Beschluss des Amtsgerichts Remscheid

Schutz vor Genitalverstümmelung: Mutter darf nicht mit Tochter nach Gambia reisen

In Ostafrika ist Genitalverstümmelung eine weit verbreitete Tradition. (Motivbild)
In Ostafrika ist Genitalverstümmelung eine weit verbreitete Tradition. (Motivbild)
© deutsche presse agentur

18. September 2021 - 10:13 Uhr

"Gefahr für das Kind, bei einer solchen Reise einer Genitalverstümmelung unterworfen zu werden"

Zum Schutz eines dreijährigen Mädchens hat das Amtsgericht Remscheid einer Mutter aus Gambia untersagt, mit dem Kind in ihre Heimat zu reisen. "Grund für diese rechtliche Maßnahme ist die Gefahr für das Kind, bei einer solchen Reise einer Genitalverstümmelung unterworfen zu werden", berichtet der Verein "TaskForce für effektive Prävention von Genitalverstümmelung" am Donnerstag. Damit bestätigt das Gericht eine einstweilige Verfügung aus dem Jahr 2019 – und wertet den Schutz des Mädchens vor einer Genitalverstümmelung als wichtiger als das freie Aufenthaltsbestimmungsrecht der Mutter.

"Extreme körperliche und seelische Schädigung" befürchtet - Reisefreiheit eingeschränkt

Laut der Deutschen Stiftung Weltbevölkerung sind 200 Millionen Frauen und Mädchen weltweit von Genitalverstümmelung betroffen – Millionen weitere davon bedroht. Die TaskForce berichtet zum Beschluss aus Remscheid weiter: "Das Gericht wertet die Genitalverstümmelung zutreffend als eine 'extreme körperliche und seelische Schädigung', sodass selbst eine relativ geringe Wahrscheinlichkeit der Tatausübung ausreicht, um die Schutzmaßnahme zu rechtfertigen."

In der Familie der Mutter sind Genitalverstümmelungen demzufolge üblich. Deshalb schätzt das Gericht das Risiko für das Kind ohne den Nachweis konkreter Tatabsicht bei einer Reise nach Gambia als hoch ein. Eingeleitet hatte das Verfahren laut der TaskForce der Vater des Mädchens, der von der Kindsmutter getrennt lebt und sich um die Unversehrtheit seiner Tochter sorgte, sollte sie in das Familienumfeld der Kindsmutter gebracht werden.

"Mehrheit der über 22.000 gefährdeten Mädchen wird staatlicher Schutz bislang versagt"

Die "TaskForce für effektive Prävention von Genitalverstümmelung" hatte das Gericht nach eigenen Angaben mit Informationen über Genitalverstümmelungen in Gambia und einer konkrete Gefahrenschätzung unterstützt.

Die Gründerin der TaskForce, Ines Laufer, wertet den Beschluss einmal mehr als wichtiges Zeichen für den Kinderschutz, findet aber auch kritische Worte: "Dennoch bilden solche Schutzmaßnahmen die Ausnahme. Der Mehrheit der über 22.000 gefährdeten Mädchen aus Hochrisikoländern wird staatlicher Schutz allerdings bislang versagt - eine Situation, die von Politikern und Regierung schlichtweg ausgesessen wird. Dabei müsste diese wirksame Prävention lediglich als kollektive Maßnahme für alle gefährdeten Mädchen politisch umgesetzt werden." Organisationen wie Terre des Femmes setzen sich seit Jahren gegen das "grausame Ritual" Genitalverstümmelung ein. (dpa/swi)