Stefan Weiller führt Interviews mit Sterbenden

Was ist Menschen kurz vor dem Tod wichtig?

Stefan Weiller führt mit Sterbenden Interviews. Was denken Todkranke über das Leben und den Tod?
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05. Januar 2021 - 10:58 Uhr

von Eugen Epp

In der Corona-Zeit wird der Tod wieder präsenter – und das Sterben verändert sich. Der Autor Stefan Weiller besucht seit Jahren Menschen in Hospizen. Im Interview spricht er über fehlende Abschiede, die Rolle des Todes in der Gesellschaft und die Lehren für das eigene Leben.

Hinweis: Dieser Beitrag erschien zuerst an dieser Stelle bei stern.de.

Stefan Weiller spricht mit Todkranken über ihre Gedanken

Wie blicken Menschen, die kurz vor ihrem Tod stehen, auf ihr Leben zurück – und was löst das nahende Ende in ihnen aus? Der Autor Stefan Weiller hat für seine Bücher "Letzte Lieder" und "Letzte Liebeslieder" Menschen in Hospizen besucht und mit ihnen über diese Fragen gesprochen. Die Geschichten, die er gesammelt und aufgeschrieben hat, zeigen, was wichtig ist, wenn der Tod immer näher rückt. Im Oktober ist Weillers neuer Band "Letzte Liebeslieder" erschienen. Am 15. Januar erscheint der Vorgänger "Letzte Lieder" als Hörbuch, gelesen unter anderem von den Schauspielern Christoph Maria Herbst, Eva Mattes oder Bjarne Mädel.

Im Interview mit dem stern spricht Stefan Weiller über das Sterben in der Corona-Zeit, die Rolle des Todes in unserer Gesellschaft und die Lehren aus dem Umgang mit Sterbenden für das eigene Leben im Hier und Jetzt.

Gespräche vor dem Tod: „Vergebung ist ganz entscheidend“

Herr Weiller, was ist der Satz, den Sie von Sterbenden am häufigsten hören?
"Frage nicht immer, was alles nicht mehr geht, sondern freue dich an dem, was geht." Das ist die Lehre, die mir – in vielen Variationen – bei Menschen am Lebensende am häufigsten begegnet. Jammer und Klage über das Verlorene helfen nicht. Wer immer nur in den Abgrund starrt, wird darin umkommen. Auch eine gewisse Form der Verdrängung hilft manchmal weiter als man denkt.

Was ist Menschen kurz vor Ihrem Tod noch wichtig?
Vergebung ist ganz entscheidend, von außen und sich selbst gegenüber. Die Erkenntnis, dass im Leben nicht alles gelingen kann, dass man nie alles erreichen kann – und trotzdem ist es möglich, am Ende zu sagen: Es war doch okay. Es ist wichtig, dass man vor dem Tod sich und anderen zu verzeihen weiß – und dass irgendwann ein Einvernehmen besteht, dass die Dinge des Lebens so sind, wie sie sich entwickelt haben.

Für Ihre Bücher sprechen Sie mit sterbenskranken Menschen über die Liebe und die Musik, die sie in ihrem Leben begleitet hat. Sind das die Dinge, die am Ende bleiben?
Ja, ich glaube schon. Geld ist gerade in Zeiten von Krankheit unheimlich wichtig, auch Arbeit, aber was am Ende wirklich bleibt, sind soziale Bindungen. Nicht in erster Linie die klassischen Familienmodelle, sondern die Familie, die man sich selbst wählt. Familie, habe ich gelernt, kann die Quelle des größten Glücks und des größten Unglücks sein. Ich habe mit vielen gesprochen, die diese Verbindung nicht mehr so hatten. Die haben dafür in Freundschaften investiert, was ebenso wertvoll war.

Sterben in Zeiten von Corona - was hat sich geändert?

Wie verändert sich das Sterben während der Corona-Pandemie?
Wie verändert sich das Sterben während der Corona-Pandemie?
© dpa, Bodo Schackow, fdt

Was, glauben Sie, ist ein guter Tod?
Ein selbstbestimmter, individueller Tod. Ich bin froh, dass wir in einer Zeit leben, in der wir über verschiedene Wege für das Sterben diskutieren. Autonomie ist gerade in Hospizen sehr wichtig, weil die Leute mitentscheiden, wie sie ihre letzten Lebenstage gestalten. Sie sind nicht nur eine Nummer oder eine Diagnose. Ich finde es übrigens richtig, sich mit dem assistierten Suizid auseinanderzusetzen und nach Formen zu suchen, das Sterben, den Todeszeitpunkt mithilfe anderer Menschen so bestimmen zu können, wie wir es uns wünschen.

Auch während der Corona-Krise haben Sie Menschen begleitet. Wie verändert sich das Sterben in dieser Zeit?
Jeder lebt und stirbt zu den Bedingungen seiner Zeit, und das heißt, dass der Abschied jetzt für viele sehr reduziert abläuft. Die körperliche Nähe lässt sich nicht durch das Virtuelle ersetzen, das wird nicht funktionieren. Es gibt eine große Bereitschaft, sich auf neue Medien und neue Formen einzulassen. Aber die Gesprächsqualität verändert sich: Vor Mikrofon und Kameralinse ist alles sehr direkt und prompt, man kann nicht mehr schweigen. Nicht nur das Miteinander-Reden ist wichtig, auch das Miteinander-Schweigen. Für viele Familien ist das ein Stressfaktor.

Haben Sie ein Beispiel?
Eine Frau aus einem Hospiz hat mir erzählt, dass ihre Tochter die Idee hatte, mit der Familie über FaceTime zu essen, weil sie ihre Mutter nicht besuchen konnte. Das war die schlimmste Stunde ihres Lebens. Es ist alles so künstlich, wenn man beim Essen gefilmt wird und sieht, wie die anderen essen. Für diese Familie war das nicht die Lösung.

Wie empfinden Sterbende die Corona-Schutzmaßnahmen?

Gibt es Alternativen dazu?
Mittlerweile haben Angehörige einen besseren Zugang zu Pflegeeinrichtungen als noch zu Beginn der Pandemie. Da gibt es ausgefeilte Hygienekonzepte, die Begegnungen möglich machen. Ich mag mir nicht vorstellen, wie man vor hundert Jahren mit einer solchen Situation umgegangen wäre. Da sind wir mit unseren Möglichkeiten einen Schritt weiter. Es ist gut, dass wir auch in der letzten Lebensphase immerhin die virtuellen Wege zur Verfügung haben – aber hoffentlich ist es bald wieder anders möglich.

Wie sehen es die Menschen, die wahrscheinlich nur noch kurze Zeit zu leben haben und nun von ihren Freunden, Partnern und Angehörigen abgeschnitten sind? Schützen wir dort Menschen, die gar nicht geschützt werden wollen?
Zunächst geht es auch um den Schutz des Pflegepersonals, damit das System nicht zusammenbricht. Das ist den meisten Menschen klar. Und jemand sagte mir am Telefon: 'Bloß weil ich schwerstkrank bin und keine hohe Lebenserwartung habe, heißt das nicht, dass ich an Corona sterben möchte.' Diese Schutzmaßnahmen sind also auch im Sinne einiger Menschen, die kurz vor ihrem Tod stehen. Andere sind darüber frustriert, gerade ältere Menschen. Da sagen einige: 'Ich bin jetzt 90, wovor will man mich noch schützen?' Gerade in der Frühphase der Pandemie gab es dort viele Tragödien und Traumata, es waren keine Abschiede möglich. Ziel muss es sein, dass niemand isoliert sterben muss. Es ist wichtig, dass jeder zu seinem sterbenden Angehörigen gehen kann. Dazu müssen wir Wege finden und offenhalten.

Wird über das Sterben, Tod und Trauer offen gesprochen?

Stefan Weiller: "Trauer ist in unserer leistungsorientierten Gesellschaft das eigentliche Tabu."
Stefan Weiller: "Trauer ist in unserer leistungsorientierten Gesellschaft das eigentliche Tabu."
© dpa, Patrick Pleul, ppl

Die fehlenden Abschiede betreffen vor allem die Hinterbliebenen, die mit diesem Gefühl weiterleben müssen. Das sind Dinge, die sich nicht nachholen lassen.
Nein, es gibt keinen zweiten Versuch. Man muss aus meiner Sicht an einen Punkt kommen, an dem man zu sich selbst sagt: Es ist so. Ich habe das selbst erlebt: Meine Mutter ist vor fünf Jahren innerhalb einer Nacht an einem Herzinfarkt gestorben. Das war am Vorabend eines Konzerts von mir. Sie hat mich während der Proben angerufen, klang ganz normal und ich habe ihr gesagt: Ich rufe dich morgen an, es passt gerade nicht. Am nächsten Tag war sie tot. Ich musste es anzunehmen lernen. Das klingt hart, aber es gehört zum Leben. Das ist meine sehr persönliche Erfahrung mit einem Abschied, den ich mir anders gewünscht hätte. Zugleich müssen wir unserer Verstorbenen würdig gedenken und Trauernde achtsam nach ihren Bedürfnissen begleiten.

Sind Sterben, Tod und Trauer Tabuthemen in unserer Gesellschaft?
Trauer ist in unserer leistungsorientierten Gesellschaft das eigentliche Tabu. Viele wissen nicht, wie viel sie dem anderen zumuten können, was sie fragen dürfen oder ob sie den Trauernden lieber ablenken sollen. Da ist die Hilflosigkeit enorm. Trauer darf alles – wir müssen nur damit umgehen können und als Freunde, Familie und Gesellschaft Formen finden, sie zu würdigen und uns gegenseitig zu unterstützen.

Wie geht man richtig mit Sterbenden um?

Die Geschichten Ihrer Protagonisten zeigen die Wut und Angst im Angesicht des Todes, aber manchmal auch die Verkrampftheit in der Kommunikation. Wie geht man richtig mit Sterbenden um?
Wenn ich unsicher war, habe ich von meinen Gesprächspartnern oft die Rückmeldung bekommen: Sei, wie du bist, und zwar ganz offen. Man sollte keine Scheu haben, seine Unsicherheiten auszusprechen. Der andere wird es aushalten oder sich zu schützen wissen. Es gibt aber einiges, was man vorbereiten kann. Man sollte sich mit dem Sterben in den technischen Dingen auseinandersetzen: Patientenverfügung, Testament, Vorsorgevollmacht. Es ist außerdem aus meiner Sicht entlastend, das Sterben als Familie mehr an sich heranzulassen und den Umgang im Gespräch zu üben.

Sollten wir als Gesellschaft mehr über das Sterben und den Tod reden?
Sich dem Sterben aussetzen, es direkt zu begleiten, darin sind viele nicht mehr geübt. Gestorben wird meist im Krankenhaus. Am meisten Angst macht das, was wir nicht kennen. Es ist also gut, dem Sterben in Gedanken schon begegnet zu sein. Ganz wichtig ist zudem die Kommunikation mit Kindern und Jugendlichen.

In Ihrem Buch wird einem Jungen erzählt, dass sein toter Vater jetzt auf einem Stern weiterlebt – und der Junge möchte daraufhin selbst den Stern erreichen ...
Das Bild, Papa ist auf einem Stern, löste bei diesem Kind, das ich kennenlernte, den Wunsch aus, dringend zum Papa zu wollen. Und der Weg führte in der Logik des Kindes über den eigenen Tod, denn wer stirbt, zieht ja nur auf den Stern. Selbstmordgedanken sind bei Kindern zum Glück selten, aber ausgeschlossen sind sie nicht. Die abstrakte Frage des Todes und Weiterlebens löst man nicht mit einem konkreten Bild. Besser scheint mir, auch gegenüber Kindern einzugestehen, dass der Tod rätselhaft bleibt. Vielleicht sieht man sich wieder, aber kein Mensch kann sagen, wie und wo. Aus meiner Sicht haben Kinder einen viel gelösteren, sichereren Umgang mit Sterben und Tod. Ausflüchte suchen oft die Erwachsenen. Mit dem Tod verhält es sich nicht wie mit dem Weihnachtsmann. Der Tod ist real, ihn zu verklären, ist nicht harmlos.

Stefan Weiller hat durch seine Arbeit vieles gelernt

In der Pandemie reden wir wieder über Todeszahlen, das Schicksal von Sterbenden und darüber, was ein Leben wert ist. Ist das ein Schritt in die Richtung, natürlicher mit dem Sterben umzugehen?
Sicherlich hat uns Corona unsere Endlichkeit noch einmal nähergebracht. Dass wir unsere Kontakte nicht mehr pflegen dürfen, wirft uns zurück auf elementare Fragen. Das kann eine Chance sein, weil es dadurch eine stärkere Hinwendung zu existenziellen Themen gibt. Inwieweit das in den Wohnungen der Menschen zum Tragen kommt, ist eine andere Frage. Vielleicht gucken abends auch alle nur Netflix, um diese Themen auszublenden.

Menschen, die an Gott und ein Leben nach dem Tod glauben – sind die beim Sterben im Vorteil?
Menschen, die glaubten, mit einem Gott zu sterben, taten das gelöster. Auch wenn ihnen das Menschenmögliche hier Grenzen gesetzt hatte, starben sie mit dem Trost, an einem anderen Ort vollständig zu werden. Ich bin aber auch vielen Menschen begegnet, die ohne den Glauben an einen Gott in größtem Einvernehmen gestorben sind und im Reinen mit ihrem Leben und ihrem Sterben waren.

Was haben Sie persönlich für Ihr Leben aus Ihrer jahrelangen intensiven Auseinandersetzung mit dem Tod gelernt?
Ich habe eine Frau Mitte 40 getroffen, die wusste, dass sie sterben soll. Sie hat mir drei Fragen gestellt: Gibt es Orte, die Sie sehen wollen? Dann reisen Sie hin. Hassen Sie Ihren Job? Dann kündigen Sie. Gibt es Menschen, die Ihnen nicht guttun? Dann trennen Sie sich. Diese Begegnung hat mich dazu gebracht, meinen Job zu kündigen, mich aus belastenden Beziehungen zu lösen und mich auf Kunst- und Kulturprojekte zu konzentrieren. Entscheidend ist, das eigene Leben zu leben. Nicht eines, das irgendwie so passiert ist.