Mütter hofften auf Zuflucht und wurden gequält

"Man konnte fast die Tränen in den Wänden fühlen": 9.000 Kinder starben in irischen Mutter-Kind-Heimen

Friedhof von Tuam: Erinnerung an die toten Kinder, die im Ort gefunden wurden.
© REUTERS, CLODAGH KILCOYNE, CK/ste

14. Januar 2021 - 14:58 Uhr

Gleichgültigkeit gegenüber dem Schicksal der Kinder

Mütter suchten Schutz, stattdessen wurden sie gequält und gedemütigt. In irischen Mutter-Kind-Heimen für unverheiratete Frauen sind laut einem aktuellen Untersuchungsbericht im 20. Jahrhundert Tausende von Babys und Kindern gestorben. Jahrzehntelang wurden die Zustände verschleiert – dann entdeckten Kinder beim Spielen zufällig ein Loch voller Kinderskelette.

Irland: Schwangere verstand nicht, was Schwangerschaft bedeutet

Babysocken an einem Baum erinnern an die verstorbenen Babies.
Babysocken an einem Baum am Friedhof von Tuam erinnern an die verstorbenen Babies.
© REUTERS, CLODAGH KILCOYNE, CK/ste

"Rund 9.000 Kinder starben in den untersuchten Heimen - etwa 15 Prozent aller Kinder, die in den Heimen waren", heißt es in dem Bericht einer unabhängigen Untersuchungskommission. Das knapp 3.000 Seiten umfassende Dokument gibt erschreckende Einblicke in die Erfahrungen von Müttern und Kindern, die von 1922 bis 1998 in 18 Heimen in ganz Irland lebten. In dem streng katholischen Land wurden sie von der Gesellschaft verachtet, die Kinder galten als Abschaum. "Meine Mutter kam, um das Baby zu sehen und eine der Nonnen fragte sie: 'Warum wollen sie sich so etwas ansehen?'", wird eine Zeugin in dem Bericht zitiert.

Mangelnde sexuelle Aufklärung und strenge katholische Erziehung führten dazu, dass selbst in den 60ern immer noch Frauen und Mädchen schwanger wurden, ohne zu verstehen, wie und warum. Eine Zeugin erzählte der Kommission, wie sie mit 15 Jahren von einem Jahrmarkt zurückgekommen sei. Ein 17 bis 18 Jahre alter Junge habe sie "gegriffen" und Sex mit ihr gehabt. Nach sieben Monaten habe sie eine Nonne in der Schule zum Arzt gebracht. Dort kam heraus, dass sie im siebten Monat schwanger war. "Als ihr das gesagt wurde, habe sie nicht verstanden, was das bedeutet - und als es erklärt wurde, konnte sie sich nicht erklären, wie das passiert war", erzählte sie der Untersuchungskommission. Familien und Partner behandelten die Betroffenen ausgesprochen unbarmherzig und hart, vielen seien als einzige Alternative die Heime übriggeblieben, wo die Frauen mit Unterstützung von Kirchen und Staat niedergemacht wurden.

Höhere Todeswahrscheinlichkeit im Heim als außerhalb

Die Historikerin Catherine Corless begann auf eigene Faust mit Nachforschungen.
Die Historikerin Catherine Corless begann auf eigene Faust mit Nachforschungen.
© REUTERS, CLODAGH KILCOYNE, CK

"Die Abwesenheit von professionellem Personal, kombiniert mit einer generellen Gleichgültigkeit gegenüber dem Schicksal der in den Mutter-Kind-Heimen geborenen Kinder, hat zu der entsetzlichen Säuglingssterblichkeit beigetragen", heißt es in dem Bericht. Als Haupttodesursachen der Säuglinge und Kinder wurden Atemwegserkrankungen und Magen-Darm-Entzündungen festgestellt. Der Kommission zufolge war es vor 1960 für die als illegitim erachteten Kinder wahrscheinlicher, in den Heimen zu sterben als außerhalb. Die toten Körper wurden in Massengräbern verscharrt, Untersuchungen gab es nicht.

Erst als Kinder 1975 beim Spielen auf dem Gelände eines 14 Jahre zuvor geschlossenen Heims in Tuam in der Grafschaft Galway ein Lock "voll mit Kinderskeletten" fanden, kam der Stein ins Rollen. Die Lokalhistorikerin Catherine Corles erfuhr von dem Fund und stellte Nachforschungen an. Die Irin gelangte an Dokumente der in dem Heim gestorbenen Kinder, sie zählte knapp 800 Tote in 36 Jahren,

Zur Bestrafung in einen Raum mit einer Leiche

Eine Frau und ihr Kind gedenken der toten Kinder.
Eine Frau und ihr Kind gedenken der toten Kinder.
© REUTERS, CLODAGH KILCOYNE, CK/ste

"Es war außerordentlich kalt und harsch für Frauen. Alle Frauen litten unter ernsthafter Diskriminierung", schrieben die Autoren des Berichts. "Es war klar, dass wir dort waren, um zu leiden", wird eine ehemalige Bewohnerin zitiert. Eine andere habe erzählt, wie sie als Bestrafung für einen Streit um ein Weihnachtsgeschenk sechs Stunden lang in einem Raum mit einer Leiche in der Ecke gesperrt worden sei. "Man konnte fast die Tränen in den Wänden fühlen", beschreibt eine andere Zeugin die damalige Situation.

"Eine Nonne sagte mir: 'Gott will dich nicht… Du bist Dreck", so eine weitere Bewohnerin. Eine damals 19-Jährige erinnert sich, sie sei wie "eine Sünderin und eine gefallene Frau" behandelt worden. "Wenn man ständig derart kritisiert wird, fängt man an, das zu glauben." Sie habe in der Küche "wunderschönes Essen für die Nonnen" zubereiten müssen, während sie und ihre Mitbewohnerinnen "wie Vieh" hätten essen müssen.

Regierungschef will sich entschuldigen

Der irische Ministerpräsident Michael Martin kündigte eine offizielle Entschuldigung im Parlament an. "Wir hatten eine völlig gestörte Einstellung zur Sexualität und Intimität und junge Mütter sowie ihre Söhne und Töchter mussten für diese Störung einen furchtbaren Preis bezahlen", so Martin. Es sei "eine bittere Wahrheit", dass "die ganze Gesellschaft daran mitschuldig war".