Ihr Sohn (13) sollte für den Islamischen Staat kämpfen, jetzt ist er tot

Hamburg: Prozessauftakt gegen mutmaßliche IS-Rückkehrerin

Stefanie A. brachte ihren 13-jährigen Sohn zum kämpfen nach Syrien, jetzt ist er tot.
Stefanie A. brachte ihren 13-jährigen Sohn zum kämpfen nach Syrien, jetzt ist er tot.
© dpa, Marcus Brandt, bra wst

13. Januar 2022 - 16:44 Uhr

von Karsten Krönke, Suzan Üner und Teresa Treuheit

Es wird ein langer Prozess, der der Angeklagten Stefanie A. am Oberlandesgericht in Hamburg gemacht wird. Mindestens zwölf Termine sind für die Hauptverhandlung angesetzt. Die Frage, die alle beschäftigt: Was geht in einer Mutter vor, die gemeinsam mit ihrem Sohn von Bad Oldesloe, Schleswig-Holstein nach Syrien reist, um ihn dort scheinbar zum IS-Kämpfer ausbilden zu lassen? Die Angeklagte Stefanie A. soll genau das im Sommer vor sechs Jahren gemacht haben. 2018 stirbt ihr Sohn dann bei einem Bombenanschlag. Ab heute muss sich die 44-Jährige vor dem Hamburger Oberlandesgericht verantworten.

Ein Vorwurf: Fahrlässige Tötung ihres Sohnes

Knapp 30 Minuten dauert die Verlesung der Anklageschrift durch die Staatsanwaltschaft, die die Angeklagte Stefanie A. regungslos aufnimmt. Schwer wiegen die Vorwürfe gegen die 44-jährige Deutsche: "Die Bundesanwaltschaft wirft der Angeklagten Mitgliedschaft in zwei ausländischen terroristischen Vereinigungen vor", so der Gerichtssprecher Kai Wantzen gegenüber RTL Nord. "Außerdem wirft sie der Frau die fahrlässige Tötung zum Nachteil ihres Sohnes vor. Sie soll außerdem sich eines Kriegsverbrechens schuldig gemacht haben, insofern, dass sie ihren Sohn damals im Alter von unter 15 Jahren in sogenannte bewaffnete Einheiten eingegliedert haben soll", so der Gerichtssprecher weiter.

Sohn wurde von einer Terror-Miliz rekrutiert

Im Sommer 2016 reist Stefanie A. mit ihrem damals noch 13 Jahre alten Sohn ihrem Ehemann aus Bad Oldesloe in die syrische Stadt Raqqa hinterher. Ihr Mann ist bereits als IS-Anhänger an Kämpfen in der Gegend beteiligt. "Die Angeklagte soll dann zusammen mit ihrem Ehemann und ihrem Sohn in Syrien in die Strukturen des Islamischen Staats eingegliedert gelebt haben und sie soll auch vom Islamischen Staat eine Waffe und einen Sprengstoffgürtel erhalten haben", so Gerichtssprecher Kai Wantzen zu RTL Nord. Nach ihrer Ankunft in Syrien soll Stefanie A. ihren Sohn dann einer Miliz übergeben haben. Als Rekrut des IS wurde er sowohl religiös-ideologisch, als auch militärisch ausgebildet und anschließend im syrischen Bürgerkrieg eingesetzt. Der nur 15-jährige Sohn von Stefanie A. stirbt am 23. Februar 2018 bei einem Bombenangriff auf ein Haus in der Nachbarschaft der Familienwohnung in Syrien.

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Ihr zweiter Sohn soll sich über den Märtyrertod seines Bruder freuen

Die Angeklagte äußert sich beim Prozessauftakt nicht zu den Vorwürfen. Sie sitzt die ganze Verhandlung über regungslos da. Erst, als ihre Verteidiger auf den Verlust ihres Sohnes zu sprechen kommen, wischt sich die 44-Jährige Tränen aus dem Gesicht. Damals, als ihr Sohn im Februar 2018 stirbt, war ihre Reaktion eine andere: Sie soll ihren zweiten, in Deutschland gebliebenen Sohn per Nachricht dazu aufgerufen haben, sich über den Märtyrertod seines kleinen Bruders zu freuen.

Flucht in die Türkei und Überstellung nach Deutschland

Nachdem Stefanie A. und ihr Ehemann den sich zurückziehenden IS-Truppen zunächst folgen, ergeben sie sich im Februar 2019 und kommen in ein Gefangenenlager der kurdischen Kräfte. Von dort flieht die heute 44-Jährige in die Türkei. Die türkischen Behörden überstellen die Angeklagte dann am 24. März 2021 nach Deutschland, wo sie bei ihrer Ankunft festgenommen wird. Seitdem befindet sich die Angeklagte in Untersuchungshaft. Welche Rolle Stefanie A. beim Islamischen Staat genau gespielt hat und inwiefern die Vorwürfe stimmen – das gilt es nun vor dem Hanseatischen Oberlandesgericht zu klären.