Aufschrei nach Jagd von Mutter-Tochter-Gespann

Fleisch hat eben mal gelebt, liebe Eltern!

Beka Garris und ihre Tochter Isabella posieren mit einem selbst erlegten Reh.
© Media Drum World

31. Juli 2020 - 19:59 Uhr

Kommentar von Lauren Ramoser

Die US-Amerikanerin Beka Garris nimmt ihre kleine Tochter mit auf die Jagd. Die 2-Jährige streichelt tote Kaninchen und kauert mit ihrer Mutter im Unterholz, bis ein Reh in Sicht ist, das geschossen werden soll. Im Netz lösen die Bilder der beiden rege Diskussionen aus. Dabei macht Beka Garris alles richtig – sagt auch die Kinderpsychologin Sabine Kopsch-Werner.

Mutter-Tochter-Gespann auf der Jagd

Der Fall der 31-jährigen Mutter Beka Garris aus dem US-Bundesstaat Ohio sorgt für Diskussionen. Die junge Mutter nimmt ihre 2-jährige Tochter Isabella mit auf die Jagd. Mit Pfeil und Bogen in der Hand und dem Kleinkind in einer Trage auf dem Rücken pirscht sie durch die Wälder und über Felder und jagt Rehe, Hasen und Eichhörnchen, die später auf den Tellern der Familie landen.

Vielen Menschen im Netz gefällt das überhaupt nicht. Sie traumatisiere ihr Kind, Isabella sei viel zu jung dafür, das Jagen sei brutal und unnötig heißt es auf Facebook und in anderen Sozialen Netzwerken. Beka will von der Kritik nichts wissen. Ihr sei es wichtig, dass Isabella in engem Kontakt mit der Natur aufwächst.

Psychologin: Jagd traumatisiert Kinder nicht

Und damit hat sie recht, sagt die Kinderpsychologin Sabine Kopsch-Werner. "Solange es sich um einen Vorgang der Jagd handelt und dieses in Wertschätzung geschieht, ist keine Traumatisierung eines Kindes zu erwarten. Kinder entwickeln erst mit dem siebten Lebensjahr ein Konzept zum Thema Tod." Dass Isabella unbedarft den toten Hasen streichelt ist also nicht brutal oder eklig, sondern schlicht normal.

Zu jung ist das Mädchen für die gemeinsame Jagd also nicht, wichtig sei aber, wie die Mutter mit der Situation umgeht. Der Kreislauf des Lebens kann dabei eine nachvollziehbare Grundlage in den Erklärungen der Eltern sein: Das Tier stirbt, damit wir uns ernähren können. und es dürfen nicht zu viele Tiere werden, sonst haben wir nicht genug Getreide und Gemüse, weil dann auch die Tiere all das fressen", erklärt Kopsch-Werner.

Beka Garris trägt ihre Tochter Isabella in einer Trage auf dem Rücken und einen toten Fisch in der Hand.
Beka Garris jagt und fischt, um die gefangenen Tiere für ihre Familie zuzubereiten.
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"Chicken Nuggets wachsen nicht auf Bäumen"

Wem die Tier-Tod-Teller-Regel zu hart ist, der muss eine klare Entscheidung treffen. "Wenn wir weniger Fleisch essen, müssen weniger Tiere sterben", sagt die Psychologin. Viele Kinder wollen, zumindest zeitweise, kein Fleisch mehr essen, sobald sie verstehen, dass "ihre Chicken Nuggets nicht auf Bäumen wachsen", wie eine Leserin auf Facebook kommentiert.

Ob man die Szenen der wild geschossenen Tiere brutaler findet als die Bilder aus einer Schweinemast, die jüngst bei einem Tönnies-Zulieferer aufgetaucht sind, bleibt jedem selbst überlassen. Wer sich aber entscheidet, Fleisch zu essen, sollte sich – egal in welchem Alter – bewusst darüber sein, wo es herkommt: Von Tieren, die für uns sterben mussten. 

Jagen ist in den USA weit verbreitet

Auch wenn die Szenen für deutsche Zuschauer befremdlich wirken, ist die Jagd in den USA weit verbreitet – das habe ich selbst erlebt, als ich dort gelebt habe. Zu Beginn der Jagdsaison gibt es in vielen Gemeinden in Ohio für Kinder sogar schulfrei, damit sie gemeinsam mit ihren Familien jagen gehen können.

Der Bundesstaat ist außerdem stark von Armut betroffen. Die Jagd oder der eigene Anbau von Gemüse sind eine wichtige Alternative zu steigenden Lebensmittelpreisen. Besonders im wirtschaftsschwachen Südosten des Staates ist der nächste Supermarkt auch schnell mehrere Stunden Autofahrt entfernt, sodass die Versorgung mit abgepackten Lebensmitteln schwierig wird.

Wer also das Verhalten von Beka Garris kritisiert, sollte nicht vergessen, den kulturellen Unterschied zu bedenken. Das sieht auch die Kinderpsychologin Sabine Werner-Kopsch so. "Jagen ist in Deutschland vor allem mit kleinen Kindern nicht üblich. Ein gemeinsamer Angelausflug mit Kindern oder Enkeln ist aber durchaus verbreitet."