Nur Thomas Müller ist traurig

Für Hansi Flick ist alles perfekt

Hansi Flick muss wichtige Entscheidungen treffen.
Hansi Flick muss wichtige Entscheidungen treffen.
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02. September 2021 - 8:23 Uhr

Zurück zu alter Stärke

Die Gegner sind nicht von Weltniveau. Für Hansi Flick ist das kein Problem. Der neue Bundestrainer beginnt seine Arbeit und will das Nationalteam wieder zu alter Stärke führen. Interessanter als die Gegner in der WM-Qualifikation sind die Personalentscheidungen, die Flick treffen wird.

Hätte...

Thomas Müller ist gerade echt traurig. Das kennt man gar nicht im Zusammenhang mit Hansi Flick. Schließlich hatte der Trainer den Spieler vor knapp zwei Jahren beim FC Bayern aus einem wirklich akut karrierebedrohenden Tief geholt und ihn wieder zu einem der wichtigsten Fußballer des Landes gemacht. Nun hat der nicht so fröhliche Gemütszustand des Gaudiburschen (was für ein schlimmes Wort) nicht direkt etwas mit Flick zu tun. Denn der neue Bundestrainer, man muss wohl immer noch mal daran erinnern, dass Joachim Löw nicht mehr da ist, hätte den Spieler gegen Liechtenstein schon sehr gerne aufgestellt. Er hätte ihn wie in München zum Chef der Offensive gemacht.

 Stuttgart , Fußball Nationalmannschaft Ankunft im Waldhotel, Thomas Müller *** Stuttgart , Football National Team Arrival at Waldhotel, Thomas Müller
Thomas Müller muss gegen Liechtenstein passen.
© imago images/Pressefoto Baumann, Julia Rahn via www.imago-images.de, www.imago-images.de

Flick muss einfach nur da sein

Aber Müller muss passen. Er ist verletzt. Deswegen ist er traurig. Und auch Manuel Neuer kann nicht mitmachen, wenn der einstige Chef nun sein Debüt als Bundestrainer feiert. Der Kapitän des Teams ist Flick ebenfalls sehr verbunden. Denn im verbalen Gerangel mit dem forschen Alexander Nübel, der war für eine Saison die Nummer zwei beim Rekordmeister, hatte sich der Coach immer eng an die Seite des Titanen gekuschelt und gemeinsam mit ihm den Stammplatz verteidigt. Nübel, das nur zur Info, hat München bereits (leihweise) wieder verlassen und versucht sich nun bei der AS Monaco.

Nun, das alles muss den Trainer nicht mehr beschäftigen. Er kann sogar entspannt hinnehmen, dass seine beiden Leistungsträger ausfallen. Es geht schließlich gegen Liechtenstein. Deren Ex-Coach Ralf Loose hofft im Gespräch mit RTL/ntv inständig, dass es "nicht zweistellig" für seine alte Heimat wird. Wie gesagt, alles egal für Flick. Er hat anderes im Sinn. Größeres. Viel Größeres. Er muss und will die Nationalmannschaft aus dem Tal holen, in das Löw sie geführt hatte. Nicht vorsätzlich natürlich. Aber so war es eben. Der Achtelfinal-Knockout bei dem paneuropäischen Großturnier gegen England war nur das Ende einer langen Phase der Erfolglosigkeit. Und tatsächlich hat Flick bereits eine Etappe zurück zur Weltspitze erfolgreich absolviert. Was er dafür kann? Einfach nur da sein.

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Mehrheit der Fans glaubt an Flick

Das klingt verrückt, ist aber so. In einer Umfrage der Voting-Plattform FanQ im Auftrag des Sport-Informations-Dienstes macht sich tatsächlich so etwas wie Euphorie breit. Ein Wort, was man beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) schon vor längerer Zeit auf die Liste der "bedrohten Begriffe" gesetzt hatte. 74 Prozent der Befragten gaben an, sich auf den Auftakt zu freuen. 80,5 Prozent der Fans trauen Flick zu, Deutschland nach zwei enttäuschenden Turnieren zurück an die Weltspitze zu führen. Was für ein Zahlen! Nicht mal die CDU/CSU, die SPD und die Grünen könnten im aktuell tobenden Wahlkampf zusammengerechnet solche Werte vorlegen. Das ist wirklich toll. Für Flick.

9:1, 8:2, 6:0, 4:0: Die wenn auch absteigende Ergebniskurve in den wenigen Länderspielen gegen Liechtenstein liefert den Anhaltspunkt für das fünfte Rendezvous der ungleichen Fußball-Nationen. Tore, Tempo, Leidenschaft und Spielwitz stehen auf dem Plan, den es von den Spielern umzusetzen gilt. Flick glaubt, dass das gelingt. "Ich habe in den Trainingseinheiten das gesehen, was ich mir vorgestellt habe. Die Mannschaft zerreißt sich für Deutschland", schwärmte er.
Wie toll die neue deutsche Fußball-Zeit auf dem Feld aussieht, nun das ist eine spannende Frage. Sonderlich aussagekräftig werden die nun anstehenden Duelle in der WM-Qualifikation gegen Liechtenstein, gegen Tabellenführer Armenien und Island indes nicht sein. Zu schwach sind alle drei Gegner. Wobei es natürlich so ist, dass sich Deutschland in den letzten Löw-Jahren auch gegen solche Mannschaften immer schwerer getan hat. Deutliche Siege wären also erste Fingerzeige, dass es tatsächlich aufwärts geht mit dem darbenden Fußball-Deutschland.

Im Video: Kimmich zwischen Abiball-Erinnerungen und Vater-Stess

Bedingungen sind perfekt

Spannender sind dagegen die Erkenntnisse, die Flick aus dem DFB-Dreier ziehen kann. Joshua Kimmich, das ist klar, wird der neue Chef im Mittelfeld. Und er macht dann auch gleich mal äußerst chefige Ansagen: "Nicht lange fackeln und das Tor erzielen. Das Land guckt auf uns. Es wird wichtig sein, dass wir einen deutlichen Sieg einfahren und die Art und Weise stimmt". Der 26-Jährige will als Titelkandidat 2022 zur WM nach Katar reisen. Mit der WM 2018 und der EM 2021 habe man schließlich schon "zwei Turniere in den Sand gesetzt". Für einen Menschen wie Kimmich, der vom Erfolg besessen ist, sind das sehr schmerzhafte Erfahrungen. Sie durch schöne zu ersetzen, das ist das klare Ziel.

Kimmich wird die Aufgabe als Antreiber des DFB-Teams gemeinsam mit Müller ausfüllen, wenn der wieder fit ist. Auch Leon Goretzka wird eine wichtige Rolle einnehmen. Wie in München. Dort hat Flick die Beiden zum mächtigen Power-House gemacht. Was aber wird aus Ilkay Gündogan, dessen Rücktritt aus dem DFB-Team ja kurz diskutiert wurde. Rückt er auf die offensive Rolle des Achters oder Zehners? In dieser Rolle glänzt er ja bei Manchester City.

Und was wird aus Müller? Rückt der dann eventuell in die Spitze? Möglich ist das. Denn einen echten Stürmer, den vermisst Deutschland auch weiterhin. Ein Hoffnungsträger: Karim Adeyemi. Der 19-Jährige von RB Salzburg gilt als großes Versprechen. Er könnte beginnen, es für Deutschland nun schon einzulösen. Nie war die Gelegenheit günstiger. Auch nicht für Bayerns Flügelspieler Leroy Sané. Der braucht dringend Erfolgserlebnisse, um sich aus seiner Formkrise zu befreien.

Aufbruch. Umbruch. Oder was auch immer. Flick legt los. Und die Bedingungen zum Start, sie sind perfekt. (tno)