Labour-Abgeordnete verstößt gegen Regeln

Keine Babys im britischen Unterhaus erlaubt

Labour-Politikerin Stella Creasy mit Baby im Parlament
Labour-Politikerin Stella Creasy mit Baby im Parlament
© dpa, House Of Commons, sj pat pil

24. November 2021 - 17:15 Uhr

von Caroline Sami

Es sind starke Worte, die die Labour-Abgeordnete Stella Creasy auf Twitter veröffentlicht: "Anscheinend hat das Parlament eine Vorschrift erlassen, die besagt, dass ich mein gut erzogenes, drei Monate altes, schlafendes Baby nicht mitnehmen kann, wenn ich im Plenarsaal spreche. … Es scheint, als sollten Mütter in der Mutter aller Parlamente weder gesehen noch gehört werden." Unter ihrem Post veröffentlicht Creasy eine E-Mail, die sie zuvor erhalten hatte. Darin heißt es, es verstoße gegen die Regeln, Kinder zu Debatten in der Westminster Hall mitzunehmen. Eine Neuigkeit für die britische Abgeordnete, die am Dienstag mit ihrem dreimonatigen Sohn zu einer Debatte erschienen war und den Plenarsaal auch zuvor schon mit ihrer Tochter besucht hatte.

Vereinbarkeit von Familie und Beruf kaum möglich

In der Mail, die Creasy von der Privatsekretärin der Vorsitzenden eines Westminster-Ausschusses zugeschickt wurde, wird die Abgeordnete dazu aufgerufen, sich die erst im September überarbeiteten Regeln zu Verhaltensweisen und Höflichkeiten im Unterhaus zu Herzen zu nehmen.

Im Regelwerk heißt es: "Sie sollten im Plenarsaal nicht Platz nehmen, wenn Sie von Ihrem Kind begleitet werden, und sich auch nicht an den beiden Enden des Plenarsaals aufhalten..." Vorgaben, die sich verglichen mit der letzten Fassung des Dokuments nicht verändert haben, und es vor allem Frauen schwer machen, Beruf und Familie miteinander zu vereinbaren.

Stella Creasy: „Die Situation ist schlecht für unsere Demokratie“

Es sei ein System, das nicht für jeden funktioniere, vor allem nicht, wenn man kein Mann in einem bestimmten Alter und mit einem bestimmten Hintergrund sei, so Creasy, die sich mit ihrer Kampagne "This Mum Votes" dafür einsetzt, dass sich auch junge Mütter zunehmend politisch engagieren.

Als Abgeordnete hat sie Anspruch auf einen bezahlten sechsmonatigen Mutterschaftsurlaub und kann während ihrer Abwesenheit einen Parteikollegen bitten, stellvertretend für sie abzustimmen. Eine Mutterschaftsvertretung zu erhalten, sei aber nach wie vor schwierig. Man muss in Westminster physisch anwesend sein, um seine Abgeordneten zu vertreten. Für Stella Creasy heißt das: Ihr Baby kommt mit!

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Viele Abgeordnete sympathisieren mit der Labour-Abgeordneten und fordern mehr Flexibiltät beim Umgang mit Kindern.
© dpa, Jessica Taylor, pte cul

Unterstützung bekommt Creasy mittlerweile von weiteren Parlamentariern - auch Dominic Raab, dem stellvertretenden Premierminister, der selbst Vater von zwei Kindern ist. Er sympathisiere mit der Labour-Abgeordneten und habe schon viele Mütter und Väter mit sehr jungen Kindern im Unterhaus gesehen: "Wir wollen effektiv funktionierende Kammern sowohl in Westminster als auch im Unterhaus, aber wir müssen auch sicherstellen, dass wir im 21. Jahrhundert leben."

Dass Creasy ihren Fall veröffentlicht hat, hat eine Diskussion angeregt und dazu geführt, dass das britische Parlament seine Regeln für das Mitbringen von Babys überprüfen wird. Jungen Müttern und Vätern, die im Parlament arbeiten, wird somit womöglich ein flexiblerer Umgang im Hinblick auf berufliche und private Verpflichtungen gewährleistet werden. Für Stella Creasy dürfte das ein Lichtblick sein: "Ich habe ein Baby bekommen, aber ich habe mein Gehirn und meine Fähigkeit, Dinge zu tun, nicht aufgegeben, und unsere Politik und unsere politischen Entscheidungen werden besser sein, wenn mehr Mütter am Tisch sitzen."