Kluft zwischen Arm und Reich: Deutschland ist ungerechter als jedes andere Euro-Land

02. August 2016 - 12:17 Uhr

Trend: Vor allem Arbeitslose besitzen immer weniger

Es ist eine unvorstellbare Summe: 6,3 Billionen Euro Vermögen haben die Deutschen angehäuft. Dass dieses Geld nicht gerecht in der Gesellschaft verteilt ist, ist nicht neu – tatsächlich ist die Ungerechtigkeit aber sogar größer als in jedem anderen Land in der Euro-Zone. Das zeigt eine neue Studie des DIW (Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung).

DIW-Studie: Arbeitslose arm dran
Das Geld ist in der deutschen Bevölkerung extrem ungleich verteilt - vor allem bei Arbeitslosen gibt es dabei einen schockierenden Trend.
© dpa, Daniel Bockwoldt

Die schockierenden Zahlen: Die reichsten ein Prozent der Deutschen besitzen im Schnitt 817.000 Euro, während ein Fünftel von uns überhaupt kein Vermögen hat. Schuld daran ist wohl auch die Hartz-Reform – denn es fällt auf: In den letzten zehn Jahren haben vor allem Arbeitslose an Vermögen eingebüßt, waren es 2002 noch im Schnitt 30.000 Euro, besitzen Sie jetzt nur noch 18.000 Euro pro Person. Kein Wunder, müssen Sie doch vor dem Erhalt von Hartz-IV-Leistungen anders als früher erst ihr eigenes Vermögen aufbrauchen.

Immerhin: Der negative Trend bei den Arbeitslosen ist offenbar die Ausnahme. Denn die Schere geht nach Erkenntnissen des DIW insgesamt nicht auf: "Insgesamt hat sich an der Vermögensverteilung im Land wenig geändert, die Ungleichheit verharrt auf hohem Niveau", sagte DIW-Experte Markus Grabka.

Dennoch lassen die Zahlen einmal mehr aufhorchen: Männer haben mehr als Frauen, Ostdeutsche besitzen nicht einmal halb so viel wie Westdeutsche und Paare mit Kindern stehen schlechter da als Kinderlose. Die Besitztümer sind also alles andere als fair verteilt.

DGB: Der Mindestlohn ist nicht genug

Wer sich mit dem Blick über die Landesgrenzen in vermeintlich ungerechte andere Länder behelfen möchte, wird enttäuscht. Tatsächlich ist die Kluft zwischen Arm und Reich in der Euro-Zone nirgends so groß wie in Deutschland. Der sogenannte Gini-Koeffizient, der die Ungleichheit misst und international vergleichbar macht, liegt in Deutschland bei 0,78. Bei einem Wert von eins ist die Ungleichheit maximal, bei Null minimal ausgeprägt. Zum Vergleich: In Frankreich liegt er bei 0,68, in Italien bei 0,61.

Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) forderte, die Ungleichheit zu bekämpfen. "Die Regierung muss prekäre Beschäftigungsformen zurückdrängen", sagte Vorstandsmitglied Reiner Hoffmann. Die Einführung eines gesetzlichen Mindestlohns sei nur ein erster Schritt. "Auch die stärkere Regulierung von Leiharbeit und Werkverträgen gehört auf die Agenda", sagte Hoffmann. Auch der Wegfall heimlicher Steuererhöhungen, der sogenannten kalten Progression, könne die Kluft zwischen Reich und Arm schließen helfen. Der Paritätische Wohlfahrtsverband forderte, große Erbschaften und Vermögen deutlich stärker zu besteuern, um so soziale Reformen finanzieren zu können.