Schwere Vorwürfe gegen Berliner Jugendämter

Kentler-Projekt: Pflegekinder wurden jahrzehntelang an Pädophile vermittelt

Jahrzehntelang wurden Kinder an Pädophile vermittelt
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17. Juni 2020 - 8:51 Uhr

Abschlussbericht zum Kentler-Experiment: „Kindswohlgefährdung in öffentlicher Verantwortung“

Es klingt wie das Drehbuch eines perfiden Psychothrillers, doch es ist die bittere Realität: Ein Professor vermittelt in den Siebzigern Kinder und Jugendliche ganz bewusst an pädophile Pflegeväter. Wer wusste alles Bescheid und hält so ein System aktiv am Laufen? Ein Untersuchungsbericht, der heute vorgestellt wird und RTL vorab vorliegt, erhebt schwere Vorwürfe gegen die Berliner Jugendämter und die Senatsverwaltung.

Helmut Kentler schlug Pädophile als Pflegeväter vor

Der umstrittene Sexualwissenschaftler Helmut Kentler war der Leiter des Projekts, das in den 70er Jahren seinen Lauf nahm und drei Jahrzehnte weiterlief. Er vertrat die Überzeugung, "dass sexuelle Kontakte zwischen Kindern und Erwachsenen nicht schädlich sind." Mehr noch: Pädophile seien in besonderer Weise als Pflegeväter geeignet. Und so gab er Findelkinder aus Westberlin in deren Obhut. Jahrzehntelang stellte niemand die wegen sexuellen Missbrauchs vorbestraften Pflegeväter infrage. Nach außen hin lief schließlich alles bestens: Die Kinder waren weg von der Straße und mussten nicht in Heimen untergebracht werden und auch die Pädophilen wurden nicht erneut straffällig – zumindest nach außen. Stattdessen missbrauchten sie ihre Pflegekinder in den eigenen vier Wänden.

Opfer des Kentler-Experiments brechen ihr Schweigen

Entscheidende Fragen blieben jahrzehntelang ungeklärt: Wie kann sowas sein? Welche organisatorischen Strukturen mussten geschaffen und aufrechterhalten werden, um die Taten möglich zu machen und zu vertuschen? Wer hat was und wie viel gewusst? Wie stehen die Senatsverwaltung und Bezirksjugendämter in den Zusammenhängen jeweils und miteinander in der Verantwortung?

Seit die ersten Opfer vor wenigen Jahren erstmals ihr Schweigen brachen, ist der Stein der Aufarbeitung ins Rollen geraten: Akten wurden durchwühlt, Befragungen durchgeführt. Der Abschlussbericht der Universität Hildesheim zum Wirken Kentlers in der Berliner Jugend- und Pflegehilfe kommt nun zu erschütternden Ergebnissen.

Ergebnis zum Kentler-Experiment: Netzwerk statt Einzeltäter

Abschlussbericht der Universität Hildesheim
Abschlussbericht der Universität Hildesheim
© RTL

In dem Bericht heißt es: "Aus Sicht der Aufarbeitung handelt es sich bei der Einrichtung der Pflegestellen, die uns bekannt sind, um Kindeswohlgefährdung in öffentlicher Verantwortung. Dies wiegt umso schwerer, da Pflegestellen in der Jugendwohlfahrt resp. Kinder- und Jugendhilfe eingerichtet werden, um eine Kindeswohlgefährdung von jungen Menschen zu vermeiden."

Es reiche längst nicht aus, die Schuldfrage auf Kentler oder die Pflegeväter abzuwälzen, so wie bisher von den verantwortlichen Stellen geschehen. Es handle sich vielmehr um ein ganzes Netzwerk an Verantwortlichen: "Ein Netzwerk quer durch die wissenschaftlichen pädagogischen Einrichtungen insbesondere der 1960er und 1970er Jahre  und die Senatsverwaltung (dem Landesjugendamt) bis hinein in einzelne Berliner Bezirksjugendämter, in dem pädophile Positionen akzeptiert, gestützt und verteidigt wurden."

Warnsignale wurden nicht beachtet, Akten verändert, geschönt. Kein Mitarbeiter der involvierten Jugendämter wurde bislang zur Verantwortung gezogen. Einige machten sogar Karriere, übernahmen die Leitung von Jugendämtern, obwohl ihre Arbeit am Beispiele der Kinder "schwere fachliche Mängel und Fehler" aufweisen. Wie viele Kinder tatsächlich zu Opfern wurden, ist bis heute ungeklärt.

Umstrittener Sexualwissenschaftler Helmut Kentler wurde nie strafrechtlich verfolgt

Deshalb sei es nun Zeit, Verantwortung zu übernehmen. Und zwar vom Senat. Wie das aussehen soll, wird Sandra Scheeres, Senatorin für Bildung, Jugend und Familie, heute Nachmittag bekanntgeben.

Kentler selbst, der nach seiner Zeit am "Pädagogischen Zentrum Berlin" noch bis 1996 als Professor für Sozialpädagogik an der TU Hannover lehrte, wurde übrigens nie strafrechtlich verfolgt, weil seine Taten als verjährt galten. An dieser rechtlichen Hürde scheiterten auch Anläufe von Opfern für eine juristische Aufarbeitung. Er starb 2008, während viele seine "Opfer" noch lange mit den Folgen dessen weiterleben müssen, was er und seine Mitstreiter verbrochen haben.