Heute vor 53 Jaren

Der erste Europapokal-Sieg des FC Bayern

FC Bayern 1967
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31. Mai 2020 - 11:02 Uhr

Als der FC Bayern Geschichte schrieb

Sieben Europapokal-Erfolge feierte der FC Bayern in seiner Vereinsgeschichte. Den letzten Cup gewannen die Münchner vor sieben Jahren im Champions-League-Finale gegen Borussia Dortmund. Ihren ersten europäischen Titel holten die Bayern heute vor 53 Jahren am 31. Mai 1967  – und das in ihrem erst zweiten Bundesliga-Jahr.

Von Reinhard Brings

Der FC Bayern gehörte nicht zu den Gründungsmitgliedern der Fußball-Bundesliga, die 1963 in ihre erste Saison ging. Im Jahr 1965 schaffte Bayern den Sprung in die höchste deutsche Spielklasse und erreichte sofort im ersten Jahr Rang drei. Auf Anhieb gewann der Aufsteiger den DFB-Pokal – im Endspiel 1966 besiegten die Bayern den Meidericher SV mit 4:2. So war die Mannschaft um Franz Beckenbauer, Sepp Maier und Gerd Müller dann auch sofort im europäischen Wettbewerb unterwegs und startete im Europapokal der Pokalsieger. Dieser Wettbewerb war damals nach dem Landesmeister-Pokal der zweitwichtigste in Europa, er wurde aber 1999 im Zuge einer Reform abgeschafft.

Der Weg ins Finale

Über Tatran Presov (Slowakei) und die Shamrock Rovers (Irland) zogen die Bayern ins Viertelfinale ein. Dort wurde es eng für die Münchner – sie verloren bei Rapid Wien mit 0:1, machten aber im Rückspiel das Ergebnis wett durch einen Treffer von Rainer Ohlhauser (59.). In der Verlängerung war es der 21-jährige Gerd Müller (106.), der mit dem 2:0 die junge aufstrebende Mannschaft ins Halbfinale schoss. In Österreich war man hinterher sauer auf den schottischen Referee: "Der Schiedsrichter warf Rapid aus dem Europacup", schrieb der "Expreß".

Gerd Müller, der schon in seinem zweiten Bundesliga-Jahr mit 28 Treffern gemeinsam mit dem Dortmunder Lothar Emmerich Torschützenkönig wurde, war auch europäisch nicht zu stoppen. Im Pokalsieger-Cup 1967 traf er achtmal, war damit der beste Torjäger. Der österreichische Nationalspieler Norbert Hof, der auch ein Jahr für den HSV spielte, beschrieb das Phänomen Gerd Müller einmal so: "Ich haben noch nie gegen einen Mann gespielt, der einen solchen Torinstinkt hat. Je näher Müller zum Tor kommt, desto explosiver wird er. Außerhalb des Strafraums ist er wie ein Lamm. Im Strafraum wird er zum reißenden Wolf."

Im Halbfinale schaltete Bayern Standard Lüttich aus. 2:0 an der Grünwalder Straße und 3:1 in Belgien siegten die Deutschen, vier der fünf Treffer gingen allein auf das Konto von Müller, der daraufhin "Mr.Europacup" getauft wurde.

Das Endspiel

Austragungsort des Finales war Nürnberg. Die UEFA hatte sich – wie üblich – schon Monate vorher festgelegt und wohl nicht damit gerechnet, dass die Bayern so weit kämen. Denn in der Fußballwelt waren die Münchner 1967 noch ein unbeschriebenes Blatt. Gegner waren die gefürchteten Glasgow Rangers. Die Wetten standen 80:20 für Glasgow. Maier bat ganz Nürnberg öffentlich um Unterstützung: "Ganz alleine können wir es auch nicht schaffen."

In der Nacht vor dem Finale war Maier ungewollt bereits ein Hauptdarsteller. Bayerns Trainer Zlatko "Tschik" Cajkovski hatte seine junge Mannschaft eindringlich vor der Kopfballstärke der Schotten gewarnt, so eindringlich, dass der Bayern-Keeper sogar davon träumte. 
Ein Schrei riss in der Nacht im Mannschaftshotel das gesamte Team aus dem Schlaf. "Bist Du wahnsinnig?", brüllte Maiers Mitspieler und Bettnachbar Hans Rigotti. Was war passiert? Der Torwart hatte im Traum nach einer schottischen Flanke gegriffen und im wahren Leben nach dem Kopf seines Zimmerkollegen, der um sein Leben fürchtete. Maiers "Fehlgriff" war noch beim Frühstück das große Thema.

Der 31. Mai 1967 war ein verregneter Tag, dennoch waren am Abend 70.000 Zuschauer im "Städtischen Stadion" in Nürnberg voller Vorfreude auf das Spiel und standen mit Leidenschaft hinter den Bayern. Der Autor Peter Berger erzählt in seinem Buch "König Fußball": "Es waren gleichwertige Gegner. Es war ein Spiel, wie man es nur selten erlebt. Eine herrliche Begegnung, in dem Schönheit und Kampf herrschten, getragen von dem unbeugsamen Willen aller 22 Akteure, aus diesem Treffen als Sieger hervorzugehen. Dies mag der Hauptgrund dafür sein, dass keine Tore fielen. Doch Tore, die das Salz eines jeden Fußballspiels bedeuten, in Nürnberg wurden sie an diesem 31. Mai kaum vermisst. Dafür war das Geschehen zu aufregend, zu mitreißend."
0:0 stand es nach 90 Minuten – das bedeutete Verlängerung. Dann kam die 108. Minute - und der große Moment des Franz "Bulle" Roth: Artistisch erzielte der 21-Jährige das 1:0. Im "Kicker" erinnert sich der Siegtor-Schütze: "Im Fallen erreichte mich der lange Ball, der Torwart kam raus, der Ball ging über ihn und unter die Latte. Da war Glück dabei, es war aber auch der Lohn für die gute Arbeit. Es waren noch lange zwölf Minuten bis zum Abpfiff, eine richtige Chance zum Ausgleich hatten die Rangers aber nicht mehr."

Kraftpaket "Bulle" Roth

Franz Roth blieb bei den Bayern immer ein wenig unter dem Radar, weil die Fußballwelt meistens nur über die Achse Maier - Beckenbauer - Müller sprach. Dabei erzielte Roth auch in zwei Landesmeister-Europacup-Finals entscheidende Tore: Beim Triumph 1975 in Paris gegen Leeds United (2:0) gelang ihm das 1:0, 1976 in Glasgow erzielte er gegen St. Étienne (1:0) den einzigen Treffer.

"Bulle" Roth spielte von 1966-1978 322 Mal für den FC Bayern. Er gilt als einer der Mitbegründer des "Mia san mia". Früher im Training nahm sich der Bulle vor allem die Jungen zur Brust. "Wenn sie nicht pariert haben, wurde der Körpereinsatz erhöht", sagte Roth schmunzelnd. Breitner, Hoeneß und wie sie alle hießen, "die mussten durch unsere Schule." Uli Hoeneß erinnert sich: "Ich habe mir im Training Schienbeinschoner angezogen, weil ich wusste: wenn der Franz Roth sauer auf mich ist, fegt er mich auf die Aschenbahn. Das Training war Überlebenskampf – und ich habe mich dabei wunderbar entwickelt."

Franz Bulle ROTH liegt im Bett und schaut auf den Europapokal, der auf dem Nachttisch steht,
Franz "Bulle" Roth nahm den Pokal über Nacht mit aufs Zimmer
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Nach dem Finale

Als zweite deutsche Mannschaft nach Borussia Dortmund (1966) hatte es der FC Bayern geschafft, für Deutschland einen Europapokal zu gewinnen – und das als großer Außenseiter. In "König Fußball" heißt es:  "Die Freude der Menschen im Nürnberger Stadion war unbeschreiblich. Sie wussten einfach nicht mehr, was sie in ihrer Freude anstellen sollten. Sie weinten und lachten, schossen Raketen in den nachtdunklen Himmel, sangen und lagen sich glückselig in den Armen. Den Saisonausklang 1966/67 konnte man sich nicht schöner vorstellen."

Es war der Startschuss der großen Bayern-Ära. Am nächsten Tag bereiteten die Münchner dem Sieger-Team einen großartigen Empfang. "Da waren Leute ohne Ende, der Marienplatz war total voll. Schon auf der Autobahn standen vor München die Leute auf den Brücken, in Schwabing in Fünfer- und Zehnerreihen am Straßenrand. Sensationell!" – so Siegtorschütze "Bulle" Roth, der den Pokal in der Nacht mit ins Bett genommen hatte.

Die Rangers revanchierten sich übrigens fünf Jahre später für die Niederlage von Nürnberg. 1972 im Halbfinale des Europapokals der Pokalsieger trafen sich die Mannschaften wieder: Nach einem 1:1 im Hinspiel warfen die Schotten die Bayern vor 80.000 Zuschauerrn im Ibrox-Park mit 2:0 raus. Statt der Bayern zogen die Rangers ins Endspiel ein. Das Finale gewannen die Glasgow Rangers gegen Dynamo Moskau mit 3:2 und holten den größten Erfolg in ihrer Vereinsgeschichte.

Liste der Europacup-Endspiele des FC Bayern

12 Finals – 7 Siege – 5 Niederlagen

Jahr Pokal Begegnung Ergebnis
1967 Pokalsieger FC Bayern - Glasgow Rangers 1:0 n.V.
1974 Landesmeister FC Bayern - Atletico Madrid 1:1 n.V., / 4:0
1975 Landesmeister FC Bayern - Leeds United 2:0
1976 Landesmeister FC Bayern - AS St. Etienne 1:0
1982 Landesmeister FC Bayern – 
Aston Villa
 
0:1
1987 Landesmeister FC Bayern - FC Porto 1:2
1996 UEFA-Pokal    FC Bayern
 – Girondins Bordeaux 
2:0 und 3:1
1999 Champions League   FC Bayern – 
Manchester United
 
1:2
2001 Champions League FC Bayern
 – FC Valencia  
1:1 n.V. / 5:4
2010 Champions League FC Bayern – 
Inter Mailand
 
0:2
2012 Champions League FC Bayern – 
FC Chelsea
  
1:1 n.V. / 3:4
2013 Champions League FC Bayern
 – Borussia Dortmund
2:1