Ratgeberbuch für Eltern im Check

Ist Ihr Kind ein "Picky Eater"?

Nee, das ess ich nicht! Kinder mögen eben nicht immer, was man ihnen vorsetzt.
Nee, das ess ich nicht! Kinder mögen eben nicht immer, was man ihnen vorsetzt.
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25. März 2021 - 11:37 Uhr

Entspannt an das Thema Ernährung rangehen

Isst mein Kind zu wenig oder einfach nur nicht das, was ich koche? Eine Frage, die viele Eltern beschäftigt. Schließlich wollen Mamas und Papas doch immer, dass ihr Kind sich gut entwickelt. Gutes Essen ist dabei ein wichtiger Faktor, aber in vielen Familien ein Streitpunkt, weil die Kinder und die Erwachsenen unterschiedliche Vorstellungen davon haben, was ein Kind lecker findet. Mireilla Zirpins hat sich Tatje Bartig-Prangs Buch "Picky Eaters"* angesehen und mit Ernährungsberaterin Edith Gätjen ("Lotta lernt essen"*) über entspannte Kinderernährung von Anfang an gesprochen.

Tatje Bartig-Prangs Regenbogenteller - Kinder können sich die Lebensmittel einzeln nehmen
Regenbogenteller - Kinder können sich die Lebensmittel einzeln nehmen
© NADIA GASMI

Das Fütter-Missverständnis beginnt oft schon beim Stillen

Bartig-Prangs These: Oft beginnt das Fütter-Missverständnis schon beim Stillen oder Fläschchengeben, etwa weil wir das Kind noch füttern, wenn es schon satt ist oder an feste Zeiten gewöhnen wollen. Oder wir versuchen eine Breikosteinführung, wenn das Kind noch gar nicht so weit ist. So früh eingeübte Muster setzten sich dann später am Tisch fort, meint die Kulturwissenschaftlerin, die Elternkurse zum Thema "Baby led weaning" gibt und Bücher wie "Breifrei"*, "Pipi Kacka"* oder "Autogene Geburt"* geschrieben hat. Sie hat beobachtet, dass viele Eltern von ihren Kindern ein ideales Essverhalten erwarten, dass die meisten gesunden Kinder gar nicht liefern können. "Wenn ein Kind nicht so isst, wie wir uns das vorstellen, haben wir das Gefühl, wir machen etwas nicht richtig. Und da schwingt immer dieses Thema der Sorge mit rein", bestätigt Edith Gätjen, Oekotrophologin und systemische Paar- und Familientherapeutin.

Wenn Eltern also denken "Mein Kind isst nicht", oder wenn sie denken, dass es zumindest nicht genug oder nicht das Richtige isst, gilt es herauszufinden, ob die Kinder wirklich zu wenig Nahrung aufnehmen. "Eltern schauen oft nur, was ihre Kinder bei den Hauptmahlzeiten essen. Wenn wir uns aber anschauen, was sie insgesamt am Tag zu sich nehmen, sind sie oft gar keine so 'schlechten' Esser", weiß Edith Gätjen.

Vielleicht hat Ihr Kind einfach nur konkrete und andere Vorstellungen vom Essen als Sie – oder es ist ein so genannter "Picky Eater" – in Begriff aus dem englischsprachigen Sprachraum, der sich auch bei uns durchsetzt. Edith Gätjen nennt die besondes geschmackssensiblen Kinder, die doppelt so viele Geschmacksknospen im Mund- und Zungenraum haben, lieber "Supertaster" und berichtet: "Diese Kinder brauchen mehr Zeit, bis sie dem Essen gegenüber mehr Vertrauen aufbauen."

Solange sich das Kind gut entwickelt und keine Gedeihstörung vorliegt, besteht laut Tatje Bartig-Prang und Edith Gätjen kein Grund zur Sorge. Aber die Eltern sollten ausschließen, dass ihr Kind nicht an einer vermeidenden Essstörung, auch restriktive Essstörung genannt, leidet. Das gelingt im Zweifelsfall mit Hilfe einer Fachkraft, zum Beispiel in einer Ernährungsberatung oder in einer psychologischen Praxis.

Ein Picky Eater - was ist das?

"Ein Kind isst oder verschmäht Nahrungsmittel aus bestimmten Gründen", meint Tatje Bartig-Prang. Nun gelte es herauszufinden, warum. Will das Kind uns ein Beziehungssignal senden? Verträgt es bestimmte Lebensmittel vielleicht gar nicht? Oder verabscheut es bestimmt Gerüche, Geschmacksfelder oder Konsistenzen, wird erschlagen von einem zu vollen Teller? Edith Gätjen berichtet im Interview: "Wir erleben Kinder, die mit acht oder neun Monaten vehement den Milchbrei ablehnen, den Kopf wegdrehen. Die haben oft eine Milcheiweißallergie." Auch hat sie schon Kinder gesehen, die in frühen Jahren anorektische Züge zeigen: "Das sehen wir sogar an der Brust. Kinder nehmen vielleicht das Essen nicht an, um zu zeigen: Hier stimmt etwas nicht in den familiären Beziehungen." Ein auffälliges Essverhalten trete zudem auch häufiger bei Kindern auf, die autistische Züge zeigen.

Und manchmal machen die Kinder auch einfach dicht, weil sie sich am Essenstisch unter Druck gesetzt fühlen. Hand aufs Herz: Möchten Sie gelobt werden, weil Sie "gut gegessen" haben, fragt Tatje Bartig-Prang? Oder von Ihrer Schwiegermutter vorgehalten bekommen, dass diese so lange in der Küche gestanden hat, und jetzt haben Sie nur zwei Scheiben Schweinebraten gegessen! Finden Sie übergriffig? So geht es Ihrem Kind vielleicht auch. Wie muss sich erst ein Kind fühlen, das zum Probieren gedrängt wird? "Never ever! Kein Kind muss probieren! Niemals!", fordert Edith Gätjen. "Stellen Sie sich mal vor, ich würde Ihnen was auf Ihren Teller tun, was Sie nicht haben wollen. Und ich würde Ihnen sagen, das müssen Sie probieren und runterschlucken, ansonsten lese ich Ihnen gleich nichts vor! Oder gebe Ihnen keinen Nachtisch. Das ist übergriffig und geht gar nicht!"

Beide Autorinnen wollen Eltern nicht nur dazu bringen, mal die Perspektive zu wechseln und zu reflektieren, warum wir das Essverhalten unserer Kinder so beurteilen und welche Erfahrungen wir selbst als Kinder mit Essen gemacht haben.

Tatje Bartig-Prang gibt in dem schmalen, gut konsumierbaren Bändchen Tipps, wie wir die Situation am Esstisch gelassener meistern können. Edith Gätjen hat zahlreiche Bücher zum Thema verfasst. In "Lotta lernt Essen" zeigt sie, wie Eltern eine gesunde Essbeziehung etablieren können – schon im Mutterleib. In anderen Büchern konzentriert sie sich stärker auf Rezepte, etwa in "Das geniale Familienkochbuch", mit dem sie Eltern und Kindern durchs Jahr führt mit einer ausgewogenen regionalen Küche, bei der der ökologische Fußabdruck stimmt. Gibt's übrigens auch als vegetarische Version.

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