter Gefechte gegen die Alliierten und die Rote Armee. Die Nationalsozialisten müssen sich zurückziehen. Daraufhin räumt die SS zahlreiche Konzentrationslager. Die Nationalsozialisten wollen so verhindern, dass KZ-Gefangene durch Truppen der Alliierten und Roten Armee gerettet werden. Zahlreiche KZ-Häftlinge überleben die tage- und wochenlang dauernden Märsche bzw. Transporte nicht: Sie erfrieren, verhungern oder brechen geschwächt zusammen. Wer nicht weiterlaufen kann, wird erschossen.

„Wer hinter der Kolonne bleibt, wird erschossen“

Kurz vor Kriegsende, am 02. April 1945 werden auch circa 800 abgemagerte und geschwächte Häftlinge aus dem KZ Hamburg-Fuhlsbüttel nach Kiel getrieben – mehr als hundert Kilometer zu Fuß. "Sie sind nach Kiel gebracht worden, weil die Briten vor den Toren Hamburgs standen", erklärt der Historiker Thomas Käpernick. "Als es losging in Fuhlsbüttel wurde befohlen, dass, wer hinter der Kolonne zurückbleibt, erschossen wird. Das haben die Häftlinge auch gehört", erzählt der Historiker weiter. Vier Tage dauert der Marsch bis nach Kiel. "Die Häftlinge hatten große Probleme diesen viertägigen Marsch durchzustehen, weil sie entkräftet waren in der Regel, weil sie schon Haft bei schlechten Bedingungen hinter sich hatten. Und weil auch das Schuhwerk nicht angemessen war", beschreibt Historiker Thomas Käpernick den Todesmarsch. "Viele mussten barfuß oder mit ganz schlechtem Schuhwerk marschieren, dass sie blutige Füße hatten und eigentlich nicht mehr mitkonnten."

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Wübbo Sielmann aus Ostfriesland musste mit auf den Todesmarsch

Wübbo Sielmann aus Ostfriesland wurde zum Todesmarsch gezwungen.
Wübbo Sielmann aus Ostfriesland wurde zum Todesmarsch gezwungen.
© RTL Nord

Wübbo Sielmann ist Kommunist und deswegen Gefangener im KZ Hamburg-Fuhlsbüttel. Der Tischler aus Weener in Ostfriesland musste mit auf den Todesmarsch nach Kiel. Marina Zander ist die Urenkelin von Wübbo Sielmann. Sie hat seine Lebensgeschichte jahrelang recherchiert: "Er war großzügig, fröhlich und auch sehr interessiert an Bildung. Und er hatte Lieblingsgedichte und wäre gern auf eine höhere Schule gegangen." Doch dazu kam es nicht. Wübbo Sielmann schafft es den Todesmarsch zu überleben. "Er muss kurz vor Kriegsende freigelassen worden sein und hat sich versucht durchzuschlagen bis nach Ostfriesland", weiß Historiker Thomas Käpernick. Aber am Ende waren die erlittenen Strapazen für den 1,80 Meter großen Tischler aus Weener wohl zu viel, erzählt die Urenkelin von Wübbo Sielmann: "Als er nach Hause kam, wog er 40 Kilo. Und war dann eben so geschwächt, dass er dann einige Tage später gestorben ist."

Neun Häftlinge wurden auf dem Todesmarsch erschossen

Marina Zander, Ur-Enkelin von Wübbo Sielmann.
Marina Zander, Ur-Enkelin von Wübbo Sielmann.
© RTL Nord

"Auf der Landstraße zwischen Kisdorf und Kaltenkirchen ist der erste Häftling des Marsches ermordet worden", erzählt Historiker Thomas Käpernick. "Er heißt Joseph Tichy und kam aus Tschechien. Er konnte offenbar nicht mehr mitmarschieren. Er wurde erschossen von einem Wachmann und in den Straßengraben getreten, wie eine Zeugin sich erinnerte." Für die Gefangenen, die den Todesmarsch überleben, geht der Schrecken im Arbeitserziehungslager Nordmark in Kiel weiter. Denn auch dort werden hunderte Häftlinge getötet. Wie viele Menschen vom Todesmarsch in dem Lager umgekommen sind, ist unbekannt. (mtu)

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