Was sie nicht wusste: Sie ist eigentlich ein Mann!

Frau geht wegen Bauchschmerzen zum Arzt - Diagnose: Hodenkrebs

Als eine 30-jährige Frau in Indien wegen Bauchschmerzen zum Arzt ging, hatte sie nicht mit der Diagnose Hodenkrebs gerechnet (Symbolbild).
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27. Juli 2020 - 10:57 Uhr

Hodenkrebs bei einer Frau - wie kann das sein?

Weil sie unter starken Bauchschmerzen litt, suchte eine Frau in Indien einen Arzt auf, ließ sich untersuchen und bekam eine Diagnose, die ihr Leben veränderte: Denn die 30-Jährige hat Hodenkrebs – und ist eigentlich ein Mann.

Sie sieht aus wie eine Frau, ist genetisch aber ein Mann

30 Jahre lang lebte die junge Frau ein völlig normales Leben. Ihren Ehemann hatte sie vor neun Jahren geheiratet, nur mit den Kindern klappte es bisher noch nicht. Als sie wegen starker Bauchschmerzen in das Netaji Subhas Chandra Bose Cancer Hospital in Kalkutta ging, um diese untersuchen zu lassen, entdeckten die Ärzte Hoden innerhalb ihres Körpers. Einige Tests später war klar: Sie hat Hodenkrebs und statt zwei X-Chromosomen, wie es Frauen für gewöhnlich haben, ein X- und ein Y-Chromosom – ist also rein genetisch ein Mann. Und das, obwohl sie nicht so aussieht.

"Von ihrem äußeren Erscheinungsbild ist sie ein Frau", erklärt ihr behandelnder Onkologe Dr. Anupam Datta der "Times of India". "Sie hat eine weibliche Stimme, entwickelte Brüste, normale externe Genitalien, alles wie bei einer Frau. Dennoch fehlen ihr Gebärmutter und Eierstöcke seit ihrer Geburt. Auch ihre Menstruation hat sie nie bekommen."

Androgenresistenz sorgt für Verweiblichung

Was zunächst klingt wie eine erfundene Geschichte, ist tatsächlich möglich, erklärt Allgemeinmediziner Dr. Christoph Specht. Medizinisch erklärbar ist dieser Fall durch eine sogenannte Androgenresistenz. Diese kann sowohl partiell als auch komplett vorkommen. Etwa einer von 20.000 Menschen leidet wie die Frau aus Indien an einer kompletten Androgenresistenz, auch "testikuläre Feminisierung" oder "Goldberg-Maxwell-Morris-Syndrom" genannt.

Bei dieser kommen Kinder rein genetisch als Jungen zur Welt, erklärt Dr. Specht. Das Problem: Ein genetischer Defekt in den Chromosomen sorgt dafür, dass das männliche Geschlechtshormon Testosteron, das der Körper produziert, nicht wirken kann. Stattdessen wirkt nur das ebenfalls vorhandene, für die Entwicklung weiblicher Geschlechtsorgane zuständige Östrogen. Die Folge: Die gesamte männliche Entwicklung bleibt aus und das Übergewicht des Östrogens führt zu einer Verweiblichung der Geschlechtsmerkmale.

Auch Schwester und Tanten haben Androgenresistenz

Allein ist die 30-Jährige mit ihrer seltenen Störung nicht in ihrer Familie: Nach ihrer Diagnose stellte sich heraus, dass auch ihre 28-jährige Schwester eine Androgenresistenz hat. Und auch bei den beiden Tanten der Frauen wurde die gleiche Diagnose in der Vergangenheit gestellt.

"Die Erkrankung wird über ein defektes Gen auf dem X-Chromosom mütterlicherseits vererbt", erklärt Dr. Specht.

Krebs wegen nicht heruntergewanderter Hoden

Dass die 30-jährige Inderin an Hodenkrebs erkrankt ist, hat aber nicht direkt etwas mit der genetischen Störung zu tun. Das Problem hierbei liegt eher darin, dass die Hoden im Bauchraum verblieben und nicht heruntergewandert sind. In diesem Fall besteht ein erhöhtes Krebsrisiko. Übrigens auch bei Jungen ohne Androgenenresistenz.

Aktuell bekommt die junge Frau eine Chemotherapie, ihr Zustand ist stabil.