F1-Boss Domenicali glaubt nicht an vergraulte Fans

Formel 1: Weniger Europa-Rennen? Wen juckt's?

Stefano Domenicali sieht die Zukunft der Formel 1 perspektivisch noch mehr außerhalb von Europa
Stefano Domenicali sieht die Zukunft der Formel 1 perspektivisch noch mehr außerhalb von Europa
© picture alliance, R4924 Italy Photo Press

17. August 2021 - 21:19 Uhr

Innovation schlägt Tradition

Monza, Monaco, Spa und Co.- alles bald Geschichte? Das legen Gedankenspiele von Formel-1-Boss Stefano Domenicali nahe. Romantik scheint nicht mehr das Pfund, mit dem Traditionsstrecken künftig wuchern können. Wie die Fans das finden, scheint dem Italiener dabei relativ schnuppe.

"Wer nach der Tradition lebt, lebt nicht lange"

"Ich kann weniger Rennen in Europa sehen, dafür mehr in den USA, mehr im Nahen Osten und mehr in Asien", blickte Domenicali in einem Interview mit der GQ in die Glaskugel der Königsklasse des Motorsports.

Bahrain, Abu Dhabi, Saudi-Arabien – schon jetzt finden beispielsweise drei Rennen allein im Nahen Osten statt. Laut Domenicali dürfte der Drift weg von Europa eher noch zunehmen. Mitgefühl mit Traditionsstrecken hat er dabei kaum. "Das ist etwas, das zur Entwicklung eines Business gehört, und das ist Entertainment", sagte der ehemalige Ferrari-Teamchef lapidar. Und noch mehr: Zwar sei sich die Formel 1 auch ihrer europäischen Wurzeln und Tradition bewusst, aber "wer nach der Tradition lebt, lebt nicht lange. Wir müssen ein Fundament für die Zukunft schaffen." Monza beispielsweise sei zwar einzigartig, "aber auch sie müssen in die Zukunft investieren", sagt er. "Du musst dich anpassen. Und der positive Druck, den die Newcomer in das System bringen, ist toll."

Dass er mit einer weiteren Reduzierung der Europarennen die europäische Fan-Basis vergraulen könnte, "glaube ich nicht", so der 56-jährige Nachfolger von Chase Carey.

Domenicali: "23 ist eine stabile Anzahl"

Unbeirrbar hält die Rennserie indes an dem Plan fest, ausgerechnet in Corona-Zeiten so viele Rennen (23) wie noch nie zu veranstalten. Das führte schon dazu, dass Kanada gestrichen werden musste, die Türkei sprang ein und fiel wenig später schon wieder raus, dann wurde der Grand Prix in Singapur abgesagt, und Istanbul war wieder dabei. Vieles jedoch unter Vorbehalt. Denn noch das ein oder andere weitere Rennen im Herbst scheint mindestens fraglich. Istanbul (3. Oktober) und Suzuka (10. Oktober) gehören dazu, vor allem aber Mexiko-Stadt (31. Oktober) und Sao Paulo (7. November), sollte letzteres Rennen nicht um eine Woche nach hinten verlegt werden.

Die Bosse der Formel 1 werden um jedes einzelne kämpfen, denn jedes einzelne spült Millionen in die Kassen. Auch deshalb wird es weniger als 23 Rennen pro Saison wohl nie mehr geben. "Ich denke, 23 ist eine stabile Anzahl", sagte Domenicali. In Europa wird die Formel 1 aber wohl nur noch auf wenigen stabilen Füßen stehen. (mli)