Krebsstudie

Durchfallmittel treibt Tumorzellen in den Tod

Gegen hartnäckige Krebszellen haben unsere Lymphozyten meist keine Chance.
Gegen hartnäckige Krebszellen haben unsere Lymphozyten meist keine Chance.
© iStockphoto, man_at_mouse

24. Dezember 2020 - 11:41 Uhr

Forschungsteam der Goethe-Universität Frankfurt deckt Wirkmechanismus auf

Der Wirkstoff des gängigen Durchfallmittels Loperamid könnte die Behandlung von Hirntumoren unterstützen. Forscher der Goethe-Universität Frankfurt wiesen nach: In der Zellkultur wirkt Loperamid gegen Glioblastomzellen. Das Glioblastom ist eine sehr aggressive und meist tödliche Krebsform bei Kindern und Erwachsenen, die schlecht auf Chemotherapeutika reagiert. Ihre Ergebnisse haben die Forschenden in dem Fachmagazin "Autophagy" veröffentlicht.

Zellen fressen sich selbst auf

Hinweise darauf, dass das Durchfallmittel Loperamid in der Therapie von Hirntumoren eingesetzt werden könnte, fand die Arbeitsgruppe um Dr. Sjoerd van Wijk vom Institut für Experimentelle Tumorforschung in der Pädiatrie der Goethe-Universität bereits vor zwei Jahren. Nun entschlüsselte sie den Wirkmechanismus und eröffnet damit Optionen für neue Behandlungsstrategien, heißt es beim Informationsdienst Wissenschaft.

Loperamid führt in bestimmten Tumorzellen zu einer Stressreaktion im sogenannten Endoplasmatischen Retikulum (ER), dem Zellorganell, das für wesentliche Schritte der Proteinsynthese im Körper verantwortlich ist, erläutern die Forschenden. Der Stress im ER löse die Autophagie aus, welche wiederum zum Absterben der Krebszellen führt.

Autophagie ist ein natürlicher Prozess in unserem Körper, bei dem aus beschädigten oder überflüssigen Zellbestandteilen die wertvollen Anteile "recycelt" werden, erklärt die Forschungsgruppe. So könne beispielsweise das Überleben der Zelle bei Nährstoffmangel gesichert werden. Bei bestimmten Tumorzellen werde über die Autophagie jedoch so viel Material abgebaut, dass sie nicht mehr überlebensfähig sind und absterben. Dies lässt sich bei Glioblastomzellen offenbar mit dem Durchfall-Medikament Loperamid unterstützen.

Spezieller Transkriptionsfaktor entscheidend

Eine wesentliche Rolle bei der Initiierung eines Autophagie-abhängigen Zelltods der Glioblastomzellen spielt laut Aussage der Forschenden der "Aktivierende Transkriptions-Faktor" ATF4, der sowohl bei ER-Stress als auch unter Loperamid-Einfluss vermehrt gebildet werde. Er löse den Abbau der ER-Membranen und damit des gesamten Endoplasmatischen Retikulums der Zellen aus. "Wenn wir umgekehrt ATF4 blockieren, sterben nach Zugabe von Loperamid deutlich weniger Zellen einer Tumorzellkultur", beschreibt van Wijk die Kontrollergebnisse. Außerdem konnte die Arbeitsgruppe unter dem Elektronenmikroskop die ER-Trümmer in Abbauzellen des Körpers nachweisen. "Der ER-Abbau, also die Retikulophagie, trägt sichtbar zum Zelltod von Glioblastom-Zellen bei", so van Wijk.

RTL NEWS empfiehlt

Anzeigen:

Durchfallmittel könnte auch bei Demenz helfen

Der Loperamid-induzierte Zelltod von Glioblastomzellen könnte helfen, neue Therapieansätze für die Behandlung dieser schweren Krebserkrankung zu entwickeln. "Unsere Erkenntnisse eröffnen aber auch neue spannende Möglichkeiten für andere Krankheiten, bei denen der ER-Abbau gestört ist, etwa Nervenzell- oder Demenz-Erkrankungen sowie weitere Tumorarten", so van Wijk. Bevor Loperamid allerdings tatsächlich bei der Behandlung von Glioblastomen oder anderen Erkrankungen eingesetzt werden kann, ist noch einige Arbeit notwendig.