Zustimmungswerte im gefährlich freien Fall

Joe Bidens Kampf: Hurrikan & Afghanistan - jetzt muss sich der US-Präsident beweisen

US-Präsident Joe Biden im Weißen Haus in Washington, D.C.
US-Präsident Joe Biden im Weißen Haus in Washington, D.C.
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09. September 2021 - 12:56 Uhr

Joe Biden muss seine Präsenz nun stärker zeigen als je zuvor

von Niels Kruse

Wegen des Abzugschaos von Kabul sind die Zustimmungswerte für Joe Biden im freien Fall. Nun besucht er in der Rolle des fürsorgenden Präsidenten die Hurrikangebiete – die richtigen Herausforderungen seiner Amtszeit stehen ihm aber erst bevor.

Klimawandel trifft die Vereinigten Staaten - US-Präsident sichtet Folgen des Wirbelsturms "Ida"

Mit hellblauem Hemd und seiner typischen Kombination aus Sonnenbrille und schwarzer Maske besichtigte Joe Biden das Städtchen Manville südlich von New York City. Er sah zerfetzte Häuser und Möbel, mit Flatterband abgesperrte Grundstücke und verzweifelte Menschen. Vor wenigen Tagen war hier der Wirbelsturm "Ida" durchgezogen, hatte Häuser zerstört und Leben genommen. Später saß der US-Präsident vor Paletten mit Wasserflaschen und Lebensmittelkartons und sagte, dass "wir etwas tun müssen" gegen den Klimawandel, der mit "unglaublicher Geschwindigkeit" voranschreite.

Hurrikan "Katrina" ließ Bush einst kalt

Termine wie in New Jersey gehören zu den unerfreulicheren, werden aber von Staatsoberhäuptern verständlicherweise eingefordert – schon alleine aus Gründen der Solidarität. Aber nicht nur. 2005 fiel dem damaligen US-Präsidenten George W. Bush sowohl sein Missmanagement der Hurrikan-"Katrina"-Krise auf die Füße, als auch, dass er trotz der Katastrophe einfach weiter urlaubte. Derartige Stoffeligkeiten sind für das Weiße Haus seitdem tabu – und, so zynisch es auch klingen mag, für Joe Biden kommen die Bilder, wie er fürsorgend durch die Trümmer watet, gerade recht.

In allerspätestens einem Jahr tobt in den USA wieder der Wahlkampf. Dann sind es nur noch knapp zwei Monate bis zu den Zwischenwahlen, es geht um die Vorherrschaft in Senat und Abgeordnetenhaus – und damit auch um die beiden letzten Amtsjahre für den aktuellen Amtsinhaber. Im Grunde ist aber immer Wahlkampf: Sei es konkret, wie demnächst in Kalifornien, wo sich der demokratische Gouverneur Gavin Newsom einer Art Misstrauensvotum stellen muss. Oder ganz generell, wenn es um die Zustimmung zur Regierungspolitik geht. Und da wurde der US-Präsident zuletzt arg gerupft.

49 zu 45,3 gegen Joe Biden steht es derzeit, und dass obwohl er bis vor Kurzem mit zehn Prozentpunkten Vorsprung und mehr in den Zustimmungsumfragen geführt hatte. Der Tag, an dem sich das Blatt gegen ihn wendete, lässt sich genau datieren. Es war unmittelbar nachdem die Taliban Kabul eingenommen und die Herrschaft über Afghanistan übernommen hatten. Die US-Truppen, noch nicht einmal vollständig abgezogen, waren gedemütigt. Und mit ihnen ihr oberster Kommandeur, der US-Präsident. Dass wenige Tage später 13 US-Soldaten und Soldatinnen bei einem Anschlag am Flughafen ums Leben kamen, eine Attacke vor der die Geheimdienste gewahrt hatten, passte ins desaströse Gesamtbild.

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Joe Bidens Amtszeit fing geschmeidig an

Das Debakel von Kabul ist die erste große Hypothek, die Biden die nächsten Monate oder gar Jahre durch seine Amtszeit schleppen muss. Dabei hatte die eigentlich sehr geschmeidig angefangen: Die Zahl der verabreichten Impfungen stieg rasant, genau wie versprochen. Er hat eine gigantische Billion Dollar für die marode Infrastruktur zumindest auf den Weg gebracht. Vor allem aber herrschte im Weißen Haus arbeitsame Ruhe – ganz im Unterschied zu den Jahren zuvor. Auch Bidens Ankündigung, die Verhandlungen des Vorgängers mit den Taliban Taten folgen zu lassen und sich bis spätestens 11. September aus Afghanistan zurückzuziehen, stieß auf Applaus.

Joe Biden konnte dem Einsatz im fernen Asien noch nie viel abgewinnen, was erklärt, warum der US-Präsident selbst dann noch stur an seiner Entscheidung festhielt, als sich die damit verbundenen Probleme abzeichneten. Hauptsache endlich diesem endlosen Krieg beenden, der unendliche viele Dollar verschlungen hat und der zum Schluss von den US-Bürgern entweder verschmäht oder verdrängt wurde. Denn das Land hat 20 Jahre nach den Terrorangriffen von New York ganz andere Probleme: Die Corona-Pandemie ist trotz früher Impferfolge wieder auf dem Vormarsch, die immer spürbareren Folgen des Klimawandels, der Dauerbeschuss auf elementare Selbstverständlichkeiten wie Wähler- und Abtreibungsrechte in Staaten wie Texas.

Bei vielen US-Präsidenten gab es nach den ersten acht Monaten einen Knick in der Zufriedenheitskurve. Manche haben sich erholt (Bill Clinton), manche nicht (Barack Obama), wiedergewählt wurden sie dennoch. Ob Joe Biden erneut antreten wird, ist noch nicht klar. Seinen Willen dazu hat er zwar im Frühjahr bekundet, aber das muss noch nichts heißen. Zumal er im Präsidentschaftswahlkampf 2024 81 Jahre alt wäre und sein Zustand, vor allem sein geistiger, selbst von Anhängern mit Sorge betrachtet wird. Nach dem Chaos von Kabul wurde ihm fehlendes Urteilsvermögen vorgeworfen; Fans wie Feinde sahen und hörten anschließend den mächtigsten Mann des Landes, der nicht einmal in der Lage war, die Abzugserklärung fehlerfrei vom Teleprompter abzulesen. Ob die Amerikaner 2024 erneut willens sein werden, über diese offenkundige (und vielleicht sogar gefährliche) Schwäche Bidens hinwegzusehen?

Bidens Kampf an vielen Fronten

Der Politiker Joe Biden war in seinen 50 Berufsjahren oft uneitel genug, um der Sache Willen zurückzustecken. Deswegen ist es nicht ausgeschlossen, dass ihm die Umsetzung seines 3,5-Billionen-Dollar-Infrastrukturplans wichtiger ist als seine Wiederwahl. Selten hätten die Vereinigten Staaten mehr Geld für (mehr als dringend benötigte) Investitionen in die Hand genommen. Sollte er das Paket durch den Kongress kriegen und es darüber hinaus erfolgreich sein, stünde sein Name und Werk in einer Reihe mit dem von Franklin D. Roosevelt und seiner "New-Deal"-Großreform. Doch Widerstand gegen das ambitionierte Vorhaben kommt nicht nur von Teilen der republikanischen Opposition, sondern auch aus den eigenen Reihen. Vor allem für die Parteilinke hat der Präsident die Gelder falsch verteilt – aber für sie ist ihr eigener Mann ohnehin zu konservativ. Es sieht so aus, als wird Joe Biden auch weiterhin an vielen Fronten gleichzeitig kämpfen müssen.

Hinweis: Dieser Artikel erschien zuerst bei stern.de.

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