Der große RTL-Check

Deutschland im Winter: Reicht das Gas oder müssen wir frieren?

Müssen wir uns auf einen kalten Winter einstellen?
Müssen wir uns auf einen kalten Winter einstellen?
RTL

Von Andreas Laukat

Nicht nur viele Politiker, auch viele Bürger fragen sich: Reicht Deutschlands Gasvorrat, um durch den Winter zu kommen? Wie viel Gas müssen wir sparen und was passiert, wenn eine Notlage eintritt? Kein unrealistisches Szenario, denn die Bundesnetzagentur rechnet in einigen Regionen Deutschlands schon jetzt mit Engpässen. RTL hat nachgerechnet und wagt eine Prognose, ob wir sicher durch den Winter kommen – oder nicht.

Wird der Winter sehr kalt, wird’s eng

Im ersten Schritt ist es wichtig zu wissen, wie viel Gas die deutschen Haushalte und Unternehmen in den sechs Monaten im Herbst und Winter überhaupt verbrauchen. Von Oktober 2020 bis März 2021 wurden etwa 632 Terawattstunden (Terawattstunden = 1 Mrd. Kilowattstunden = 2 Mrd. h Fönbetrieb) Gas verbraucht. In sehr kalten Wintern dürfte es deutlich mehr sein.

Als nächstes muss man klären: Wie viel Gas steht uns zur Verfügung? Was kommt aus Norwegen, Belgien, Großbritannien, wie viel Flüssigerdgas (LNG) wird uns erreichen und wie voll sind die Speicher?

Speicher dürfen nicht leerlaufen

In Deutschland gibt es 48 Gasspeicher an 33 verschiedenen Standorten.
In Deutschland gibt es 48 Gasspeicher an 33 verschiedenen Standorten.
ppz, dpa, Axel Heimken

Die erste Etappe beim Speicherstand hat Deutschland schneller geschafft als erwartet, der Chef der Bundesnetzagentur Klaus Müller sagt dazu: „Hätten wir nicht so viel gemahnt und gewarnt, hätte die Bundesregierung nicht die 15 Milliarden Euro für die zusätzlichen Gaseinkäufe bereitgestellt sowie Uniper gerettet und die Speicherziele verschärft, dann wäre der Speicher-Turbo nicht angesprungen.“

Die fast vollständige Befüllung der Speicher vor diesem Winter hält Müller für unwahrscheinlich. „Einen durchschnittlichen Füllstand von 95 Prozent zum 1. November verfehlen wir in all unseren Szenarien. Das werden wir kaum hinkriegen, weil einzelne Speicher von einem sehr niedrigen Füllstand gestartet sind.“

Deutschland verfügt über 48 Gasspeicher an 33 Standorten. Insgesamt passen dort etwa 240 TWh Gas rein. Die Speicher dürfen zu keiner Zeit leerlaufen, denn dieses Szenario würde sie derart beschädigen, dass man sie nicht mehr nutzen könnte. Rechnet man mit einem Speicherstand bis zum Winter von 90 Prozent und zieht fünf Prozent Toleranz ab, dann stünden aus den Speichern etwa 205 TWh Gas zur Verfügung.

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LNG-Terminals werden mit Hochdruck gebaut

LNG ist verflüssigtes Erdgas und wird meist mit Tanker-Schiffen angeliefert. Dazu wird das Erdgas auf ca. minus 162 Grad heruntergekühlt. Das macht es sehr energieintensiv, heißt: schwierig zu transportieren und teuer. Um die Schiffe abzufertigen braucht es spezielle Terminals, die Deutschland bisher nicht hat. Jetzt werden mit Hochdruck zwei provisorische Terminals gebaut.

Einer in Wilhelmshaven und der andere in Brunsbüttel. Dafür wurden von Deutschland vier schwimmende Terminals (Floating Storage an Regasification Units, FSRU) angemietet. Zwei können, wenn alle Genehmigungen vorliegen, bereits Anfang 2023 einsatzbereit sein.

Drei Tage pro Schiff für die Abfertigung

Das LNG-Bunker-Schiff "Kairos" läuft den Hafen von Hamburg an.
Das LNG-Bunker-Schiff "Kairos" läuft den Hafen von Hamburg an.
deutsche presse agentur

So weit, so gut? Nein: Die Sache hat einen Haken. Die Abfertigung der Schiffe ist aufwendig und zeitintensiv. Pro Schiff müssen etwa drei Tage veranschlagt werden: ein Tag fürs Andocken, ein Tag fürs Ladung-Löschen, ein Tag fürs Ablegen.

Jedes Schiff kann etwa eine Terawattstunde Gas anliefern. Rechnet man etwa mit sieben Schiffen pro Monat – verteilt auf zwei Terminals, könnten uns etwa 42 TWh Gas von Januar bis März erreichen.

Rettung kommt aus dem Ausland

Die entscheidende Hilfe kommt aus drei europäischen Ländern. Norwegen, Belgien und Niederlande haben ihre Produktion auf 2,8 TWh erhöht. Allein aus diesen drei Ländern erreichen uns in sechs Monaten 486 TWh Gas und retten uns möglicherweise über den Winter.

Fazit: Knapp, aber es könnte reichen

Nicht vernachlässigen sollte man das Gas aus Russland. Noch fließt es, wenn auch nur mit 0,5 TWh pro Tag. Zählt man alles zusammen, ergibt sich folgende Prognose für Oktober 2022 bis März 2023:

Verbrauch Herbst/Winter 2021632 TWh
Speicher (85%)205 TWh
LNG42 TWh
Norwegen, Niederlande, Belgien486 TWh
Russland (aktuell)90 TWh
Prognostizierter Vorrat823 TWh
SUMME+ 191 TWh

Am Ende könnte es also reichen, wenn wir nicht einen erheblichen Teil exportieren würden. Aktuell werden etwa 35 Prozent des in Deutschland ankommenden Gases in Nachbarländer weitergeleitet. Berücksichtigt man diesen Anteil noch, sieht es nicht gut aus für den Winter. Industrie und Verbraucher sollten unbedingt den Verbrauch senken, vor allem um den eigenen Geldbeutel zu schonen.