Edith Gätjen im Interview

Expertin erklärt: Das hilft Familien bei Stress ums Essen

Essen und Trinken: ein Beziehungsthema, weiß Edith Gätjen
Essen und Trinken: ein Beziehungsthema, weiß Edith Gätjen
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15. Oktober 2021 - 12:15 Uhr

Ess-Erziehung beginnt schon im Mutterleib

Dass Kinder das Essen erstmal lernen müssen, ist vielen Eltern gar nicht klar, hat Edith Gätjen in ihrer jahrelangen Beratungspraxis beobachtet. Sie ist Diplom-Ökotrophologin, bildet Ernährungsberater aus und ist zudem systemische Paar- und Familientherapeutin und Buchautorin ("Lotta lernt essen"*, "Das geniale Familien-Kochbuch"*). Mireilla Zirpins hat mit ihr darüber gesprochen, woher es kommt, dass Eltern am Esstisch Dinge erwarten, die die Kinder gar nicht leisten können und warum Esserziehung schon in der Schwangerschaft beginnt.

Müssen Kinder Essen probieren? "Never ever!"

Warum ist das Essen in vielen Familien so ein Problem?
Kinder sollen immer schön sauber und gesund essen und immer die richtige Portionsmenge. Da haben Erwachsene eine richtig gute Vorstellung, ohne zu gucken, was Kinder eigentlich wollen. Diese Diskrepanz macht das Problem aus. Essen ist ein Lernprozess und ein Verhalten. Von den Eltern wird es in der Regel aber rein auf der Lebensmittelebene betrachtet. Kein anderes Verhalten, ob die Kinder nun schreiben oder rechnen lernen, wird punktuell auf eine Ebene reduziert wie das Essen.

Woher haben die Eltern die Vorstellungen, wie ihr Kind essen soll?
Die Eltern haben einen ganz großen Druck. Sie lesen, was Kinder optimalerweise essen sollen, damit sie gesund groß werden. Wenn ein Kind nicht so isst, haben wir das Gefühl, wir machen etwas nicht richtig. Und da schwingt immer dieses Thema der Sorge mit rein. Denn was Kinder brauchen, um groß zu werden, ist: selbstbestimmt, gesundheitsförderlich und genussvoll zu essen. Wir müssen den Kindern vertrauen. Sorge ist im ersten Lebensjahr berechtigt. Aber ab dem 1. Geburtstag haben wir dann 17 Jahre Zeit als Eltern, um Vertrauen zu etablieren. Und da merke ich immer wieder, dass Eltern damit Schwierigkeiten haben. Insbesondere beim Essen: 'Man muss doch Gemüse essen.' Sie sind in puncto Essen mit den Kindern nicht in Beziehung.

Wie viel Gemüse braucht denn ein Kind?
Drei Portionen Gemüse und zwei Portionen Obst. Eine Portion ist dabei immer das Händchen des Kindes bzw. eine Schale aus beiden Händen, wenn es aufgeschnitten ist. Aber Sie machen das Angebot, und dann gucken Sie, was passiert. Fertig. Sie haben beim Essen eine sehr einfache Regelung: Sie bieten etwas an. Idealerweise drei Haupt- und zwei Zwischenmahlzeiten. Sie als Eltern sagen, wann es was zu essen gibt, was es zu essen gibt und wie es das gibt. Und ihr Kind, ob es etwas davon essen möchte und wie viel es davon essen möchte. Und für beide Parteien gilt: ein Nein ist ein Nein.

Wie geht das zusammen mit dem Probierzwang in manchen Kitas?
Never ever! Kein Kind muss probieren! Niemals! Aber jedes Kind hat die Möglichkeit, sich mit allen Sinnen mit dem Essen auszuprobieren. Der Teller ist privat, der Mund ist intim. Es kommt noch nicht mal was auf den Teller, was ich da nicht haben möchte. Das geht auf gar keinen Fall. Stellen Sie sich mal vor, ich würde Ihnen was auf Ihren Teller tun, was Sie nicht haben wollen. Und ich würde Ihnen sagen, das müssen Sie probieren und runterschlucken, ansonsten lese ich Ihnen gleich nichts vor! Oder gebe Ihnen keinen Nachtisch. Das ist übergriffig und geht gar nicht!

Wussten Sie, dass Babys schon im "Mutterleib" mitschmecken?
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Picky Eaters - gibt es das wirklich? Ja!

Unsere Eltern haben als Kinder den Mangel kennengelernt. Ihre Eltern hatten als Erwachsene im Krieg gehungert. Für sie war es undenkbar, dass man Nahrung verschmäht. Prägt uns das?
In uns steckt ganz viel Ernährungsbiografie. Und das überträgt sich auch. Es braucht in der Regel drei Generationen, bis sich so etwas 'ausgemendelt' hat. Mein Bestreben ist, dass die Eltern von Anfang an beginnen, eine gute Essbeziehung aufzubauen. Die beginnt schon im Mutterleib. Ab der achten Schwangerschaftswoche schmeckt das Kind schon die Familienküche. Ich kann hier schon geschmacklich und gesundheitsförderlich prägen. Das Wissen ist bei vielen schwangeren Frauen nicht vorhanden.

Bei Schulungen in Kitas lasse ich die Teams erarbeiten, wer oder was da mit einem Kind am Tisch sitzt – real und virtuell. Nach 15-20 Minuten ist das ganze Chart voll: Eltern, Großeltern, Bildungsträger, Deutsche Gesellschaft für Ernährung, Religion, Allergien, Atmosphäre, Ekel, Lautstärke, Essbiografie der Erzieher. Und dann sage ich: Jetzt habt ihr da 20 Kinder sitzen! Ihr glaubt doch nicht, dass es am Kohlrabi liegt oder dass es das Kind in irgendeiner Weise schuld ist, wenn es dort nicht isst.

Ich möchte die Schuld von den Kindern nehmen. Im Moment geht mir das mehr und mehr auf den Zeiger, dass den Kindern die Schuld in die Schuhe geschoben wird. Die Kinder sind nicht "wählerisch". Da steckt schon eine Bewertung drin. Dazu müsste das Kind etwas aktiv tun. Aber das tut es nicht. Es gibt Kinder, die sind beim Essen vielleicht zögerlich, haben aber woanders ganz viel Mut. Und dann gibt es Kinder, die beim Essen ganz viel Mut haben, die 'Hobbyesser', wie ich sie nenne. Denen können sie alles vorsetzen. Aber die bleiben vielleicht vor dem Klettergerüst stehen. Andere klettern vielleicht hoch, haben aber Angst vor Grünkohl.

Gibt es denn wirklich sowas wie "Picky Eaters"?
Ich nenne die 'Picky Eaters' lieber 'Supertaster'. Es gibt Kinder, die doppelt so viele Geschmacksknospen im Mund und Zungenraum haben. Sie sind hochsensibel, was die Konsistenzen angeht und schmecken sehr, sehr stark. Diese Kinder brauchen mehr Zeit, bis sie dem Essen gegenüber mehr Vertrauen aufbauen. Die schmecken alles raus. Immer wieder erleben wir es, dass Kinder etwas nicht essen möchten und einen richtigen Riecher dafür haben, dass sie etwas nicht gut vertragen. Nicht alle Kinder vertragen diese großen Mengen an Rohkost. Deren Bauch braucht einfach eher ein Brötchen. Wir erleben Kinder, die mit acht oder neun Monaten vehement den Milchbrei ablehnen, den Kopf wegdrehen. Die haben oft eine Milcheiweißallergie.

LESE-TIPP: Ist Ihr Kind ein "Picky Eater"?

Kinder müssen Lebensmittel nicht 20 Mal probieren, bevor sie wissen, ob es ihnen schmeckt. Sie müssen bis zu 20 Mal mit einem Lebensmittel Kontakt haben: das Lebensmittel 20 Mal gesehen, gerochen oder angefasst haben. Gesehen haben, wie es sich andere auf den Teller getan haben, gehört haben, wie es geschnitten wird. Es geht darum, es mit allen Sinnen zu erfahren, sich mit dem Essen auszuprobieren. Der Mund ist das Intimste. Und kommt daher beim Ausprobieren zuallerletzt. Ich vergleiche das gern mit der Eingewöhnung in der Kita: Das machen wir auch ganz langsam.

Anders ist es bei jungen Erwachsenen, die sich überlegt haben: Ab Montag lebe ich vegan. Dann nehmen die montags ihren Sojadrink und Sojajoghurt. Sie mögen ihn Montag nicht. Dienstag, Mittwoch, Donnerstag immer noch nicht, weil er ganz anders schmeckt als Kuhmilchjoghurt. Aber sie sind ja motiviert, denn sie sind ja jetzt vegan. Aber Freitag denken sie: Schmeckt eigentlich. Aber die haben ja auch eine Motivation, Kinder nicht.

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Edith Gätjen, Diplom-Oekotrophologin und Expertin für Kinderernährung
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Müssen Kinder mit Messer und Gabel essen? Sie können, müssen aber nicht

Die Kinderärzte sagen gern: In Deutschland verhungert kein Kind. Wann bestünde ein Grund zur Sorge für Eltern?
Den Satz der Kinderärzte würde ich gern ergänzen: kein körperlich und geistig gesundes Kind. Es gibt Kinder, die schon in frühen Jahren anorektische Züge zeigen, wenn sich die familiären Beziehungen nicht gut anfühlen. Sie nehmen vielleicht das Essen nicht an, um zu zeigen: Hier stimmt etwas nicht. Das sehen wir sogar an der Brust. Wenn es dann ein ausgewogenes und gesundes Angebot gibt, dann bin auch ich der Meinung, dass dieses Kind nicht verhungert. Es gibt Kinder, die autistische Züge haben. Im Alter von zwei oder drei Jahren ist das oft noch nicht als Erkrankung diagnostiziert, aber man ahnt vielleicht schon was. Das zeigt sich oft auch in einem Essverhalten, das auffällig ist.

Eltern schauen oft nur, was ihre Kinder bei den Hauptmahlzeiten essen. Wenn wir uns aber anschauen, was sie insgesamt am Tag zu sich nehmen, sind sie oft gar keine so 'schlechten' Esser. Wir haben das Thema der 'nicht so gut essenden Kinder' erst seit, 20, 22, vielleicht 25 Jahren. Weil es früher kein Snacken gab. Bei uns zuhause gab es drei Mahlzeiten. Wir hatten Hunger. Bei allen drei Mahlzeiten. Heute geht eine Mutter mit ihrem einjährigen Kind für anderthalb Stunden einkaufen oder auf den Spielplatz und hat einen ganzen Rucksack voll dabei – mit Äpfelchen und Dinkelstangen und Reiswaffeln und Getränken.

Wenn Sie sagen: Die Mahlzeit hat einen Anfang und ein Ende – wie ist das denn bei sehr unruhigen Kindern? Was würden Sie Eltern da empfehlen?
Oft sind die Kinder einfach nicht hungrig. Weil sie zu viel zwischendurch gegessen haben. Die Kinder bleiben dann meist für die ersten zehn Minuten sitzen, bis sie sich gesättigt haben. Bei mehreren Kindern in der Familie kann man eine Vereinbarung machen, dass die Kinder aufeinander warten.

Manche brauchen auch eine Pause und essen später weiter.
Das finde ich gar nicht so verkehrt. Bei den Kindergartenkindern setzt oft auch nach einer gewissen Essensmenge der Stuhlgang ein. Dann müssen die auch loslaufen und können nicht weiteressen. Aber was nicht passieren sollte: Dass sie das Essen mitnehmen in die Spielecke. Oder dass Eltern den Kindern mit dem Essen hinterherlaufen.

Wir zeigen unseren Kindern ja früh, wie man mit Besteck isst? Wäre es für die haptischen Erfahrungen mit Essen nicht besser, sie mit den Fingern essen zu lassen?
Sie können ruhig alles hinlegen – Messer, Gabel, Löffel. Und dann sollen die Kinder gucken. Es kann sein, dass es dem Supertaster fast zu eklig ist. Kann aber auch sein, dass er es braucht zum Untersuchen. Alles zur Verfügung stellen. Die Hälfte der Welt isst mit den Fingern. Aus einem Topf. Mehr Beziehung geht nicht. Essen ist ein Beziehungsthema.

Vielen Dank für das Gespräch!

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