Büschel in der Bürste

Haarausfall? Arzt erklärt, was wirklich hilft - und was zu tun ist

Haarausfall ist auch unter Frauen ein weit verbreitetes Problem. Nicht nur Männer leiden darunter.
© (C)Burak Karademir ((C)Burak Karademir (Photographer) - [None], Burak Karademir

17. Juli 2020 - 11:49 Uhr

Für Frauen und Männer ist Haarausfall ein belastendes Problem

Ein voller Haarschopf steht für Jugendlichkeit und Attraktivität. Umso schlimmer ist es, wenn die Mähne zunehmend schwindet. Doch Betroffene müssen nicht verzweifelt dabei zusehen, wie ihnen die Haare ausgehen. Haut- und Haar-Spezialist Dr. Andreas Finner aus Berlin erklärt, was zu tun ist.

von Isabel Michael

Jeder Mensch verliert bis zu 100 Haare täglich

Ein leichter Haarwechsel ist durchaus normal (bis zu 100 Haare täglich). Findet man aber wochenlang enorm viele Haare in der Bürste, bilden sich Kahlstellen oder werden sie insgesamt immer dünner und wachsen schlechter nach, kann bereits ein behandlungsbedürftiger Haarverlust vorliegen.

Warum kommt es zu Haarausfall?

Wird der Haarschopf weniger, kann das unterschiedliche Ursachen haben. Bei Betroffenen von erblichem bzw. anlagebedingtem Haarausfall reagieren die Haare teils überempfindlich auf Dihydrotestosteron (DHT), einer aktivierten Form von Testosteron. Bei Männern ist das stärker ausgeprägt als bei Frauen. "Bei Männern zeigt sich der typische Verlauf mit Geheimratsecken und einem zurückweichenden Haaransatz. Später tritt auch noch eine Tonsur am Hinterkopf auf. Das Ganze kann sich zu einer Glatze vereinen", sagt Dr. Andreas Finner, Facharzt für Dermatologie und Experte für Haarmedizin im Interview mit RTL.de.

Bei Frauen dagegen zeigt sich der erblich bedingte Haarausfall eher in einem breiteren Scheitel. Ein Teil der Haare wird langsam kürzer und dünner, das Haarvolumen nimmt ab. Meist finden sich gar keine erhöhten Spiegel männlicher Hormone (Androgene) im Blut, sodass man eine Überempfindlichkeit bestimmter Kopfhaarfollikel gegen Androgene und eine Stammzellschwäche vermutet. Zu einer Glatze kommt es bei Frauen in der Regel nicht. "Typischerweise sieht man beim anlagebedingten Haarausfall immer eine Miniaturisierung von Haaren. Das heißt, große Haare werden zum Teil zu kleinen Flaumhaaren, die Kopfhaut schimmert allmählich durch", erklärt der Haarexperte aus Berlin.

Weitere krankhafte Formen sind der diffuse und der kreisrunde Haarausfall. Für den diffusen Haarausfall gibt es zahlreiche Ursachen, darunter Nährstoffmängel (insbesondere Eisen, Biotin, Eisen, Zink und Vitamin D), Diäten, fieberhafte Infektionskrankheiten wie Grippe oder Covid-19, eine Schilddrüsenfunktionsstörung oder auch Stress. Während dabei die Haare über den ganzen Kopf verteilt ausgehen, zeigen sich beim kreisrunden Haarausfall kahle Zonen, die ansonsten keine Symptome aufweisen. Wie es dazu kommt, konnte bisher nicht vollständig geklärt werden. Experten zufolge führt eine Autoimmunreaktion dazu, dass sich die Abwehrzellen irrtümlich gegen Haarwurzeln richten. Stress und eine genetische Veranlagung werden als Auslöser diskutiert. Da die Haarwurzeln jedoch nur gelähmt werden, können die Haare auch wieder nachwachsen. Spezielle Therapien können anregend wirken.

Ab wann sollte man zum Arzt gehen?

Dr. Andreas Finner
Hautarzt Dr. Andreas Finner aus Berlin ist Spezialist auf dem Gebiet der Haarmedizin.
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Da Haarausfall für die meisten Frauen, aber auch viele Männer, eine große emotionale Belastung darstellt, ist ein früher Arztbesuch auf jeden Fall ratsam. Viele Hautärzte bieten übrigens spezielle Haarsprechstunden an. Adressen und weitere Informationen finden sich unter www.haarerkrankungen.de. Nicht immer müssen sich jedoch etliche Haare in der Bürste oder in der Dusche finden. Manche Betroffene haben kaum merklichen Haarausfall, aber die Haare wachsen nicht mehr richtig lang und dick nach. Auch das sollte ein Grund sein, die Angelegenheit fachärztlich abklären zu lassen.

In der Haarsprechstunde wird mittels eingehender Befragung, geschultem Blick und Blutuntersuchungen, sowie einer digital vergrößerten Trichoskopie die Ursache des Haarausfalls festgestellt. So kann auch ein vernarbender Haarausfall, eine weitere besonders zerstörerische Haarerkrankung, erkannt werden.

Beim anlagebedingten Haarausfall sollte man nicht zu viel Zeit verstreichen lassen. Denn die medikamentösen Therapien können meist nur den aktuellen Haarzustand erhalten. Sind schon Kahlstellen und große Lücken aufgetreten, kann oft eine Haartransplantation helfen. In der aktuellen ärztlichen Behandlungsleitlinie wird diese ebenfalls als Option zur Verbesserung bei Männern und Frauen empfohlen. "Dabei kommt es auf eine schonende Entnahme Tausender winziger Haarwurzeln sowie auf eine geschickte, nachhaltige Verteilung in kleinste Mikrokanäle an", betont Haarchirurg Dr. Finner. Seriöse Fachleute sind im gemeinnützigen Verband deutscher Haarchirurgen organisiert.

Warum kommt es beim Absetzen der Pille und nach der Schwangerschaft zu Haarausfall?

Viele Frauen kennen das Problem. Haarspezialist Finner weiß, warum die Haare dann ausgehen: "Das ist ein Hormonentzug für die Haare. Dann machen die das, was die sowieso schon machen wollten, nämlich sich vorübergehend mal auszutauschen.", sagt er. Hat sich der Haarausfall nach drei bis sechs Monaten aber immer noch nicht gebessert, könnte eine behandlungsbedürftige, anlagebedingte Wachstumsschwäche dahinterstecken.

Wann hilft Minoxidil gegen Haarausfall?

Minoxidil wird häufig bei erblich bedingtem Haarausfall empfohlen. Ursprünglich wurde der Wirkstoff als blutdrucksenkende Tablette eingesetzt. Dabei beobachtete man einen verstärkten Haarwuchs. Deshalb wurden Minoxidil-Tinkturen, Schaum und Sprays* entwickelt, die bei Frauen und Männern lokal bei erblich bedingtem Haarausfall verwendet werden (am besten in Absprache mit dem Arzt). Bei bis zu 80 Prozent der Patienten war in klinischen Studien ein Stopp des Haarverlustes möglich, etwa 40 bis 50 Prozent bemerken eine Verdichtung des Haarschopfes. Das Präparat wird täglich aufgetragen. "In der Regel tritt dabei keine blutdrucksenkende Wirkung auf. Selten kann es jedoch zu Schwindel, Herzklopfen oder Blutdruckschwankungen kommen", sagt Finner. Dann kann die Dosis reduziert oder in kleineren Mengen über den Tag verteilt werden.

Weshalb kommt es zum anfänglichen Shedding bei Minoxidil?

Oft kommt es zu einem verstärkten Haarverlust nach zwei bis sechs Wochen. Das liegt daran, dass bereits lockere Haare herausgeschoben werden, die dann aber umso besser wieder nachwachsen.

Darf Minoxidil in der Schwangerschaft angewendet werden?

Nein. Das ist auch nicht notwendig, da die Schwangerschaftshormone oft für einen natürlichen Stopp des Haarausfalls sorgen. Tritt dennoch Haarausfall auf, kann ein Schilddrüsenproblem oder ein Mangelzustand dahinterstecken. Die zusätzlich "gehorteten" Haare fallen jedoch nach der Schwangerschaft oft wieder aus. "In der Stillzeit ist Minoxidil dann wieder erlaubt", sagt Finner.

Sollten alle Frauen mit erblich bedingtem Haarausfall zur Antibabypille greifen?

Nicht unbedingt. Hormonpräparate mit einer antimännlichen Wirkung sind nur dann wirksam, wenn die männlichen Geschlechtshormone im Blut erhöht sind. Ansonsten reicht oft eine äußerliche Dauertherapie.

Was tun, wenn man trotz Antibabypille Haarausfall hat?

Hier sollte über ein Pillenwechsel nachgedacht werden. Manche Pillen wirken aufgrund bestimmter Gestagene eher männlich. Deswegen sollten Frauen mit anlagebedingtem Haarausfall in Absprache mit dem Frauenarzt lieber zu einer antiandrogenen Pille wie Diane, Neo-Eunomin, Belara oder Valette greifen.

Dürfen auch Frauen den Hormonhemmer Finasterid bei erblich bedingtem Haarausfall anwenden?

Nein. "Frauen im gebärfähigen Alter dürfen Finasterid nicht nehmen, weil es zu Fehlbildungen beim Nachwuchs kommen könnte", sagt Finner. Lediglich bei Männern oder in Einzelfällen bei Frauen nach den Wechseljahren wird Finasterid als Tablette oder neuerdings auch äußerlich zur Bekämpfung des Haarausfalls eingesetzt.

Welche Therapien können noch gegen erblich bedingten Haarausfall helfen?

Ein bewährtes Mittel ist Alfatradiol. Der Wirkstoff ist eine abgewandelte Form des weiblichen Sexualhormons 17β-Estradiol und hemmt die Wirkung der männlichen Hormone an der Haarwurzel. Im Körper wirkt Alfatradiol jedoch nicht so stark wie ein Östrogen. Dennoch sollten schwangere Frauen das Mittel nicht verwenden. Die bekanntesten Präparate sind Ell-Cranell* und Pantostin* (Anwendung unbedingt mit dem behandelnden Arzt abstimmen). Eine Eigenbluttherapie (PRP) ist ebenso dazu geeignet, gegen den lichter werdenden Schopf vorzugehen. "Hier werden angereicherte Blutplättchen regelmäßig in die Kopfhaut gespritzt und geben dort Wundheilungs- und Wachstumsfaktoren frei", sagt der Facharzt. In der Regel sind dafür wiederholte Sitzungen notwendig.

Bringen Koffeinshampoos etwas gegen Haarausfall?

Haarexperte Finner sieht den Nutzen solcher Shampoos skeptisch: "Die Laborergebnisse zeigen zwar eine gewisse Stimulierung der Haarzellen, aber größere Nachweisstudien für die konkrete Haarsituation fehlen. Davon würde ich nicht so viel erwarten".

Was sollte bei der Haarpflege beachtet werden?

Frauen mit Haarausfall machen sich häufig große Sorgen, ob sie mit dem falschen Haarstyling oder zu häufiger Haarwäsche das Problem noch verschlimmern. Hier kann Finner beruhigen: "Für die Kopfhaut und den Haarzustand sollten zwar das geeignete Shampoo sowie Pflegespülungen verwendet werden, den Haarwurzeln ist das jedoch egal", betont er. Wie häufig die Haare gewaschen werden, ist ebenso irrelevant für den Haarausfall "Viele trauen sich nicht mehr zu waschen und bekommen dann Kopfhautprobleme. Es nützt aber nichts, wenn man seltener wäscht", sagt er.

Auch auf gelegentliches, fachgerechtes Färben oder Blondieren müssen betroffene Frauen nicht verzichten. Helle Strähnchen können die Haare sogar etwas fülliger erscheinen lassen. Tönungen schützen die Haarstruktur vor UV- Strahlung. Lediglich chemische Glättungen, ein strenger Zopf oder Extensions sollten vermieden werden, um die Haare nicht unnötig zu belasten.

Was bringen Nahrungsergänzungsmittel, wenn kein Mangel besteht?

Es gibt unzählige Nahrungsergänzungsmittel gegen Haarausfall, darunter Priorin bei erblich bedingtem Haarausfall oder Pantovigar bei diffusem Haarausfall. Meist handelt es sich dabei um Aminosäuren und Vitamine, die für gesunde Haare und Nägel essentiell sind. "Ich empfehle vor allem L-Cystin, das ja der Hauptbaustein des Haarkeratins ist, in Kombination mit Medizinalhefe und B-Vitaminen", sagt Finner. Andere Hausmittel wie Kräuter, Knoblauch oder Reiswasser, sollten jedoch allenfalls kurzfristig oder zusätzlich ausprobiert werden. "Häufig verliert man durch solche Probierphasen viel Zeit und damit auch viele Haare, die eventuell nicht alle wieder nachwachsen, wenn man zu spät mit der richtigen Basistherapie anfängt", warnt er.

Wann hört der Haarausfall bei entsprechender Behandlung auf?

In der Regel müssen Frauen wie Männer mindestens drei bis vier Monate lang warten, bis der Haarausfall sich wieder beruhigt hat. "Das liegt an der verzögerten Reaktion der Haarwurzeln: "Die Haare, die heute noch ausfallen, haben sich ja schon vor drei Monaten erschrocken und sind seitdem erstmal in der Ruhephase gewesen. Wenn ab jetzt weniger in die Ruhephase gehen, dauert die Besserung entsprechend lange", erklärt Finner. Die Haare wachsen dann in der Regel 1 Zentimeter pro Monat nach. Es ist Geduld gefragt, bis sich das Haar regeneriert. Durch digital vergrößerte Aufnahmen am Bildschirm kann der Erfolg schon früher und genauer beurteilt werden.

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