Löw bricht mit Löw

Die letzte Radikalität des Bundes-Jogi

Joachim Löw hat noch große Ambitionen
Joachim Löw hat noch große Ambitionen
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19. Mai 2021 - 17:59 Uhr

von Tobias Nordmann

Es klingt komisch, ist aber so: Zum letzten Mal hat Bundestrainer Joachim Löw einen Turnierkader der deutschen Fußball-Nationalmannschaft benannt. Für ein gutes Ende seiner langen Ära bricht er dabei mit Loyalitäten und Überzeugungen.

Löw pfiff allzu oft auf die öffentliche Meinung

Es gibt bei der Fußball-Nationalmannschaft Dinge, die sind Joachim Löw tatsächlich völlig egal. Menschen, die es böse mit dem Bundestrainer meinen, könnten sagen, die öffentliche Meinung gehört dazu. So pfiff der Chef der fußballspielenden Delegation allzu oft auf jene Hinweise zum Kader, die in allen möglichen Expertenrunden diskutiert worden. Nun dient seiner Entlastung ein Hinweis darauf, dass in diesen Runden nicht immer nur sachdienliche Dinge besprochen wurden. Der ein oder andere Gast nutzte seine Redezeit gerne auch, um sich selbst in Szene zu setzen. Oder für andere Aufgaben ins Gespräch zu bringen.

Dass Löw über solche Debatten eher desinteressiert hinweg ging (zumindest wirkte das so), ist natürlich sein gutes Recht. Und ein solider Selbstschutz, der sicher jedem Trainer, der in der Kritik steht, gut tut. Man muss es ja nicht allzu offensichtlich machen. Löw gelang das freilich nicht immer. Nun braucht man ihm aber ganz sicher keinen Anfall von Überheblichkeit – den hatte er beim WM-Debakel 2018 in Russland – anzudichten, wenn er sagt, dass es ihm nun wirklich egal ist, ob seine beiden "begnadigten" Routiniers Mats Hummels von Borussia Dortmund und Thomas Müller vom FC Bayern ihre alten Trikotnummern zurückbekämen. Manchmal wisse er bei Turnieren nicht mal, welcher Spieler eigentlich welche Nummer hat. Man könnte sogar sagen: Es ist nicht nur ihm egal.

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Sei's drum. Oliver Bierhoff, der Direktor der Nationalmannschaft, wird sich dieses Themas annehmen. Und er wird eine Lösung für Müller und Hummels finden. Eine Lösung, die für alle, denen das wichtig ist, eine gute ist. Davon geht zumindest DFB-Sprecher Jens Grittner aus, der an diesem Mittwoch gemeinsam mit dem Bundestrainer durch eine ausufernd lange Medienrunde zur Kader-Nominierung führte. Nun, es war ja tatsächlich eine besondere, nicht nur wegen des neuen Formats, das zunächst Kindern, Jugendlichen, Erwachsenen und Senioren die Möglichkeit gab Fragen zu stellen, sondern auch, weil es die letzte Medienrunde mit Löw zu einem Kader der deutschen Nationalmannschaft war. Man weiß ja bereits seit längerem: Der Bundestrainer zieht sich nach dem Turnier freiwillig zurück.

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Ein harter Bruch zum Schluss

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Ey, kein Platz für mich?
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Nun versicherte der 61-Jährige, dass er nicht mit Wehmut zu seiner letzten Mission nach 17 Jahren als Trainer der Nationalmannschaft (die ersten beiden als Assistent von Jürgen Klinsmann) aufbreche. "Wir gehen dies mit positiven Gedanken an. Wir sind der Überzeugung, wir können ein gutes Turnier spielen", sagt er. Für diese Überzeugung hat er auf den letzten Metern seiner Amtszeit mit vielen Überzeugungen gebrochen. Mit Loyalitäten. Und mit optischen Eindrücken. Statt des gewohnten Stoffpullovers saß er da nun im weißen Hemd. Hat man natürlich auch schon gesehen. Zuletzt aber seltener.

Dass ein Julian Draxler nicht dabei ist, ist eine herbe Überraschung, auch wenn Löw ihn im März mit einer Nicht-Berücksichtigung bereits angezählt hatte. Dass sich in einem 26er-Aufgebot, wie es die Uefa wegen der Pandemie-Situation erstmals zulässt, aber ein Platz für den Offensivspieler von Paris St. Germain finden würde, davon war eigentlich schon auszugehen. Auch eine Berufung seines WM-Helden Mario Götze wäre zwar sicher eine Überraschung, aber keine Sensation gewesen.

Nun aber, wo das Hauptkriterium der Auswahl war, "alles dem Erfolg unterzuordnen", war eben kein Platz für Sentimentalitäten. Kein Platz für Spieler, die sportlich nicht die besten Argumente vorzubringen hatten. "Wir haben uns gefragt: Wie haben sich die Spieler bei der Nationalmannschaft gezeigt? Wie haben sie ihre Aufgaben erfüllt? Wir haben Anforderungsprofile für die Positionen erstellt, alles angehängt an unsere Spielphilosophie", erklärte Löw. "Dazu ist sehr wichtig: Wie ist die Energie? Wie ist die Frusttoleranz der Spieler? Aktuelle Form, Spielpraxis, Verletzungen - alles fließt mit ein."

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Finale wäre "für uns alle erstrebenswert"

Kevin Volland (GER), JUNE 20, 2015 - Football / Soccer : Kevin Volland of Germany celebrates after scoring their 2nd goal during the UEFA Under-21 European Championship EM Europameisterschaft Czech Republic 2015 Group A match between Germany 3-0 Denm
Verdientes Comeback: Kevin Volland.
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Sein letztes Turnier soll eben keine Abschiedsparty mit guten Freunden werden (was angesichts von Corona ohnehin nicht möglich gewesen wäre), sondern es soll sein Erbe absichern. Die schlechten Eindrücke der mindestens vergangenen drei Jahre korrigieren. Zwar vermeidet er für die EM weiter konkrete Vorgaben zu Zielen. Das Finale zu erreichen, wäre aber "für uns alle erstrebenswert", sagte Löw, trotz des Wissens, dass seine Mannschaft "im Moment nicht zu den absoluten Favoriten zählt".

In seiner zielverweigernden Demut sagt er dagegen: "Wir wollen eine Mannschaft, die vor Energie und Ehrgeiz sprüht, und die den Fans das Gefühl vermittelt, dass da eine Einheit auf dem Platz steht. Leute, mit denen sich die Fans identifizieren, die gewisse Werte verkörpern und die auf dem Platz alles investieren, was möglich ist, um erfolgreich zu sein."

Nun hat er eben einen "Nummer-sicher-Kader" nominiert. Hummels und Müller werden sich um Führung und um Kommunikation kümmern. Kevin Volland, die wohl größte Überraschung, wird nach einer starken Saison bei der AS Monaco eine Rolle als Joker einnehmen. Als einzig echter Strafraumstürmer darf er auf Einsätze hoffen. Ob das auch für Rückkehrer Christian Günter gilt, der beim SC Freiburg herausragend gut gespielt hatte, möglich. Aber auch vorerst nicht das große Thema. Ob links hinten ein Marcel Halstenberg gesetzt ist, oder ein Robin Gosens oder eben Günter, es wird die Debatten nicht bestimmten.

Schon eher die neue, die finale Radikalität, mit der sich Löw nun auf seine letzte Reise quer durch Europa begibt. "Einen Umbruch komplett abzubrechen, macht keinen Sinn. Aber man kann ihn mal unterbrechen. Unsere Analyse hat gezeigt, dass uns in einigen Spielen Stabilität und Erfahrung gefehlt haben", sagte er. Man konnte fast den Eindruck gewinnen, als wäre ihm die öffentliche Meinung doch nicht ganz egal.