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"Gastarbeiter" Tüzün: Er kam 1964 mit nur einem Koffer Lebensmittel und Wäsche

60 Jahre Anwerbe-Abkommen mit der Türkei

Sie kamen mit nur einem Koffer und prägten das Land

30.09.2021, Nordrhein-Westfalen, Duisburg: Serafettin Tüzün, 81 Jahre alt und seit 1964 in Deutschland, sitzt auf dem Sofa. Vor 60 Jahren trat das türkisch-deutsche Anwerbeabkommen in Kraft. Das Abkommen war am 30.10.1961 geschlossen worden, um Arbei
Serafettin Tüzün, 81 Jahre alt und seit 1964 in Deutschland.
sab, dpa, Federico Gambarini

Wie „Gastarbeiter“ zu Mitbürgern wurden

Im Oktober vor 60 Jahren wurde das Anwerbe-Abkommen mit der Türkei geschlossen. Es sollte den Arbeitskräftemangel in der Bundesrepublik bekämpfen. Die sogenannten „Gastarbeiter“ sollten nach getaner Arbeit wieder in die Heimat zurückkehren, viele sind bis heute geblieben. Wir erzählen ihre Geschichte.

Wirtschaftswunder Deutschland

Nur einen Koffer mit Lebensmitteln und etwas Wäsche hatte er dabei. Im Oktober 1964. Drei Tage brauchte Serafettin Tüzün mit dem Zug von Istanbul nach München. Dann weiter im Bus nach Köln. „Ich wollte unbedingt nach Deutschland. Arbeiten“, erzählt der 81-Jährige. Als er ins übervolle Abteil stieg, war er 24, konnte kein Wort Deutsch. Wie insgesamt hunderttausende Landsleute in diesen Zeiten hoffte er auf „Almanya“, wo die Wirtschaft boomte und man händeringend Arbeitskräfte suchte. Das deutsch-türkische Anwerbe-Abkommen war drei Jahre zuvor geschlossen worden - und jährt sich nun am 30. Oktober zum 60. Mal.

Wucher-Mieten fuer tuerkische Gastarbeiter 1968 DEU, Deutschland, Duesseldorf: Der Bericht einer Tageszeitung in Duesseldorf im Jahre 1968 ueber Mietwucher an tuerk. Gastarbeitern erregte den Pastor der ev. Kirche, so dass er seine Gemeinde zum Prote
Türkische "Gastarbeiter" in einer Wohnung 1968 in Düsseldorf.
www.imago-images.de, imago images/Klaus Rose, Klaus Rose via www.imago-images.de

Kein leichter Start

„Es war sehr hart. Schwere Metallarbeit, am Schleifband“, schildert Tüzün, bedächtig, lächelnd. Er schuftete ein Jahr in den Motorenwerken von Klöckner-Humboldt-Deutz. „Ich wohnte im Ledigenheim. Wir waren vier Leute in einem Zimmer.“ Die Miete wurde vom Lohn abgezogen. 110 D-Mark pro Woche verdiente Tüzün.

Danach heuerte er in einer Stahlhütte in Hattingen an, suchte dort vergeblich eine Wohnung, um die Familie nachzuholen. „Aber sie wollten keine Ausländer, sagten immer: Tut mir leid, die Wohnung ist schon weg.“ Tüzün stammt aus der Schwarzmeerstadt Sinop, hatte Militärdienst und Textilfabrik hinter sich, lebte in Armut, bevor er sich entschloss, sein Glück im unbekannten Deutschland zu versuchen.

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Mittlerweile Teil der Gesellschaft

Seit 1955 hatte die Bundesrepublik Anwerbe-Abkommen mit mehreren Ländern geschlossen. Zuerst Italien, Griechenland und Spanien, 1961 folgte dann die Türkei. In dem Abkommen damals war eine Aufenthaltsdauer von 2 Jahren vorgesehen, trotzdem sind viele länger geblieben. Heute bilden Türkeistämmige die größte ethnische Minderheit in Deutschland.

Obwohl sie mit wenig gestartet sind, sind sie heute in vielen gesellschaftlichen Schichten vertreten: „Mittlerweile gibt es Fernsehmoderatorinnen - Türkeistämmige -, es gibt Politiker - Türkeistämmige -, es gibt Fußballnationalspieler. Genauso gibt es natürlich auch welche, die in der Schule große Probleme haben und scheitern, so wie bei der Mehrheitsgesellschaft auch“, fasst es Cem Özdemir im RTL-Interview zusammen. Der Grünen-Politiker ist selbst Sohn eines türkischen „Gastarbeiters“, der 1961 nach Deutschland kam, um in einer Textilfabrik zu arbeiten.

„Es hat das Land mitgeprägt“

Özdemir ist überzeugt, dass das Anwerbe-Abkommen Deutschland mitgeprägt und zum Wohlstand der Nation beigetragen habe. Dennoch ständen wir heute immer noch vor Problemen. Eine Chancengleichheit im Bildungssystem für Deutsche mit und ohne Migrationshintergrund wäre noch nicht erreicht: „Da müssen wir besser werden. Also Ganztagsschulen, Kitas für alle und ein Schulsystem, das eben gezielt auch auf Menschen mit Migrationsgeschichte, aber auch Arbeiterkinder eingeht.“

Rassismus und Ausgrenzung müssten bekämpft werden. „Und natürlich müssen auch Menschen mit Migrationsgeschichte selber auch gucken, dass sie sich einbringen, dass es ihr Land ist“. Denn Probleme in Deutschland könnten weder in Ankara noch in Teheran gelöst werden, sondern in Deutschland, so der Grünen-Politiker.

Ein undatiertes, privates Foto aus den siebziger Jahren zeigt eine türkische Gastarbeiterfamilie vor ihrem Auto.
Ein undatiertes, privates Foto aus den siebziger Jahren zeigt eine türkische Gastarbeiterfamilie vor ihrem Auto.
privat, deutsche presse agentur

Aus „viel Geld verdienen, um dann schnell zurückzukehren“ wurde nichts

Auch Tüzün hatte Probleme bei der Integration. Sein Deutsch ist bis heute holprig. „Am Arbeitsplatz waren nur türkische Leute.“ Die Arbeiter der ersten Jahre hatten wenig Kontakte zu Deutschen, wollten nicht auffallen, muckten nicht auf, wie Haci Halil Uslucan, Leiter des Zentrums für Türkeistudien und Integrationsforschung, sagt. „Zentrales Motiv war ja, in kurzer Zeit viel Geld zu verdienen, um dann schnell zurückzukehren.“ Erst als diese dann doch blieben, ihre Familien holten, sesshaft wurden, seien sie in der Gesellschaft deutlich sichtbar geworden - mit Fragen nach Kitaplätzen, Schule, Bildung.

Dem „Gastarbeiter“ Tüzün blieb der Familiennachzug verwehrt bis er 1968 zu Deutschen Bahn wechselte. Der Konzern verhalf ihm zu einer Wohnung. So konnten seine Frau und seine Töchter zu ihm ziehen. Er hatte sie schmerzlich vermisst und jeden Pfennig gespart, um ihnen fast seinen ganzen Lohn zu schicken.

Bei der Bahn blieb Tüzün dann auch bis zu seiner Rente im Jahre 2000. Sieben Kinder hat er, drei sind in Deutschland geboren. Sie haben ihren Weg gemacht, viele studierten, die meisten haben einen deutschen Pass. Deutschland hat die Türkei für ihn nicht ersetzt, aber er ist glücklich hier: „Die Türkei ist auch mein Zuhause. Aber hier ist es gut, meine Familie ist hier.“ (skn/dpa)