Formel 1 kehrt in die Eifel zurück

Von Laudas Feuerhölle und Schumis Sternstunden: Unvergessliche Nürburgring-Rennen

05. Oktober 2020 - 15:12 Uhr

5 Rennen für die Formel-1-Ewigkeit

Endlich! Nach sieben Jahren Abstinenz kehrt die Formel 1 an den Nürburgring zurück. Zeit, das F1-Geschichtsbuch aufzuschlagen. Vor dem Großen Preis der Eifel (Samstag ab 14 Uhr, Sonntag ab 12.30 Uhr, live bei RTL und auf TVNOW) blicken wir auf fünf unvergessliche Nürburgring-Rennen zurück.

1. Niki Laudas Feuerhölle - 1. August 1976

Die Nordschleife gilt in den Siebzigern als gefährlichste Formel-1-Strecke der Welt. Niki Lauda umrundet den alten Nürburgring 1975 zwar als Erster unter sieben Minuten, warnt allerdings immer wieder eindringlich, die Piste sei zu gefährlich. In der "Do-or-Die-Ära" der Königsklasse kommt das nicht gut an, Lauda wird als Feigling verspottet, der sich vor der "Grünen Hölle" fürchte.

"In den Medien ist das zu einem persönlichen Kampf, zu einer Schicksalsverbundenheit hochstilisiert worden", erzählt Lauda später. Und das Schicksal schlägt zu.

Beim Deutschland-GP 1976 bricht Laudas Ferrari am Bergwerk mit 240 Sachen plötzlich nach rechts aus, knallt in die Leitplanke, geht in Flammen auf. Die Wucht des Aufpralls reißt dem Österreicher den Helm vom Kopf, sekundenlang sitzt Lauda in der Gluthitze, atmet die Dämpfe des brennenden Benzins ein. Arturo Merzario ist Laudas Retter: Der Italiener stürzt sich todesmutig ins Feuer, öffnet den Gurt und zieht den amtierenden Weltmeister aus den Flammen.

Nach einem Zusammenstoß in der zweiten Runde beim Grand Prix auf dem Nürburgring am 01.08.1976 brennt der Ferrari des österreichischen Formel-1-Weltmeisters Niki Lauda. Nur in letzter Sekunde entkam Niki Lauda vor 30 Jahren auf dem Nürburgring dem To
Niki Lauda überlebte 1976 am Nürburgring diesen schlimmen Feuerunfall
© picture-alliance/ dpa, ATP

Für Lauda beginnt im Krankenhaus Mannheim ein Kampf ums Überleben – den er gewinnt. Mehr noch: Nur vier Wochen nach dem Horror-Crash steigt der damals 27-Jährige – von seinen Verbrennungen schwer gezeichnet – beim Italien-GP in Monza schon wieder in den Ferrari. Die WM verliert Lauda beim Saisonfinale nur hauchdünn gegen James Hunt – weil ihm der Regen in Fuji zu viel des Gefährlichen ist.

"Der Tod hat nach mir gegriffen, aber nur mein rechtes Ohr erwischt", fasst Lauda seinen Höllenritt am Nürburgring unnachahmlich zusammen.

2. Schumis unfassbare Aufholjagd - 1. Oktober 1995

Michael Schumacher, Nürburgring, 1995
Wie konnte der mich nur kriegen? Jean Alesi versteht nach Michael Schumachers Husarenritt 1995 auf dem Nürburgring die Welt nicht mehr.
© Imago Sportfotodienst

Der Große Preis von Europa 1995 steht im Zeichen des Duells Michael Schumacher vs. Damon Hill. Auf feuchter Piste liefern sich die WM-Rivalen einen erbitterten Kampf. Schumacher verteidigt seine Position gegen den Briten knüppelhart. Als Hill bei einer Attacke die Nase seines Williams ins Heck von Schumis Benetton steckt, haben beide Glück, dass nichts kaputt geht.

Von den Rad-an-Rad-Duellen unbehelligt, baut der auf Slicks gestartet Jean Alesi im Ferrari eine komfortable Führung auf. Nach Schumachers letztem Pit-Stopp liegt der Franzose deutlich vor dem Titelverteidiger. Während Hill in Runde 58 von der Piste kreiselt, bläst Schumacher zu einer unfassbaren Aufholjagd. Weil Alesi beim Überrunden immer wieder kleben bleibt, gräbt der Lokalmatador dessen Vorsprung Runde um Runde ab, ist zeitweise fast zwei Sekunden schneller.

Kurz vor Rennende hängt Schumacher dem Ferrari im Nacken. In Runde 65 (von 67) ist es soweit: In der letzten Schikane presst sich der Benetton-Pilot außen (!) am Kampflinie fahrenden Alesi vorbei. 100.000 Schumi-Fans in der Eifel toben – ein weltmeisterliches Manöver.

"Er hat heute die Linie überschritten, die die Guten von den Besten trennt", resümiert der britische Journalist Alan Henry Schumachers einzigartigen Nürburgring-Triumph.

3. Häkkinens Meisterstück - 27. September 1998

Mika Häkkinen, Michael Schumacher, Nürburgring, 1998
1998 musste sich Schumacher am Nürburgring seinem Rivalen Mika Häkkinen geschlagen geben
© Imago Sportfotodienst

Punkgleich reisen die WM-Rivalen Michael Schumacher und Mika Häkkinen 1998 zum "Luxemburg-GP" an den Nürburgring. Beim vorletzten Rennen der Saison kann eine Vorentscheidung im Titelkampf fallen. Was ein Thriller! Und Schumacher scheint zunächst die besseren Karten und Nerven zu haben. Der Ferrarista schießt am Samstag auf Pole, Adjutant Eddie Ervine platziert sich dahinter als Prellbock vor Häkkinen.

Am Wahl-Sonntag glaubt Schumacher – genau wie Kanzler Helmut Kohl – fest an einen Sieg. Beide sollen sich irren. Dabei läuft nach dem Start erst einmal alles für Schumacher. Häkkinen hängt wie erhofft rundenlang hinter Irvine, während der Deutsche an der Spitze ein Polster aufbaut.

Aber: Schumacher hat weniger Sprit im Tank, muss als Erster in die Box. Jetzt schlägt Häkkinens Stunde: Der Finne knallt im McLaren-Mercedes eine schnellste Runde nach der anderen hin, ehe auch er zum Reifenservice abbiegt. Spannung pur: Häkkinen rollt aus der Box, Schumacher rast auf Start/Ziel zu. Es wird ganz eng! Am Boxenausgang schert der McLaren-Pilot hauchdünn vor dem Deutschen wieder ein. Die Würfel sind gefallen.

Häkkinen gewinnt und übernimmt dank seines Eifel-Meisterstücks mit vier Punkten Vorsprung die WM-Führung. Beim Saisonfinale in Japan krönt er sich erstmals zum Champion.

4. Kopfüber-Crash - Mysteriöser Defekt - Stewart-Sensation - 26. September 1999

Pedro Diniz hatte Glück, dass er diesen Crash am Nürburgring nur mit Prellungen überlebte
Pedro Diniz hatte Glück, dass er diesen Crash am Nürburgring nur mit Prellungen überlebte
© Imago Sportfotodienst

Beim Europa-GP 1999 geht es drunter und drüber. Unmittelbar nach dem (zweiten) Start muss Alexander Wurz (Benetton) dem lahmenden Jordan von Damon Hill ausweichen und kracht in den Sauber von Pedro Diniz. Der Brasilianer wird ausgehebelt, überschlägt sich und schlittert kopfüber über die Wiese. Diniz hat Glück im Unglück – außer Prellungen an Schulter und Knie passiert ihm nichts.

Nach einer Safety-Car-Phase geht das irre Rennen weiter. Es regnet – ein Strategiepoker beginnt. Der Führende Heinz-Harald Frentzen macht im Jordan alles richtig, ehe ihn ein mysteriöser Defekt nach seinem Boxenstopp in Runde 31 aus dem Rennen – und dem WM-Kampf – reißt.

Danach wirft das Wetter endgültig alles über den Haufen. Erst Sonne, dann wieder Regen, dann wieder Sonne. Johnny Herbert behält in all dem Durcheinander den Überblick, rast im Stewart-Ford völlig unverhofft zum einzigen Grand-Prix-Sieg für das Team von Sir Jackie Stewart.

Ein Drama erlebt das von vielen F1-Fans geliebte Hinterbänkler-Team Minardi. Luca Badoer nutzt den turbulenten Rennverlauf, liegt in dem sonst chancenlosen Renner sensationell auf Platz 4 – da streikt das Getriebe. Nicht nur Badoer kommen die Tränen.

5. Der Kanzler gratuliert dem Regengott - 21. Mai 2000

Lob vom Kanzler - Gerhard Schröder gratuliert Michael Schumacher zu dessen Regen-Triumph beim Europa-GP2000
Lob vom Kanzler - Gerhard Schröder gratuliert Michael Schumacher zu dessen Regen-Triumph beim Europa-GP2000
© Imago Sportfotodienst , Rainer Schlegelmilch

Schon als die Ampel beim Europa-GP 2000 erlischt, geht es ab wie Schnitzel. Mika Häkkinen silberpfeilt sich von Startplatz 3 zwischen McLaren-Kollege David Coulthard und Polesetter Michael Schumacher vorbei an die Spitze. Lange halten kann er die aber nicht. Weil der Finne auf eine 1-Stopp-Strategie setzt und voll bis oben hin ist, zieht der mit weniger Sprit ausgestattete Schumacher früh wieder vorbei – und von dannen.

Als der Eifel-Himmel wenig später seine Schleusen öffnet, wird Schumacher seinem Ruf als Regengott gerecht, surft der Konkurrenz im Ferrari scheinbar mühelos um die Ohren.

Aber auch Häkkinen ist im Nassen kein trauriges Rennkind. Nach den letzten Boxenstopps robbt er sich noch mal bis auf fünf Sekunden an Schumi heran – auch, weil der beim Überrunden Zeit verliert.

Als Schumacher keine Hinterbänkler mehr vor der Nase hat und stattdessen Häkkinens McLaren-Mercedes im Verkehr steckt, zieht der Ferrari-Star wieder einsam seine Bahnen. Schumacher feiert seinen zweiten Triumph auf dem Nürburgring. Auf dem Podest gratuliert Bundeskanzler Gerhard Schröder stellvertretend für die im Schumi-Rausch schwelgende Auto-Nation.