Grausige "Säuberungsaktionen" in Nordkorea: Behinderte Menschen werden systematisch ausgerottet

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21. Mai 2015 - 15:52 Uhr

Behinderte sind "Beleidigung" für das Regime

Es ist eine schockierende Dimension der Menschenrechtsverletzungen in Nordkorea: Das Land soll angeblich gezielte "Säuberungsaktionen" in der Bevölkerung vornehmen, die an Methoden der Nationalsozialisten aus dem Dritten Reich erinnern. So werden geistig und körperlich Behinderte aus der Gesellschaft ausgeschlossen, kastriert, gefoltert und systematisch ausgerottet, wie der britische 'Telegraph' berichtet.

"Das Regime verkündet: 'Es gibt keine Menschen mit Behinderung unter Kims Herrschaft' und 'Alle sind gleich und haben ein gutes Leben'", berichtet der Nordkoreaner Ji Seong-ho der Zeitung. Behinderte würden als Fleck auf das Image von Nordkorea angesehen. Sie seien eine "Beleidigung" für das regierende Regime.

Der 32-Jährige spricht von systematischer Ausrottung von Behinderten von Geburt an: So würden Neugeborene mit Behinderungen von Krankenhausmitarbeitern weggenommen und blieben verschwunden. Kinder mit Entwicklungsschwierigkeiten würden so lange vernachlässigt, bis sie schließlich sterben. Auch Erwachsene, die nicht in das Bild des Regimes passten, würden aus dem Weg geräumt: Ji bezieht sich auf die Berichte anderer geflohener Nordkoreaner, wonach Menschen mit Kleinwuchs in ein Dorf im Gebirge der Ryanggang-Provinz gebracht worden wären. Sie hätten den Ort nicht verlassen dürfen und keine Hilfe zum Überleben bekommen, so Ji. "Die Männer wurden kastriert, damit sie aussterben. Da ist jetzt keiner mehr übrig."

Experimente mit B- und C-Waffen an Behinderten

Der 32-jährige Ji ist selbst betroffen: Mit 14 Jahren wurde er von einem Zug angefahren und verlor ein Bein und eine Hand, so der Bericht. Im Jahr 2000 gelang ihm die Flucht nach China, wo er um Essen bettelte. Bei seiner Rückkehr in die Heimat wurde er festgenommen und über zwei Wochen lang verhört. "Ich fragte warum", berichtet Ji dem 'Telegraph', "Sie sagten, weil ich behindert bin, hätte ich die Würde Nordkoreas verletzt, indem ich nach China ging um zu betteln, und dass ich Kim Jong-Il beschämt hätte." Menschen wie er sollten einfach sterben, hätten sie gesagt: "Das hat wirklich wehgetan." 2006 gelang es Ji, nach Südkorea zu fliehen. Kurz darauf konnte er auch seinen Familienangehörigen bei der Flucht nach Seoul helfen, so der Bericht.

Eine UN-Kommission berichtete im Februar von Vorwürfen, medizinische Experimente würden in geschlossenen Krankenhäusern an Menschen mit Behinderungen durchgeführt. Dies konnte aber nicht bestätigt werden, heißt es im 'Telegraph'. In einer weiteren Studie über Menschenrechte in Nordkorea waren 40 Prozent der "übergelaufenen" Nordkoreaner überzeugt, Kinder mit Behinderungen würden umgebracht oder verlassen. 43 Prozent sprachen von einer Insel, auf der Behinderte leben müssten. Ein Nordkoreaner berichtet demzufolge ebenfalls von einem Krankenhaus, wo Behinderte hingeschickt würden "für medizinische Tests wie die Zerlegung von Körperteilen wie auch Tests von biologischen und chemischen Waffen".

Auch ein ehemaliges Mitglied der nordkoreanischen Spezialeinheiten bestätigte die erschreckenden Berichte gegenüber dem 'Telegraph'. "Die Regierung will das legal machen, also bieten sie den Eltern an, ihre behinderten Kinder zu kaufen und sagen, sie würden sich um sie kümmern. Wenn das nicht funktioniert, drohen sie ihnen." Er habe Tests an behinderten Kindern und Erwachsenen zum ersten Mal 1984 gesehen, mit Milzbrand und anderen chemischen Waffen. "Die Regierung sagt, die Rechte von Behinderten in Nordkorea würden respektiert und sie haben Athleten zu den asiatischen paralympischen Spielen dieses Jahr geschickt", sagt er. Das sei nichts als Augenwischerei.