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Für "Team-Wallraff" undercover im Pflegeheim: Die intensivsten Wochen meines Lebens

Ein Erfahrungsbericht von "Team Wallraff"-Reporterin Judith

Undercover im Pflegeheim: Die intensivsten Wochen meines Lebens

Journalistin Judith ist links im Spiegelbild zu sehen, während rechts Pflegepraktikantin Judith in einem weißen Poloshirt direkt in die Kamera blickt.
Die Verwandlung: Aus der Journalistin wird die Pflegepraktikantin "Judith" .
RTL

Zwei Wochen lang habe ich undercover für die Sendung „Team Wallraff“ in einem Pflegeheim recherchiert. Ich konnte Missstände aufdecken, aber vor allem habe ich auch am eigenen Leib erfahren, was es wirklich bedeutet, in der Pflege zu arbeiten.

Mein erster Tag undercover

Es ist 5:30 Uhr. Mein Wecker klingelt und mein Herz beginnt zu klopfen. Heute ist der erste Tag meines Praktikums. Als Journalistin habe ich schon einige erste Praktikumstage hinter mir, aber vor keinem war ich so nervös wie vor diesem. Denn ich bin ab heute „Judith“ die Pflegepraktikantin, statt „Judith“ die Journalistin. Gleichzeitig recherchiere ich aber auch verdeckt. Es ist eine Doppelbelastung und eine unglaubliche Verantwortung.

Am ersten Tag bin ich ohne Kamera unterwegs. Ich will mir erst ein Bild von der Situation machen. Schon vor meinem Einsatz sind bei uns Hinweise eingegangen. Ich weiß also ungefähr, worauf ich mich einlasse, aber nicht genau, was passieren wird. Ich werde direkt auf meine Station gebracht. Am ersten Tag laufe ich mit – und bekomme schnell mit, woran es hier hakt. Wir müssen uns beeilen. Viel Zeit für meine Einarbeitung bleibt nicht. Ich werde schnell ins kalte Wasser geworfen.

Bloß nicht aus der Rolle fallen

Ich mache mir immer wieder klar: Ich kenne mich nicht aus. Ich weiß nicht, wie man richtig pflegt. Trotzdem werde ich schon am zweiten Tag allein zur Morgenpflege geschickt. Teilweise zeigen mir die Bewohner selbst, wie ich sie zu waschen habe oder am besten aus dem Bett hebe. Manche wissen aber selbst nicht genau, was zu tun ist – gemeinsam geben wir unser Bestes. Mir sitzt immer die Angst im Nacken, ich könnte etwas falsch machen.

Die Bewohnerinnen und Bewohner sind mir über die zwei Wochen meines Praktikums sehr ans Herz gewachsen. Auch viele der Pflegerinnen und Pfleger werde ich nie vergessen. Um sie zu schützen, werde ich hier viele Situationen und Momente, die mir sehr nahe gegangen sind, nicht genau beschreiben. Während meines Praktikums habe ich in gewisser Weise eine Rolle gespielt, damit nicht auffällt, dass ich verdeckt recherchiere. Doch die Gespräche und Momente mit den Menschen vor Ort waren echt und von Herzen.

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„Wenn ich ein Problem habe, komme ich zu Ihnen“

Ich habe schnell gemerkt, dass ein freundliches Gesicht, jemand, der sich mal Zeit nimmt und einfach zuhört, viel Wert ist. Manchmal habe ich kleine Wünsche erfüllt, wie ein bisschen Zucker für den Tee oder ich habe das Brot vorgeschnitten, auch wenn die Bewohnerin das vielleicht sogar noch selbst geschafft hätte. Doch darum geht es nicht. Viele sehnen sich nach menschlichem Kontakt, besonders in der Pandemie. Oft habe ich warme Worte gehört. „Wenn ich ein Problem habe, komme ich zu Ihnen“, sagte eine Dame zu mir. „Sie sind eine Nette“, sagte eine andere. Besonders emotional war ich, als eine Frau, die fast nie spricht und sich kaum bewegen kann, mir direkt in die Augen schaute und einfach nur „Danke“ sagte.

Warum nehmen sich dann die Pflegerinnen und Pfleger diese Zeit nicht? Vielleicht stellen Sie sich jetzt diese Frage. Die Antwort ist aus meiner Sicht einfach: Sie haben sie nicht. Diese Gespräche, Pflege, die eben der Körper nicht braucht, aber das Herz schon. Das ist zeitlich nicht mit einkalkuliert. Meine Kolleginnen und Kollegen haben alles getan, was sie konnten. Viele haben sich sehr für die Bewohnerinnen und Bewohner eingesetzt, so gut es ihnen eben möglich war.

Die anstrengendsten Wochen meines Lebens

Ich habe zwei Wochen als Pflegepraktikantin gearbeitet und dadurch einen unglaublichen Respekt für diesen Beruf entwickelt. Ich war am Ende der Zeit körperlich und auch psychisch völlig ausgelaugt - und das waren nur zwei Wochen. So viele Menschen machen diesen Job ein Leben lang oder eben bis sie nicht mehr können.

Ich habe danach oft darüber nachgedacht, wie ich möchte, dass meine Großeltern, meine Eltern und irgendwann einmal ich selbst gepflegt werden. Ich glaube, viele von uns verschließen die Augen davor, dass die Pflege ein Thema ist, das jeden betrifft. Auch ich habe darüber vor diesem Einsatz nur selten nachgedacht. Wir sollten uns alle dafür einsetzen, dass Pflegekräfte mehr Wertschätzung bekommen, aber vor allem auch mehr Zeit für die einzelnen Menschen und auch mehr finanzielle Möglichkeiten. Denn alles Lob hilft nichts, wenn wir ein System aufrechterhalten, indem es aus meiner Einschätzung mehr um Geld und nicht um Menschen geht .

Video-Playlist zu "Team Wallraff"

Playlist: 10 Videos