Milliardär, Autofanatiker, Vater

Dieser Mann entscheidet über Vettels Zukunft

Formel-1-Milliardär Lawrence Stroll
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01. August 2020 - 11:11 Uhr

Von Anja Rau

"Sebastian Vettel fährt auch in der kommenden Saison in der Formel 1" - diese Schlagzeile könnte es in den kommenden Tagen geben. Weil sich nämlich beim Rennstall Racing Point Wegweisendes anbahnt. Hauptakteur dabei ist Lawrence Stroll, ein Milliardär, Formel-1-Liebhaber und mächtiger Vater.

Bei Racing Point fallen am Freitag die Würfel

Dieser Freitag könnte für Sebastian Vettel ein ganz besonderer Tag werden. Nicht, weil da der Trainingsauftakt zum Großen Preis von Großbritannien in Silverstone stattfindet. Sondern, weil vor allem das Geschehen am Streckenrand für den Noch-Ferrari-Piloten zukunftsweisend sein dürfte.

Bis zu jenem Freitag muss sich der Rennstall Racing Point entscheiden, ob Sergio Pérez sein Pilot bleiben soll. Bis zu jenem 31. Juli gilt Medienberichten zufolge eine Ausstiegsklausel, sonst würde der Vertrag des Mexikaners bis 2022 Bestand haben. Doch die Zeichen verdichten sich, dass dies nicht das Ansinnen des aufstrebenden Teams ist. Viel mehr möchte man Sebastian Vettel verpflichten, dessen Vertrag bei Ferrari ausläuft.

Entscheidend eingreifen muss Racing-Point-Besitzer Lawrence Stroll. Der 61-Jährige will den viermaligen Weltmeister offenbar als Verstärkung neben seinem Sohn Lance etablieren. Dafür muss er zuerst Pérez aus seinem Vertrag freikaufen und dann viel Geld für Vettel in die Hand nehmen. Doch Geld ist kein Problem, Geld ist da. Und zwar mehr als reichlich.

Mode macht die Familie reich

Auf 2,6 Milliarden Dollar schätzte das Wirtschaftsmagazin "Forbes" sein Vermögen im Februar dieses Jahres. Der Mit-Eigentümer des Racing-Point-Rennstalls lernte von seinem Vater, wie man Geld scheffelt. Leo Strulovitch war als jüdischer Einwanderer nach Kanada gekommen. Er wurde zum Selfmade-Millionär, weil er die bis dahin unbekannten Modefirmen Pierre Cardin und Ralph Lauren in Kanada einführte. Sein Sohn Lawrence, geboren als Lawrence Sheldon Strulovitch, trat in seine Fußstapfen - und darüber hinaus.

In den 90er-Jahren investierte er gemeinsam mit seinem Hongkonger Geschäftspartner Silas Chou in das Unternehmen eines weitgehend unbekannten US-Designers - Tommy Hilfiger -, ein voller Erfolg. Mit dem erwirtschafteten Geld kann Lawrence Stroll seine Hobbys finanzieren. Er sei nur ein "gewöhnlicher Typ", der Autos liebe, sagt der Kanadier gern von sich selbst. Immerhin ein Typ, der mal eben im Jahr 2013 27,5 Millionen Euro für einen Ferrari ausgibt - und das ist längst nicht der einzige in seinem gewaltigen Fuhrpark. Sogar eine eigene Rennstrecke leistet sich Stroll seit mehr als 20 Jahren: den Circuit Mont-Tremblant in der Nähe seiner Heimatstadt Montreal, auf dem von 1968 bis 1970 sogar Formel-1-Rennen stattfanden.

Ist Lance nur der leidtragende Sohn?

Ferrari-Leidenschaft, Rennstrecke im Portfolio - nur zum Rennfahrer hat Stroll es nicht gebracht. Diesen Traum lebt jetzt sein Sohn Lance. Oder muss ihn leben? "In der Tat stellt sich die Frage, ob der Sohn so begeistert von Autos ist wie sein Vater", sagt ntv-Experte Felix Görner. "Macht er den Sport nur, um seinen Papa glücklich zu machen oder hat ihn sein Papa gar da reingeschoben? So, wie man Lance Stroll an der Rennstrecke erlebt, wirkt er manchmal etwas teilnahms- und emotionslos", urteilt Görner. "Fast schon so wie Kimi Räikkönen - aber er ist eben kein Finne."

Er hat jedenfalls einen Job, den der 21-Jährige seinem Vater Lawrence zu verdanken hat. Ein Job, der früh vorgezeichnet war. Die Familie, zu der auch seine Schwester Chloe sowie Mutter Claire-Anne gehören, zog von Montreal in die Schweiz an den Genfer See. Dort sollte Lance die bestmögliche Ausbildung zum Rennfahrer erhalten. 2013 schaffte er nach vielen Jahren Training und Kart-Rennen den Sprung in die Formel 3, seit 2017 fährt er in der Formel 1. Auch das, dank des Geldes seines Vaters. Der nämlich investierte in den Williams-Rennstall, wo Lance Stroll beim Großen Preis von Australien im März 2017 seine Premiere als Formel-1-Pilot gab.

Zur Saison 2019 wechselte der damals 20-Jährige zu Racing Point - dem Rennstall, an dem sein Vater ebenfalls als Eigentümer beteiligt ist. Aus dem Hobby ist längst unbändiger Ehrgeiz und ernsthaftes Investment entsprungen, auch wenn Lawrence Stroll vor 2018 angeblich nicht daran geglaubt hat, eines Tages Mitbesitzer eines Formel-1-Rennstalls zu sein. "Ich habe dann jedoch mit der Formel-1-Führung einige Zeit verbracht und mir angehört, wie ihre Vision des Grand-Prix-Sports der Zukunft aussieht, mit dem Budgetdeckel und einer gerechteren Verteilung der Preisgelder. Wir haben nur zehn Formel-1-Teams, und ich sehe das als eine enorme unternehmerische Chance", sagte er laut "Speedweek". "Ich befasse mich seit dreißig Jahren mit Sport, und ich sehe ja, was in der NFL oder im Fußball passiert ist, wie die Franchises durch die Decke gegangen sind."

James-Bond-Image genügt nicht mehr

Parallelen zu seinem Schaffen an den Finanzmärkten drängten sich ihm auf: "Der Wert einer solchen Anlage wird steigen, wenn man sie richtig behandelt." Nach dieser Prämisse handelt er nun bei Racing Point, das im kommenden Jahr als Team Aston Martin an den Start gehen wird - weil Stroll wieder einmal kräftig investierte. Für 656 Millionen Dollar hat er das Kommando bei Aston Martin übernommen, wird Aufsichtsratsvorsitzender. Der britische Autobauer soll als Marke wieder erfolgreicher werden und damit auch die Aktionäre des Unternehmens befriedigt werden - zu lange hatte man zu sehr auf James-Bond-Image der Luxus-Autos vertraut und damit an Einfluss verloren.

Für Aston Martin lohnt sich der Einstieg Strolls: "Er bringt seine Erfahrungen und Zugang zu seinem Formel-1-Team mit", sagte der damalige CEO Andy Palmer, der mittlerweile von Tobias Moers abgelöst wurde. Auf Betreiben Strolls, der den früheren Geschäftsführer von Mercedes-AMG schon lange kennt. Ebenfalls Mercedes-Expertise bietet Toto Wolff, der mit Stroll befreundet ist und immer wieder betont, sein Engagement mit 0,95 Prozent an Aston Martin sei rein privater Natur, er wolle seinen Posten als Mercedes-Teamchef nicht verlassen.

Mithilfe eines erfolgreichen Formel-1-Rennstalls soll sich für das Auto-Unternehmen alles zum Guten wenden. "Eine Marke mit dem Stammbaum und der Geschichte von Aston Martin muss sich auf dem höchsten Level des Motorsports messen. Ich glaube, dass es das Aufregendste ist, was in der jüngeren Geschichte der Formel 1 passiert ist", sagte Stroll vollmundig. Besser, schneller, erfolgreicher - damit Aston Martin in der Formel 1 auftrumpfen kann, wird derzeit die Fabrik in Silverstone hochmodern saniert. Die stammt noch aus der Zeit, als das Team noch Jordan hieß und die Schumacher-Brüder Michael und Ralf ihre ersten Versuche in der Formel 1 unternahmen. Umso bemerkenswerter, dass - unter anderem dank Mercedes-Getriebe - dort auch aktuell schon topmoderne Boliden gebaut werden.

Der aktuelle Rennwagen von Racing Point ist offensichtlich gut. So gut, dass die Konkurrenz schon Betrug wittert. Renault legte sowohl in Spielberg als auch beim Großen Preis von Ungarn Protest gegen die Rennwagen ein. Sie wären zum Teil - es geht um die Bremsbelüftung - eine Kopie des Vorjahresmodells von Mercedes, das sei nicht erlaubt. Ein Streit, der noch länger andauern wird. Formel-1-Direktor Ross Brawn etwa nahm Racing Point in Schutz und meint, das Team habe einfach das nächste Level erreicht und einen gründlichen Job gemacht.

„Mit diesem Team Großes erreichen“

Eine Aussage, die ganz nach Lawrence Strolls Geschmack sein dürfte. "Mittelfristig wollen wir ein Wörtchen um den dritten Platz unter den Konstrukteuren mitreden", sagte er schon 2018, noch vor dem Aston-Martin-Deal. "Und langfristig, wenn wir ab 2021 eine ganz neue Formel 1 haben, will ich mit diesem Team Großes erreichen." Bislang weist alles in die richtige Richtung, das Investment scheint sich zu lohnen. Er betonte laut "Speedweek", dass er mit der Führung um Teamchef Otmar Szafnauer und Technikchef Andy Green überaus zufrieden sei. "Es gibt für mich also keinen Grund, hier irgend etwas zu ändern. Ich halte es da mit dem Leitsatz: Was nicht kaputt ist, das muss auch nicht repariert werden."

Außer eben wahrscheinlich am Fahrer-Team. Sein Sohn Lance ist gesetzt, klar. Doch neben dem 21-Jährigen würde ein Sebastian Vettel gut zum Anspruch des ehrgeizigen Vaters und Investors passen. Der 33-Jährige wäre mehr als nur der Fahrlehrer für den Sohn. Lance Stroll muss seine Fähigkeiten noch unter Beweis stellen, er ist noch kein etablierter Formel-1-Pilot.

"Er ist in Ungarn ein richtig gutes Rennen gefahren", sagt ntv-Experte Görner. "Ist das nur eine Eintagsfliege, weil das Auto so super ist? Oder kann er sich tatsächlich da oben im Klassement festsetzen und ist schneller als Pérez?" In Silverstone hat er die nächste Möglichkeit, seine aufstrebende Kraft in dieser Saison zu beweisen. Schied Lance Stroll beim Saisonauftakt in Spielberg noch aus dem Rennen aus, wurde er beim zweiten Österreich-Grand-Prix Siebter, in Ungarn gar Vierter. ""Es ist damit zu rechnen, dass Mercedes in Silverstone aufgrund der Highspeed-Kurven extrem stark sein wird", so Görner. "Das wäre für Racing Point wieder die Möglichkeit, das zweitbeste Auto zu sein und Podestplätze zu schaffen."

Und für Vettel ein Grund mehr, ein kolportiertes Angebot von Vater Stroll anzunehmen.

Quelle: ntv.de