So nah ist die Netflix-Serie an der Realität

„House of Cards“: Donald Trump und Frank Underwood – was verbindet die beiden Präsidenten?

Kevin Spacey als Frank Underwood in der Netflix-Serie "House of Cards".
© Screenshot: Youtube/Netflix US & Canada

18. November 2020 - 15:53 Uhr

von Yannik Schüller

Donald Trump will es nicht wahrhaben: Die Wahl ist verloren. Dass sich ein Präsident derart verzweifelt im Amt zu halten versucht, gab es schon einmal: auf Netflix. Doch Trump und sein Serienpendant Frank Underwood aus "House of Cards" verbindet noch mehr.

Hinweis: Dieser Beitrag erschien zuerst an dieser Stelle bei stern.de

Was haben Donald Trump und Frank Underwood gemeinsam?

Joe Biden hat die nötige Marke von 270 Wahlmännern geknackt und damit die Präsidentschaftswahl für sich entschieden. Trump hat verloren, auch wenn er das nicht einsehen mag. Angst und Verdrängung im Angesicht der Wahlniederlage sind für einen Präsidenten nichts Neues – zumindest nicht im Fernsehen.

Ähnlich erging es einem Mann, mit dem Donald J. Trump zumindest sein dehnbares Verständnis vom demokratischen Wahlsystem teilt: Francis J. Underwood aus der Netflix-Serie "House of Cards". Den realen und den fiktiven Präsidenten verbindet dabei nicht nur das Mittelinitial. Viel erschreckender sind die Parallelen zwischen Donald Trump und der von Kevin Spacey verkörperten Serienfigur Frank Underwood, wenn man sich ihr Benehmen in den Wochen vor und nach der Wahl ansieht.

Aktuelle Infos und News zur US-Wahl  – in unserem Liveticker

Achtung, Spoiler! Wer sich von  "House of Cards" noch überraschen lassen möchte, sei an dieser Stelle gewarnt.

Trump und Underwood verbindet die Angst

In den Wochen vor der Öffnung der Wahllokale verbindet Trump und Underwood vor allem eines: Angst. Zwei Tage vor der Wahl schreibt die Journalistin Jane Mayer im "New Yorker", Trump kandidiere für eine zweite Amtszeit, weil er sich vor dem Danach fürchte: In New York warten auf ihn Ermittlungen im Zusammenhang mit Geschäftspraktiken vor seiner Präsidentschaft. Hunderte Millionen Dollar an Steuernachzahlungen, Kreditfälligkeiten und Immobilienschulden stünden in Aussicht. Nicht zu vergessen: Seiner schützenden Immunität beraubt, könnten auf Grundlage der Untersuchungen des Sonderermittlers Robert Mueller — bei denen am Ende nicht genügend Beweise zusammenkamen — neue Aufdeckungen folgen.

Auch Frank Underwood vervollständigt seine Palette an Emotionen kurz vor der Wahl um Furcht. Der Zuschauer hat Underwood bis hierhin in fast jeder Verfassung erlebt: kühl und berechnend, aufbrausend und machttrunken, arrogant und siegessicher. Doch das Konstrukt wackelt: "Drei Wochen, dann ist die Wahl. Das ist nichts. Und wenn wir verlieren, dann ermitteln sie gegen uns."

Ähnlich wie Trump hatte Underwood trotz Untersuchungen gegen ihn zunächst seinen Kopf aus der Schlinge ziehen können. Bei "House of Cards" ging es dabei unter anderem um einen Parteispendenskandal. Wie der reale Präsident hat Frank Underwood Angst vor dem, was nach einer Niederlage kommen könnte.

Trumps „Stop the count“ findet auch in „House of Cards“ statt

Die Parallelen zwischen Donald Trump und Frank Underwood sind teilweise erschreckend.
Die Parallelen zwischen Donald Trump und Frank Underwood sind teilweise erschreckend.
© imago images/MediaPunch, Sarah Silbiger via www.imago-images.de, www.imago-images.de

Auch im echten Leben zeichnete sich schnell ein Wahlkrimi ab: Der von vielen erwartete Erdrutschsieg von Joe Biden blieb aus. Zwischenzeitlich trennten die Kandidaten in manchen Staaten nur wenige tausend Stimmen. Trump sei kurz davor gewesen, seinen Sieg zu feiern, als eine "sehr traurige Gruppe" versucht habe, ihm seine Stimmen wegzunehmen, behauptet er. Der Präsident und sein Team antworteten auf den angeblichen Wahlbetrug mit einem Sturm aus Klagen. Beweise blieb er bislang schuldig – zuletzt verwies er über Twitter auf das rechtspopulistische Portal "Breitbart News". Dabei hat Trump alles versucht, um dem angeblichen Betrug ein Ende zu setzen. "STOP THE COUNT", polterte er wiederholt über den Kurznachrichtendienst Twitter.

Auch für den formalen Demokraten Underwood sieht es nicht gut aus. Eine niedrige Wahlbeteiligung und Niederlagen in den Südstaaten sprechen in der Serie für seinen republikanischen Herausforderer Will Conway. Als der junge, charismatische Gegenkandidat schließlich auch noch den wichtigen Swing State Pennsylvania gewinnt, steht Underwood am Abgrund. Auch seine Lösung lautet nun: Stop the count.

Underwood suggeriert die Gefahr eines Anschlags auf ein Wahllokal in Tennessee, sein Stabschef zwingt den Gouverneur aus Ohio zur Schließung der Wahllokale, et voilà: Die Auszählung wird abgebrochen. Die darauffolgenden Wochen des politischen Chaos zwingen den Kongress schließlich dazu, eine vollständige Neuwahl in den umstrittenen Staaten anzuordnen. Währenddessen hat Underwood genügend Zeit, seinen Herausforderer Conway zu diskreditieren. Underwood gewinnt schließlich frei nach seinem Motto: "Wenn du nicht magst wie der Tisch gedeckt ist, dann dreh ihn um."

Die Präsidenten stellen Machterhalt über Fortschritt

Doch Gemeinsamkeiten finden sich bereits lange vor der Stimmauszählung. Seit dem Moment ihrer Amtseinführung werden Trump und Underwood offensichtlich von einem einzigen Gedanken beherrscht: einer zweiten Amtszeit. Es wirkt, als diene jede Entscheidung, jede Personalie ausschließlich dem Ziel des Machterhalts. Sie brauchen Munition für den Wahlkampf – dabei geht es weniger um politischen Fortschritt als um PR-wirksame Bilder.

Das Problem: In Washington mahlen die politischen Mühlen quälend langsam. Die Lösung: Wo immer es geht, regieren Trump und Underwood am Kongress vorbei. Für sein Job-Programm "America Works" benötigt Underwood eine Milliardensumme. Weil sich das Parlament quer stellt, ruft er für Washington D.C. den Notstand aus, plündert den Katastrophenschutzfond und finanziert so 40.000 Jobs in der Hauptstadt. Er inszeniert sich als Reformer.

Das Regieren per Erlass, mittels sogenannter executive orders, ist an sich nichts Ungewöhnliches. Allerdings steht das Umgehen des Kongresses, gerade wenn es um die Umverteilung von Staatsgeldern geht, auf juristisch dünnem Eis. Denn eigentlich hat der Kongress die Hoheit über Steuern und Staatsfinanzen.

Donald Trump interpretiert das Amt des US-Präsidenten ähnlich

Wie sein Serienpendant interpretiert Trump das Präsidentenamt ähnlich autoritär. Schließlich habe er als Präsident "absolute Machtbefugnisse". Wie das Nachrichtenunternehmen "Bloomberg" treffend feststellte, parkte Trump im August ebenfalls Gelder um. 44 Milliarden US-Dollar steckte er in Coronahilfen – per Erlass und ohne Zustimmung des Kongresses.

Auch für sein Lieblingsprojekt, die Errichtung einer Grenzmauer zu Mexiko, wollte sich Trump aus fremden Kassen bedienen. 127 Projekte des Verteidigungsministeriums – unter anderem Schulen, Feuerwehren und Militärbasen – sollten auf Eis gelegt werden, um umgerechnet 3,3 Milliarden Euro für die Grenzbefestigung zusammenzukratzen. Um ohne die Zustimmung des Parlaments Gelder abschöpfen zu können, rief Trump in Underwood-Manier den Notstand an der Grenze aus.

Trumps und Underwoods Strategie: Spalte und herrsche

In den letzten vier Jahren wurde vielfach erklärt, dass Donald Trump nicht der Grund, sondern ein Symptom der gesellschaftlichen Spaltung in den USA sei. Das 'Land der Freiheit' teilt sich während seiner Regentschaft  zunehmend in zwei unversöhnliche Lager. Trump schürt Ängste, wo immer es ihm nützt, präsentiert vermeintlich einfache Lösungen für komplexe Probleme. Sei es eine Mauer zum Schutz vor illegalen Einwanderern oder Lob für rechtsextreme Milizen: Unter Trump vertiefte sich die ohnehin schon klaffenden Lücke zu einem unüberwindlichen politischer Graben.

Auch Frank Underwood und seine Frau Claire manipulieren die Wähler, säen Furcht, indem sie die Angst vor islamistischen Terrorangriffen schüren:

Claire: "Ich bin es leid zu versuchen, die Herzen der Menschen zu gewinnen."

Frank: "Dann zielen wir auf ihre Herzen."

Claire: "Mit Furcht können wir arbeiten."

Es könnten auch Gesprächsfetzen aus einem Trump-Insiderbuch sein.

Wie dicht ist „House of Cards“ an der Realität?

Sicher – für jede Gemeinsamkeit von Trump und Underwood finden sich zahlreiche Unterschiede. Dennoch stellt sich die Frage: Was ist absurder? Realität oder Fiktion? 2015 zitierte Kevin Spacey in einem Interview mit dem "Gotham Magazine" den ehemaligen US-Präsidenten Bill Clinton: "Kevin, 99 Prozent von dem, was du in der Show tust, passiert wirklich so." In dem Fall stünden Trumps Chancen auf Neuwahlen wohl gut.