2017 M05 11 - 13:51 Uhr

Kalorien zählen ist verboten

Heute ist der Iss-was-du willst-Tag. An diesem Tag darf gegessen werden, worauf immer Sie Lust haben. Kalorien zählen ist verboten, denn alles ist erlaubt: Auch Schokolade, Eis, Pizza, Pommes oder Chips. Dabei sollte das eigentlich immer so sein: Denn gesundes Essen kann sogar krank machen.

Von Jutta Rogge-Strang

Der 11. Mai könnte weltweit ein ganz entspannter Tag sein. Denn heute kümmern wir uns ein Mal nicht ums Essen. Fettreduziert, glutenfrei, vegan, fructose- und laktosefrei, makrobiotisch, veggie oder Steinzeit-Diät haben heute mal Pause. Wir dürfen essen, was wir wollen, ohne darüber nachzudenken. Herrlich relaxt!

Tatsächlich beschäftigen sich immer mehr Menschen mit ihrer gesunden Ernährung. Diäten sind ein Riesen-Thema, aber auch zunehmend (eingebildete) Nahrungsunverträglichkeiten bestimmen den Speiseplan. Ohne jeglichen ärztlichen Befund oder auftretende Symptome glaubt jeder Vierte in Deutschland, allergisch auf Essen zu reagieren oder es schlecht zu vertragen. Da ist man mit Vegetariern noch gut bedient: Ansonsten kann eine Einladung zum gemeinsames Essen heutzutage schon mal zur Herausforderung werden.

Essen als Ersatzreligion

Tatsächlich fixieren sich immer mehr Menschen auf den Verzehr von ausschließlich gesunden Lebensmitteln. Und sie reden darüber. Da machen schon die ersten Witze die Runde: "Woran erkennt man einen Veganer? - er wird es dir erzählen." Ist gesundes Essen die neue Religion? Einige schwören auf grüne Smoothies, andere auf Clean Eating ohne verarbeitete Lebensmittel, für andere sind Milch, Zucker und Weizenprodukte sowieso verboten. Aber wenn das Ganze zwanghaft wird, ist Vorsicht geboten.

Die Beschäftigung mit der Ernährung kann schnell zum Mittelpunkt des Lebens werden. Alles wird auf den Prüfstand gestellt, nur noch die ganz gesunden Sachen kommen auf den Tisch. Was Psychologen aufhorchen lässt, ist das Zwanghafte, der fanatische Umgang mit Essen, Gesundheitswahn bis hin zur Besessenheit. Die selbst auferlegten Regeln werden immer strenger, es geht nicht um entspannten Genuss, Familie, Freunde und Kollegen werden zwanghaft zu missionieren versucht.

Gemeinsames Essen nicht mehr möglich

Wenn der Wunsch nach gesundem Essen zur Besessenheit wird, sprechen Fachleute sprechen von Orthorexie. Im Extremfall verlieren Betroffene alle sozialen Kontakte, weil ein gemeinsames Essen, ob im Restaurant oder mit Freunden, kaum noch möglich ist. Die Grenze zwischen gesund und krankhaft gesund überschreiten viele Menschen, ohne dass sie es merken. Plötzlich sind sie Gefangene der eigenen Regeln. Fachleute stufen Orthorexie zumindest bei einigen Patienten als eine Variante der Magersucht ein.

Dabei könnte es so entspannt sein: Sich im eigenen Körper wohl fühlen, auf ihn und seinen wirklichen Hunger zu hören würde völlig ausreichen, um glücklich durch den Tag zu gehen. Denn was wir essen, beeinflusst nicht nur den Körper, sondern auch die Psyche. Essen ist mehr als bloßes Hungerstillen, es dient auch als Trostmittel, Belohnung, Zeitvertreib oder Lustverstärker. Also gönnen Sie sich heute mal ein paar Pralinen, ein Fünf-Gänge-Menü oder vielleicht Austern mit Champagner: Sie haben es sich verdient! Und warum nicht morgen oder nächste Woche dasselbe nochmal? Der Iss-was-du-willst-Tag kann stattfinden, wann immer Sie wollen!

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