Die Folgen des Highspeed-Unfalls

Hamilton spielt mit Verstappens Schicksal

Max Verstappen ist stinksauer auf Lewis Hamilton
Max Verstappen ist stinksauer auf Lewis Hamilton
© picture alliance, Lars Baron

19. Juli 2021 - 22:47 Uhr

Verstappen dürfte den Einschlag noch ein paar Tage spüren

von Torben Siemer

Mit rund 290 Kilometern pro Stunde räumt Lewis Hamilton in Silverstone seinen WM-Rivalen Max Verstappen ab. Der Brite gewinnt das Formel-1-Rennen, der Niederländer beschwert sich aus dem Krankenhaus. Doch der Unfall könnte für den Red-Bull-Piloten ein überraschend gutes Omen sein.

Crash sorgt für ordentlich Zündstoff

Für die großen Kontroversen reicht in der Formel 1 eine kleine Kombination, die aus einer Ortsangabe und einer Jahreszahl besteht. Jerez 1997 ist so eine, wer sie in eine Suchmaschine eingibt, stößt auf scheinbar unendlich viele Ergebnisse über den Rammstoß, mit dem Michael Schumacher im Saisonfinale vergeblich versuchte, den Weltmeisterschaftstitel seines Widersachers Jacques Villeneuve zu verhindern. Spanien 2016 steht für die Mercedes-Piloten Nico Rosberg und Lewis Hamilton, deren Rennen nach einer Kollision ein gemeinsames Ende im Kiesbett von Kurve vier fanden. Baku 2017, als sich Sebastian Vettel während einer Safety-Car-Phase von Hamilton so sehr provoziert fühlte, dass er seinen Ferrari in die Seite des Mercedes' lenkte.

Wer hat Schuld an dem Monster Crash?

Seit diesem Wochenende gibt es eine neue Kombination: Silverstone 2021. Weil Lewis Hamilton und Max Verstappen sich in der ersten Runde des Großen Preises von Großbritannien ein herausragendes Duell um die Führung liefern, das mit einer folgenschweren Berührung in Kurve neun eskaliert. Hamilton versucht, innen vorbeizukommen, bei über 290 Kilometern pro Stunde berühren sich sein Vorderreifen und das hintere Rad von Verstappen. Der Niederländer ist nur noch Passagier in seinem Red Bull, schlägt heftig in die Reifenstapel ein, später ist von 51 G die Rede, also dem 51-fachen des Körpergewichts, die in diesem Moment auf den Körper gewirkt hätten. Auch Hamiltons Mercedes ist beschädigt, aber der Brite kann das Rennen fortsetzen und fährt knapp zwei Stunden später als Sieger über die Ziellinie.

Es ist ein unschätzbar wichtiger Erfolg für Hamilton, der beim Blick auf die Fahrerwertung besonders deutlich wird. Mit 32 Punkten Rückstand war er nach Silverstone gereist, beim erstmals ausgetragenen Sprintqualifying kam ein weiterer dazu. Verstappen dagegen kam mit drei aufeinanderfolgenden Siegen nach Großbritannien, mit einem weiteren Erfolg hätte er kurz vor der Saisonhalbzeit seinen Vorsprung auf mindestens 40 Punkte ausgebaut. Weil aber nur Hamilton nach dem Reifen-zu-Reifen-Kontakt in der ersten Runde noch ein fahrtüchtiges Rennauto hat und dieses anschließend trotz einer Zehn-Sekunden-Strafe bestmöglich um den 5,891 Kilometer langen Hochgeschwindigkeitskurs bewegt, ist er nun wieder auf acht Zähler herangerückt.

RTL.de empfiehlt

Anzeigen:

Noch mehr Motivation für Verstappen

Der Zusammenstoß in Kurve neun ist der vorläufige Höhepunkt einer Auseinandersetzung, auf die die Formel 1 seit Jahren sehnsüchtig wartet. Mit der Einführung der Hybridmotoren begann 2014 die Dominanz von Mercedes, alle 14 WM-Titel gingen seitdem an den von Toto Wolff geführten Rennstall. Allein Sebastian Vettel gelang es zweimal, das silberne Abo auf die ersten beiden Plätze der Fahrerwertung zu durchbrechen, doch der Deutsche gab 2017 und 2018 mit Schwächephasen in der zweiten Saisonhälfte jegliche Hoffnungen auf ein Ende der Eintönigkeit aus der Hand.

Und auch Verstappen muss erst noch beweisen, dass er die Extraklasse, die er an den ersten zehn Grand-Prix-Wochenenden gezeigt hat, auch in den (nach aktuellem Stand geplanten) Rennen 11 bis 23 nachweisen kann. Die Chance, der erste Nicht-Mercedes-Champion seit acht Jahren zu werden, ist dabei so groß wie selten zuvor. Einerseits, weil Red Bull mit seiner Weiterentwicklung des Vorjahresboliden und der Verbesserung des Honda-Motors die Lücke zum Seriensieger geschlossen zu haben scheint. Andererseits, weil Mercedes so angreifbar wirkt wie lange nicht mehr. Und weil davon auszugehen ist, dass Verstappen diesen mehrheitlich von Hamilton verursachten Crash nur als zusätzliche Motivation begreifen wird.

Als "respektlos" und "unsportlich" bezeichnete Verstappen es noch am Abend, dass Hamilton seinen 99. Karriereerfolg mit den britischen Fans ausgelassen feierte, während er selbst noch im Krankenhaus durchgecheckt wurde. "Alle Untersuchungen in Ordnung" twittert er anschließend, der Verdacht auf eine Gehirnerschütterung bestätigt sich nicht und Red-Bull-Motorsportberater Helmut Marko sagt keine 24 Stunden nach dem heftigen Abflug im Interview mit RTL/ntv: "Er hat ein bisschen Nackenschmerzen, ansonsten ist alles okay." Auch der Österreicher stört sich an der Ausgelassenheit der WM-Kontrahenten, bezeichnet dieses als "niveaulos" und teilt anschließend gegen Mercedes aus: "Aber gut, das ist halt Stil des Hauses."

Der neue Nico Rosberg?

Marko ist für seine deutlichen Worte bekannt, und so harsch die Auseinandersetzung zwischen Red Bull und Mercedes nach dem Unfall auch wirken mag, so tut sie der Formel 1 vor allem eines: gut. Lewis Hamilton hat sechs der vergangenen sieben Fahrer-Weltmeisterschaften für sich entschieden und die Frage vor Saisonbeginn war zuletzt ja nicht mehr, ob er wieder den Titel holt, sondern nur wie groß der Vorsprung nach dem letzten Rennen sein wird. Dass Verstappen und Red Bull diese scheinbare Gewissheit infrage stellen, sorgt für die Rückkehr längst verloren geglaubter Spannung.

Und weil selbst eine endgültige Klärung der Schuldfrage - hätte Hamilton früher bremsen müssen, hätte Verstappen später einlenken sollen - das Ergebnis nicht mehr ändert, ist die spannende Frage eben nicht, was nun die Ursache für den Zusammenprall war. Sondern welche Folgen sich daraus ergeben. Was eine Parallele zu Spanien 2016 eröffnet, zum Unfall zwischen Lewis Hamilton und Nico Rosberg auf dem Circuit de Catalunya in Barcelona. Auch dort hatte Hamilton nach dem Start zunächst zurückgelegen und dann auf der Innenseite versucht, zu überholen. Dabei berührte jedoch das Gras neben der Strecke, verlor die Kontrolle und räumte Rosberg ab, beide schieden aus.

Rosberg führte damals ähnlich wie Verstappen heute die Fahrerwertung an, wenn auch zu einem früheren Zeitpunkt in der Saison. Mit einer herausragenden Frühform hatte sich der Deutsche einen deutlichen Vorsprung erarbeitet, den Hamilton nach dem Crash verkürzte. Damals in den Wochen danach, heute noch im selben Grand Prix. Damals wie heute beendete Hamilton zudem nach dem Zusammenstoß mit dem größten WM-Rivalen eine fünf Rennen andauernde Sieglosserie, so lange musste der Brite im Mercedes in der Hybrid-Ära sonst nie auf einen Erfolg warten. Noch entscheidender aber ist, dass Hamilton damals am Saisonende seinem Rivalen zum WM-Titel gratulieren musste. Was, wenn sich Geschichte tatsächlich wiederholt, die Kombination Silverstone 2021 ganz sicher zu einer historischen machen würde. (ntv.de)

Auch interessant