„Mit ihm werden wir noch viel Spaß haben“

Lando Norris: Darum ist er McLarens heimliche Nummer eins

Lando Norris
Lando Norris
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19. April 2021 - 10:37 Uhr

Von Alessa-Luisa Naujoks

Max Verstappen triumphierte in Imola, Lewis Hamilton gelang eine grandiose Aufholjagd bis auf Platz zwei – und doch war es am Ende Lando Norris, der über seinen dritten Platz den größten Jubel zeigte und seiner Crew überglücklich in die Arme sprang. Auf knapp 30 Runden alten weichen Reifen kämpfte sich der McLaren-Pilot ins Ziel und rettete das Podium vor den beiden Ferraris. Das großartige Ende einer wahren Berg- und Talfahrt, die Teamkollege Daniel Ricciardo nur mit mehr als ausreichend Sicherheitsabstand beobachten konnte.

Jubel am Sonntag nach bitterer Enttäuschung am Samstag

"Ich bin wirklich glücklich. Der Start war nicht so gut, dann bin ich aber gut zurückgekommen", resümierte Norris, der von Platz sieben aus ins Rennen gegangen war. Dabei wäre noch so viel mehr drin gewesen: Dem 21-Jährigen gelang in Imola am Samstag eine Fabelrunde, die seinen McLaren in eine der ersten Startreihen hätte bringen können. Doch Norris' Zeit wurde gestrichen. Tracklimits.

Die Enttäuschung darüber war beim Briten riesig, wie er mit einem Foto in den sozialen Netzwerken zeigte. "Mein Fehler, ich hab's falsch eingeschätzt", schrieb Norris dazu. Tröstende Worte bekam er von Landsmann Lewis Hamilton: "Niemand kann dich dafür verurteilen, dass du alles gegeben hast. Großartige Runde, es ist schön, dich und das Team so strahlen zu sehen."

Ricciardos bitterer Rennmoment: McLaren winkt Norris vorbei

Vor allem, nachdem McLaren am Freitag in der Emilia Romagna noch schwer zu kämpfen hatte. Die dritte Kraft in Italien? Es schien zum Start ins Wochenende bei weitem nicht das Team aus Woking zu sein – Norris beendete den Freitag als Achter, Ricciardo gar als 18.. Ein Rückschlag für die Jungs mit neuem Mercedes-Motor im Heck.

Doch sie meldeten sich am Samstag zurück – allen voran Lando Norris. Und legten so den Grundstein für einen erfolgreichen Sonntag. Dazu musste aber auch Neuzugang Ricciardo seinen Teil beitragen. Der Australier von Platz sechs erwischte einen besseren Start, lag im Rennen vor Norris. Der Brite meldete via Funk, dass er schneller sei als sein Teamkollege. Samstagsdrama hin oder her, Norris strotzte vor Selbstvertrauen. Und McLaren reagierte: "Daniel, wir müssen Landos wahre Pace sehen", bekam Ricciardo aufs Ohr. Demonstrativ ging er ein paar Kurven später vom Gas, ließ Norris vorbei. Und machte damit den Weg frei fürs Podest.

Norris bügelt Ricciardo und findet Gefallen am Duell um die Spitzenplätze

Dass der 21-Jährige innerhalb weniger Runden seinen Teamkollegen auf vier Sekunden distanzieren konnte, sprach klar für Norris. Und bewies einmal mehr: Den jungen Mann darf man nicht unterschätzen. Vielleicht ist er sogar die heimliche Nummer eins im Team. Sympathisch, locker, immer für einen Spaß zu haben – und doch wahnsinnig ehrgeizig, mit sehr viel Talent gesegnet, professionell und an sich selbst arbeitend.

Auch wenn ein möglicher "Siegfahrer" Ricciardo offenbar noch etwas Eingewöhnungszeit braucht, die man dem Australier in seinem neuen Cockpit lassen muss, und Fairplay bei McLaren ganz großgeschrieben wird: Auf dieses teaminterne Duell dürfen wir uns in Zukunft freuen.

Norris jedenfalls hat am Kampf in der Spitzengruppe Gefallen gefunden: "Ich wusste, dass es am Ende gegen Lewis sehr schwierig wird. Es ist schön, gegen die Jungs vorne zu kämpfen. Ich hoffe, so geht es in Zukunft weiter." Wie der Brite das Ergebnis über die Runden rettete, verdient ein besonderes Lob. Schließlich schickte McLaren ihn nach der Rennunterbrechung durch den Crash von Valtteri Bottas und George Russell auf den weichen roten Reifen raus. Verstappen, Hamilton, Charles Leclerc und Carlos Sainz wählten hingegen die gelben Pneus.

McLaren-Teamchef "könnte nicht glücklicher sein"

Doch das Team konnte sich auf Norris verlassen – erst nutzte er den Vorteil der weichen Reifen, um Leclerc zu überholen, dann managte er die Gummis und seinen Vorsprung bis zur Ziellinie. Dass er sich Hamilton geschlagen geben musste? Geschenkt - der spielte am Sonntag wieder einmal in einer anderen Liga.

"Das Ergebnis für uns ist super. Im zweiten Rennen gleich ein Podium nach einer sensationellen Fahrt von Norris, ich könnte nicht glücklicher sein", erklärte Teamchef Andreas Seidl. "Das zeigt uns, dass wir ein gutes Auto gebaut haben. Ich bin sehr zufrieden. Auch mit Daniel Ricciardo bin ich sehr zufrieden. Er tut sich noch schwer, mit unserem Auto am Limit zu fahren. Er hat das Auto nicht überpaced und ist so gefahren, wie er sich wohl gefühlt hat." Nur: Norris fühlte sich halt deutlich wohler.

Klar, er sitzt auch schon seit 2019 im McLaren. Trotzdem: Auch Ex-McLaren-Fahrer Sainz fährt mit Top-Pilot Leclerc im Ferrari bereits auf Augenhöhe. Ricciardo ist noch nicht ganz so weit, er wurde am Ende Sechster. Knapp eine halbe Minute hinter seinem Teamkollegen.

Seidl: Norris auch außerhalb des Cockpits gereift

Dass Ricciardo für Norris im Rennen den Weg freimachen musste, erklärte Seidl so: "Wir haben klare Vereinbarungen mit den Fahrern. Wenn wir das so einschätzen, dass wir zur Maximierung einen Swap machen müssen, dann machen wir das. Wir haben zwei Fahrer, die das auch verstehen."

Heißt im Klartext: Auch Norris müsste bei Gelegenheit seinen Teamkollegen ohne zu murren vorbeiwinken. Aber wenn er so weitermacht, droht dafür erstmal wenig Gefahr. Denn der 21-Jährige hat sich weiterentwickelt. "Auch außerhalb des Autos hat er als Typ einen Schritt nach vorne gemacht. Das muss man auch erwarten. Wenn ich sehe, wie er auch mit seinen Ingenieuren zusammenarbeitet. Es wird klarer, was er braucht, um seine Leistungen abzurufen. Mit ihm werden wir noch viel Spaß haben", das weiß spätestens seit Imola nicht nur Seidl.

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