Corona-Krise und Budget-Deckel

Sparkurs der Formel-1-Teams: Kommt jetzt die Paydriver-Welle?

Milliardär Lawrence Stroll - hier mit Sohn Lance - steigt bei Aston Martin ein und bringt ein neues Werksteam an den Start
© Imago Sportfotodienst

30. Mai 2020 - 15:00 Uhr

Von Ludwig Degmayr

Die Formel 1 war und ist ein unglaublich kostspieliges Vergnügen. Für Teams, Sponsoren, aber auch für die sogenannten "Paydriver" (zu deutsch: Bezahlfahrer). Sie - respektive ihre Geldgeber - blättern mehrere Millionen hin, um ein Cockpit in der Motorsport-Königsklasse zu ergattern. In der Corona-Krise kommt diesem Phänomen womöglich neue Bedeutung zu. Die Pandemie setzt vielen Teams finanziell arg zu, die F1 hat deshalb für die kommenden Jahre einen Sparkurs beschlossen. Schlägt in finanziell unsicheren Zeiten die Stunde der Paydriver, die den Teams für einen Platz im Auto das nötige Sümmchen überweisen?

Danner: "Das sind richtig gute Rennfahrer"

"Geld hilft in der Formel 1 immer weiter", sagt RTL-Experte Christian Danner. Das gilt erst recht für die Bezahlfahrer. Beweis gefällig? Mit Nicholas Latifi gibt in diesem Jahr ein Fahrer sein Formel-1-Debüt, dessen Vater Multi-Milliardär ist.

Der Kanadier greift neben George Russell bei Williams ans Lenkrad. Den gleichen Weg ging 2017 auch Lance Stroll, der aus ähnlichen Verhältnissen stammt. Mittlerweile ist Stroll beim Team Racing Point gelandet, bei dem sein Vater Lawrence Anteilseigner ist. Im nächsten Jahr wird die Mannschaft als Aston-Martin-Werksteam an der Start gehen. Auch an der Edel-Marke hält Papa Stroll Anteile.

Dass infolge der Corona-Krise noch mehr solche Fälle entstehen, glaubt Danner nicht: "Am klassischen Paydriver wird sich nichts ändern. Ich gehe davon aus, dass sich der Fahrermarkt wie in den vergangenen Jahren ausbalanciert. Die Fahrer, die gehen, werden durch talentierte Fahrer ersetzt."

Außerdem stecke hinter dem Etikett "Paydriver" nicht zwangsläufig ein Fahrer ohne Talent, stellt Danner klar: "Nicholas Latifi war letztes Jahr Vizemeister in der Formel 2, Stroll hat 2016 souverän die Formel 3 gewonnen. Das sind richtig gute Rennfahrer."

Mazepin und Zhou stehen in den Startlöchern

Sparkurs der Formel-1-Teams: Kommt jetzt die Paydriver-Welle?
Könnte einem finanziell angeschlagenen Team gegen ein F1-Cockpit aus der Klemme helfen: Formel-2-Pilot Nikita Mazepin.
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In den Nachwuchskategorien warten viele junge Talente auf ihre Chance. Die besten Karten haben naturgemäß die Fahrer der Formel 2, dem Unterbau der Königsklasse. Sie klopfen am lautesten an der Tür zur F1.

In der Formel 2 fahren ebenfalls einige äußerst finanzstarke Jungs mit, zum Beispiel der russische Milliardärssohn Nikita Mazepin oder der Chinese Zhou Guanyu. Während Mazepin schon für Mercedes testen durfte und auch regelmäßig im silbernen Simulator sitzt, ist Zhou Mitglied des Nachwuchsprogramms von Renault. Die Chance eines Aufstiegs in die Königsklasse besteht also für beide.

"Mazepin hat Mercedes mit seiner Arbeit im Simulator und beim Testen sehr überzeugt und Zhou war 2019 bester Rookie in der Formel 2. Sollte einer von denen 2021 den Sprung schaffen, wäre das mit Sicherheit verdient", findet Danner.

Konzerne zahlten für Vettel und Co. kräftig mit

Der Begriff Paydriver ist sowieso umstritten. Denn Bezahlfahrer haben in der Formel 1 geradezu Tradition. Heute wird der Begriff meist pauschal für Piloten genutzt, die durch Sponsoren (oder eben Väter) eine Menge Geld mitbringen. Doch diese Pauschalisierung trifft den Punkt nicht.

"Letztendlich sind fast alle Fahrer in der Formel 1 auf eine gewisse Art Paydriver", betont Danner und nennt prominente Beispiele: "Sebastian Vettel wurde bereits lange vor der Formel 1 von Red Bull gefördert, Hamilton hat bereits zu Kart-Zeiten vieles von McLaren finanziert bekommen. Bei denen sind es vielleicht nicht die superreichen Daddies im Hintergrund, dafür aber riesige Unternehmen. Auch ein Mick Schumacher bringt eine Menge Sponsoren mit, die ihm die Teilnahme an der Formel 2 ermöglichen."

German Formula One driver Sebastian Vettel of Red Bull Racing in pit lane at the Hungaroring race track in Mogyorod near Budapest, Hungary, 29 July 2009. The Hungary Formula One Grand Prix will take place in Mogyorod on 01 August 2010. EPA/CHRISTOPHE
Sebastian Vettel wurde viele Jahre von Red Bull gefördert
© dpa, Christophe Karaba

Auch Norris hat finanzielles Rückgrat

Die Gemengenlage lässt sich sehr gut an der Fahrerpaarung beim Williams-Team veranschaulichen. Latifi zehrt neben seiner Vizemeisterschaft in der Formel 2 vor allem von der millionenschwere "Spende" seines Vaters. Russell gilt mit seinen Titeln in der GP3 und F2 zwar als kommender Superstar, allerdings ist auch der junge Brite nicht nur aus sportlichen Gründen bei Williams, wie Danner erklärt: "Latifi bringt Geld mit, das ist schon klar. Aber George Russell wird von Mercedes gefördert. Da Williams mit einem Mercedes-Motor fährt, wird es da bestimmt auch einen finanziellen Benefit geben, etwa Motorenrabatte."

Lando Norris indes würden wahrscheinlich die wenigsten Fans als Paydriver bezeichnen, dabei hat der 20-Jährige als Sohn eines Millionärs ebenfalls starke finanzielle Rückendeckung. 

Doch auch bei Norris sprechen die sportlichen Erfolge für sich: Meister in Formel 4 und Formel 3, Vizemeister als Rookie in der Formel 2. Dank dieser Titel ist sein wohlhabender Hintergrund nur wenigen bekannt.

Leistung auf der Strecke bleibt also weiterhin ein Gradmesser, den wohl nur die irrsten Millionen-Gaben außer Kraft setzen.