Fähigkeit, Information aufzunehmen, zu verarbeiten und ihnen Sinn zu verleihen

Gesundheitslexikon: Wahrnehmung

Kinder leiden oft an auditiven Wahrnehmungsstörungen Mein Kind hört nicht, woran kann das liegen?
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Mein Kind hört nicht, woran kann das liegen?
Kinder leiden oft an auditiven Wahrnehmungsstörungen

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Wahrnehmung: Wie wir Sinneseindrücke aufnehmen und verarbeiten

Wieso reagieren viele Menschen in Unfallsituationen ängstlich oder passiv, während andere beherzt helfen? Wie funktioniert die Wahrnehmung und unser Reiz-Reaktions-System? Unser Nervensystem ordnet die Umweltreize, die es pausenlos empfängt, automatisch ein und reagiert darauf. Wir riechen Duft oder Gestank, empfangen Streicheleinheiten oder Schläge. Licht kann uns begrüßen oder blenden. Die Übertragung von Sinnesreizen bis ins Hirn ist bei allen Menschen gleich organisiert. Dagegen sind Schmerzempfinden und Geschmäcker, Gedächtnisleistung und persönlicher Wohlfühl-Index äußerst individuell. Uns unterscheidet nicht nur die genetische Prägung: Mithilfe unserer Wahrnehmung filtern und archivieren wir fortwährend neue Umwelteinflüsse. So formt sich unser Wesen.

Die Sinne als Tore unserer Wahrnehmung

Erst durch das Zusammenspiel unserer Nervenrezeptoren, der Sinnesorgane und des Gehirns sind wir Menschen. Milliarden von Nervenzellen-Verknüpfungen sind beim Embryo angelegt. Nur ein Prozent dieser Nervenstränge überleben bis zur Geburt, um sich dann permanent neu zu vernetzen. Durch sie orten wir uns, halten uns aufrecht und selektieren wichtige Informationen. Unsere elementaren Sinne sind das Sehen, Hören, Riechen, Schmecken und Tasten. Hinzu kommen der Temperatursinn, der Gleichgewichtssinn, der Schmerzsinn und das Hunger- und Durstempfinden. Während Sehen und Hören, Schmecken und Riechen sowie der Gleichgewichtssinn Organen zugeordnet sind, fühlen die Rezeptorzellen am gesamten Körper Temperaturen, Schmerz, Hunger und Durst.

Wie gelangt der Nervenreiz ins Hirn?

Wie transportiert unser Körper Reize von der Nervenzelle bis ins Hirn? Die Fühler der Nervenzelle nehmen kleinste Mikroschwingungen wahr. Sie gibt Impulse an die Synapsen weiter, die die Reize über Nervenbahnen bis ins Gehirn leiten. So wird jede Botschaft selektiert, transportiert und ans Gehirn weitergeleitet, das sie entschlüsselt, bearbeitet und archiviert. Nur 40 Prozent aller auf uns einstürmenden Informationen verarbeiten wir übrigens bewusst. 99 Prozent des bewusst oder unbewusst Wahrgenommenen bildet unsere schon vorhandenen Erfahrungen ab, nur ein Prozent kommt hinzu.

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Vom neuralen Auslöser bis zur Reaktion

Die Botschaften werden im Gehirn von den jeweils zuständigen Arealen aufgenommen und abgelegt. So sitzt im Scheitellappen das Schmerzwahrnehmungszentrum. Parallel zu dieser Archivarbeit geschieht die Reiz-Reaktionsarbeit. Unser Gehirn formt in Sekundenbruchteilen ein Bild von einer Situation. Aufgrund dieses Bildes handeln wir dann. So schüttet unser Körper in Stresssituationen die Hormone Adrenalin und Cortisol aus, woraufhin sich unser Herzschlag erhöht. Damit schafft er die körperlichen Voraussetzungen für Kampf oder Flucht. Bei solch extremen Reizen schießen die Neuronen das Adrenalin übrigens direkt in die Nebenniere, ohne den Umweg übers Gehirn.

Wenn die Wahrnehmung Streiche spielt

Stressresistenz und Leidensfähigkeit sind das Ergebnis unzähliger Wahrnehmungs-Erfahrungen. So schützt sich der Mensch vor Reizüberflutung. Kippt sein vegetatives Nervensystem allerdings wegen extremen Stresses, etwa bei Opfern von Gewalttaten, kann das Erlebte nicht mehr wahrgenommen und den Gefühlen zugeordnet werden. Es drängt dann auf Verarbeitung, indem die Betroffenen keinerlei Stress mehr ertragen und bei geringsten Erinnerungen in Panik geraten. Auch ein Zuwenig an Reiz-Reaktionsvermögen ist krankhaft, etwa beim Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom oder bei Alzheimer-Demenz. Letztlich ist Wahrnehmung aber immer subjektiv: Deshalb sind Missverständnisse so häufig Ausgangspunkt menschlicher Konflikte.