Viel Unruhe in München

Das sind die größten Baustellen der Krisen-Bayern

Soccer Football - Champions League - Group C - Bayern Munich v FC Barcelona - Allianz Arena, Munich, Germany - September 13, 2022  Bayern Munich coach Julian Nagelsmann with Sadio Mane after he was substituted REUTERS/Andreas Gebert
Beim FC Bayern läuft es diese Saison in der Bundesliga noch nicht rund
jb, REUTERS, ANDREAS GEBERT

von Tobias Knoop

Nach dem schlechtesten Saisonstart in der Fußball-Bundesliga seit 2010/2011 brennt beim FC Bayern der Baum. Vier Spiele blieb der deutsche Rekordmeister zuletzt ohne Sieg und stürzte auf Tabellenplatz fünf ab. Dass es zwischen Trainer Julian Nagelsmann und der Mannschaft knirscht und trotz der Verpflichtung von "Weltstar" Sadio Mané ein Angreifer mit Killerinstinkt fehlt, sind nur zwei der zahlreichen Münchner Probleme.

Das sind die größten Baustellen rund um die Säbener Straße:

Viel Unruhe um Julian Nagelsmann

Als Julian Nagelsmann im Sommer 2021 das Traineramt beim FC Bayern übernahm, sollte er eine neue Erfolgsära prägen. Dass der heute 35 Jahre alte Shooting-Star in München einen Fünfjahresvertrag erhielt, sprach für das große Vertrauen, das ihm die Verantwortlichen entgegen brachten.

Gut ein Jahr später ist ein Stück weit Ernüchterung eingekehrt. Seit Anfang 2022 stottert der Motor des Star-Ensembles von der Isar immer wieder.

In seiner Debütsaison holte das Team unter Nagelsmanns Regie mit der Meisterschaft nur einen Titel. Dazu kommt nun der desaströse Start in seine zweite Spielzeit als Coach der Münchner.

Längst sollen sich nicht mehr alle Profis mit der manchmal ins Selbstdarstellerische abgleitenden Außendarstellung von Nagelsmann identifizieren können.

Seine taktische Herangehensweise und mangelnde Selbstkritik werden intern angeblich inzwischen hinterfragt. Einige Spieler hadern mit ihren wenigen Einsatzzeiten, Neuzugang Ryan Gravenberch beklagte sich sogar öffentlich darüber. Zudem sorgt Nagelsmanns Beziehung zu einer "Bild"-Journalistin für Unruhe.

Das "Wichtigste" bei einem Trainer sei dessen "Glaubwürdigkeit", sagte zuletzt "Sky"-Experte Dietmar Hamann, "und da musst du schauen, dass du keine Angriffsfläche bietest." Die aktuelle Ergebniskrise komme "nicht aus dem Nichts".

Noch stellen sich die Klub-Bosse öffentlich zwar vor Nagelsmann. Schafft er nicht bald den Turnaround, könnte es aber ungemütlich für ihn werden. Zumal mit Thomas Tuchel ein namhafter Trainer auf dem Markt ist, der in der Vergangenheit bereits ein Thema beim FC Bayern war und einem Wechsel nach München wohl nicht abgeneigt wäre.

Bayern-Trainer Julian Nagelsmann (M.) mit seiner neuen Freundin Lena Wurzenberg (l.)
Julian Nagelsmanns Freundin Lena Wurzenberg (l.) bringt beim FCB offenbar Unruhe in den Laden
Imago Sportfotodienst

Das Lewandowski-Mané-Problem

Als sich Robert Lewandowski im Sommer nach acht Jahren beim FC Bayern und 344 Pflichtspieltreffern in Richtung FC Barcelona verabschiedeten, prophezeiten nicht wenige Experten den Münchnern ein Mittelsturm-Problem.

Spiele wie das 5:3 im Supercup gegen RB Leipzig, der 6:1-Sieg zum Bundesliga-Auftakt bei Eintracht Frankfurt oder das 7:0 gegen den VfL Bochum schienen die Kritiker Lügen zu strafen.

Der quasi als Lewandowski-Nachfolger verpflichtete Sadio Mané spielte herausragend. Es hagelte Lobeshymnen für die neue Flexibilität der Bayern-Offensive.

"Es entsteht fast der Eindruck, dass die Münchner ohne Lewandowski sogar noch besser sind", schrieb Rekord-Nationalspieler Lothar Matthäus in seiner "Sky"-Kolumne. Es sei "mehr Spielfreude da", andere Spieler hätten nun "mehr Freiheiten".

Die Partie gegen Borussia Mönchengladbach, die trotz drückender Überlegenheit und 35:5 Torschüssen nur 1:1 endete, säte erste Zweifel an der neuen Offensiv-Power des FC Bayern.

Mané traf anschließend nur noch in der ersten Runde des DFB-Pokals gegen Drittligist Viktoria Köln. Danach versank der Senegalese, den Sportvorstand Hasan Salihamidzic bei seiner Verpflichtung als "Weltstar" anpries, im Formloch.

Auch andere Offensivspieler wie Thomas Müller und vor allem Serge Gnabry liefern derzeit nicht wie gewohnt ab. Leroy Sané bleibt in seinen Leistungen zu schwankend. Kingsley Coman plagte sich einmal mehr mit einer Verletzung herum.

Youngster Mathys Tel zeigt zwar gute Ansätze, ist aber (noch) kein ernsthafter Anwärter für einen dauerhaften Stammplatz.

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(Noch) keine Achse beim FC Bayern

Vorne pfui und hinten auch? Zwar kassierte der FC Bayern in den bisherigen sieben Bundesligaspielen nur sechs Gegentreffer, in der Champions League bei den Siegen gegen Inter Mailand und den FC Barcelona stand sogar die Null.

Dennoch ist im defensiven Gesamtgefüge des Rekordmeisters längst nicht alles Gold, was glänzt.

Der als neuer Abwehrchef verpflichtete Matthijs de Ligt hatte zu Saisonbeginn mit Fitnessproblemen zu kämpfen. Der erhoffte Stabilisator und Kommandogeber ist der 23-jährige Niederländer noch nicht.

Das gilt auch weiterhin für Dayot Upamecano, der guten Leistungen gegen Frankfurt und den VfL Wolfsburg zuletzt wieder einige durchwachsene Auftritte folgen ließ. Zu allem Überfluss fehlt der bislang stabilste Innenverteidiger Lucas Hernández noch mehrere Wochen wegen eines Muskelbündelrisses.

Auch die Stabilität in der Mannschaft insgesamt ist noch lange nicht bei 100 Prozent. Um den Platz im zentralen Mittelfeld neben dem gewohnt souverän aufspielenden Joshua Kimmich bewerben sich mit Leon Goretzka, dem wiedererstarkten Marcel Sabitzer sowie Gravenberch gleich drei Akteure.

Eine echte Achse, die von Manuel Neuer im Tor über Abwehr und Mittelfeld bis ganz nach vorne reicht, hat sich noch nicht herausgebildet.

Mangelnde Einstellung?

Die Mentalitätsdebatte war in den letzten Jahren eigentlich dem Münchner Rivalen Borussia Dortmund vorbehalten. Jetzt hat sie auch die bayerische Landeshauptstadt erreicht.

"Gallig und giftig" müsse man in der Bundesliga "bis zur letzten Sekunde" sein, mahnte Müller zuletzt vielsagend.

"Wir haben Probleme gegen Mannschaften, die körperlich gegen uns spielen. Wenn wir diese gewisse Disziplin, Gier und Körperlichkeit nicht bringen, können wir nicht gewinnen", stellte Salihamidzic unumwunden fest.

Nagelsmann monierte in deutlichen Worten, seine Mannschaft spiele "es im letzten Drittel zu laissez-faire".

Tatsächlich stellt sich nach den letzten Wochen die Frage, ob die letzte Gier, auch den elften Meistertitel in Folge zu gewinnen, noch bei allen Spielern gleichermaßen vorhanden ist. Die Diskrepanz zwischen den Leistungen im Liga-Alltag und auf der großen Champions-League-Bühne ist auffällig.

Dazu kommt: Lewandowski war nicht nur als Torjäger wichtig für den FC Bayern, sondern auch ein Mentalitätsmonster, das jedes Spiel unbedingt gewinnen wollte und seine Teamkollegen mitriss.