Wegen Fluglärm

Isernhagener wird bis zu 30 Mal wach in der Nacht

Am Flughafen Hannover-Langenhagen gibt es kein Nachtflugverbot: Mehr Urlaubsfeeling einerseits - kein Schlaf andererseits.
Am Flughafen Hannover-Langenhagen gibt es kein Nachtflugverbot: Mehr Urlaubsfeeling einerseits - kein Schlaf andererseits.
© RTL Nord

13. August 2021 - 14:37 Uhr

Kein Nachtflugverbot am Flughafen Langenhagen

Gemütlich ins Bett kuscheln und schön tief durchschlafen – das ist ein Traum einiger Anwohner in Isernhagen. Denn: Als einer der wenigen Flughäfen in Deutschland hat Hannover-Langenhagen nahezu keine Nachtflugbeschränkungen. Und das stört die Anwohner im Nachbarort jeden Sommer enorm! So sehr, dass sie von Folter und Terror sprechen.

Flugzeuge im Minutentakt

Dieter Poppe kann im Sommer wegen der nächtlichen Flugzeuge kaum mehr vernünftig schlafen.
Dieter Poppe kann im Sommer wegen der nächtlichen Flugzeuge kaum mehr vernünftig schlafen.
© RTL Nord

Schon sein ganzes Leben wohnt Eike Brand in der Nähe des Flughafens Hannover-Langenhagen. Doch nun stören ihn die Flieger so sehr, dass der zweifache Familienvater überlegt seine Heimat zu verlassen. "Um 22 Uhr machen die anderen Flughäfen zu. Das heißt: Anschlussflüge aus Paris, Wien, Zürich kommen nach Hannover eingeflogen zwischen 22 und 24 Uhr, wo man Einschlafen will – und das zum Teil im Minutentakt! Da ist kein Einschlafen möglich." sagt der gebürtige Isernhagener.

Auch Dieter Poppe, Sprecher der Initiative BON-HA kämpft für das Nachtflugverbot. Er ist sauer: "In totalitären Staaten gibt es die Folter durch Schlafentzug, das ist bekannt. Und was ist das anderes hier, wenn wir im Sommer keine Nacht durchschlafen können und 20,30 Mal aufgeweckt werden und das mit behördlichem Segen. Was ist das dann? Wie soll ich es nennen? Soll ich sagen: Naja, dumm gelaufen? Ich sage: Das ist behördlich genehmigter – in Tüttelchen, nicht strafrechtlicher – Terror!"

Das sagt die Politik

Am Hannover-Langenhagen gibt es kein Nachtflugverbot.
Urlaubsflüge mitten in der Nacht - und das im Minutentakt.
© RTL Nord

Insgesamt starten und landen zwar immer weniger Maschinen am Flughafen, auch Tag-Flüge nehmen tendenziell ab, doch die Zahl der Nachtflüge ist von rund 10.000 auf weit über 15.000 pro Jahr gestiegen! 2020 sind die Flugbewegungen dann durch Corona um 65% gesunken. Das Niveau von 2019 wird erst in 5 Jahren wieder erwartet. Wir haben uns die Flugbewegungen in Hannover Ende Juli angeschaut. In der Zeit von 22 bis 6 Uhr morgens starten und landen - bis auf wenige Ausnahmen - nur Touristenflieger und das im Schnitt alle 16 Minuten. Die Türkei, Griechenland und Spanien werden am häufigsten angeflogen.

Kann die Zahl der nächtlichen Urlaubsflieger nicht einfach reduziert werden? Auf RTL Nord-Anfrage sagt das niedersächsische Wirtschaftsministerium: "Die Flugzeiten werden in einem komplexen Zusammenspiel zwischen Airlines, der Deutschen Flugsicherung und den jeweiligen Flughäfen festgelegt, unter anderem mit Blick auf Nachfrage, Verfügbarkeit der Flugzeuge, Kapazitäten des Luftraumes sowie anderer Flughäfen. Dies ist der Grund dafür, dass es häufig keine Möglichkeit gibt, Flüge aus der Nacht in den Tag zu verlagern."

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Nachtflüge sind lukrativ

Und auch der Flughafen Hannover-Langenhagen führt aus: "Ohne 24h-Flugbetrieb haben touristische Fluggesellschaften keinen Grund mehr, Flugzeuge in Hannover zu stationieren, da die Flugpläne nicht mehr produktiv genug sind."

Der Nachtflughafen ist scheinbar ein lukratives Geschäft. Denn Fluggesellschaften können nur so ihre Maschinen 24 Stunden lang im Umlauf halten. Urlauber finden das vor allem praktisch: "Das ist auch ein Vorteil. Wenn du nach Griechenland kommst, dann ist schon recht früh und den ganzen Tag hast du dann für dich" und "der Hauptgrund tatsächlich war, dass wir dann mehr vom Tag haben." sagen Nachtflieger am Flughafen im RTL-Nord Interview.

Anwohner sind verzweifelt

Am Hannover-Langenhagen gibt es kein Nachtflugverbot.
Eine Aufzeichnung der Lärmmessstation auf Eike Brands Dachboden.
© RTL Nord

Auf dem Dachboden in Isernhagen hat Eike Brand eine Lärmmessstation installiert. Die Daten werden in das öffentliche System des Deutschen Fluglärmdiensts gespeist - jeder Überflug wird festgehalten. "Man sieht auch ganz klar, dass Schwerpunkte auf der Nacht liegen. Hier sieht man zwischen 0 und 2 Uhr 30, da sind hier alle 12 Minuten Flieger über das Dach gegangen und mit teilweise 80 Dezibel." sagt der Familienvater.

Erlaubt ist das nur, weil der Fluglärm im Durchschnitt und nicht am einzelnen Ereignis gemessen wird, erklärt uns Anwohner Dieter Poppe: "Damit das jetzt jeder mal versteht, erkläre ich es ganz einfach: Am Montag landet ein Flugzeug mit 100 Dezibel. Am Dienstag landet kein Flugzeug. Dann sind das im Durchschnitt 50. Und bei 50 Dezibel gibt es keine Gesundheitsgefährdung (...). Aber im Durchschnitt 50 ist ja nicht, dass ich im Durchschnitt nur 50% schlafen darf. Ich habe jede Nacht ein Schlafbedürfnis von mehreren Stunden."

Finanzielle Zuschüsse für Lärmschutzmaßnahmen gibt es auch nicht, denn die Anwohner wohnen außerhalb der sogenannten Lärmschutzzone und das obwohl die Flugzeuge direkt über die Dächer fliegen.

Ein kleiner Lichtblick am Himmel

Eike Brand überlegt mit seiner Familie wegen nächtlichen Lärms aus seiner Heimat wegzuziehen.
Eike Brand überlegt mit seiner Familie wegen nächtlichen Lärms aus seiner Heimat wegzuziehen.
© RTL Nord

Zumindest sehen die CDU und SPD mittlerweile einen Handlungsbedarf. Sie wollen über ein neues, gerechtes Gutachten im Wirtschaftsausschuss im September beraten.

Für die Bürgerinitiative ein positives Signal, für den 50-Jährigen Eike Brand und seine Familie wahrscheinlich die letzte Hoffnung: "Je älter ich werde, desto schlimmer wird das auch mit dem Lärmempfinden. Und für mich ist klar, dass ich auf Dauer hier nicht leben kann, wenn sich nichts ändert am Himmel. Ich werde deswegen Wegziehen müssen. Ich werde deswegen meine Heimat verlassen müssen." Bleibt zu hoffen, dass es nicht so weit kommen muss… (kum/sju)